You are here: Home content Publikationen Francia-Online Francia-Recensio 2009-3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815) R. J. Knecht, The French Renaissance Court (Christine Tauber)
Personal tools
Navigation
 

R. J. Knecht, The French Renaissance Court (Christine Tauber)

— filed under:
Robert J. Knecht, The French Renaissance Court

Francia-Recensio 2009/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Robert J. Knecht, The French Renaissance Court, New Haven, London (Yale University Press) 2008, XXIV–415 S., 24 4/c., 70 s/w Abb., 978-0-300-11851-3, GBP 25,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Christine Tauber, Bonn

Die Erforschung der europäischen Höfe in der frühen Neuzeit hat in den letzten Jahren stark an Konjunktur gewonnen, lässt sich doch auf diesem Untersuchungsfeld besonders gut die Tragfähigkeit einer avancierten Kulturgeschichte des Politischen erproben. Nach ersten eher trocken typologisierenden Annäherungen einerseits, materialreichen Detailstudien zu einzelnen Höfen andererseits, die jedoch selten eine theoretische Einbettung des Einzelfalls bieten oder zu Strukturgeneralisierungen vordringen, hat sich Barbara Stollberg-Rilinger insbesondere mit Fragen des (nicht nur höfischen) Zeremoniells beschäftigt. Bahnbrechend für die Erforschung des französischen Hofes im 16. Jahrhundert war die 2002 erschienene Untersuchung von Monique Chatenet »La cour de France au XVIe siècle« mit dem sprechenden Untertitel »Vie sociale et architecture«. Dort bot die Autorin nicht nur die Integration von Form- und Funktionsanalyse im französischen Schlossbau, sondern zudem ein umfassendes Bild des Hoflebens im Frankreich der Frühen Neuzeit, bislang ein Desiderat der Forschungsliteratur. Als ausgewiesene Kennerin der Residenzen der französischen Könige hatte sie bereits vor ihrer Synthese beeindruckende Einzelstudien zu den Schlössern Madrid, Chambord und St. Germain-en-Laye vorgelegt. Vergleichbares hat Nicolas Le Roux 2001 für die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts mit seinem Buch »La faveur du roi«: mignons et courtisans au temps des derniers Valois (vers 1547vers 1589) geleistet.

Aus diesem reichen Fundus von französischsprachigen Forschungsergebnissen schöpft jetzt der Doyen der französischen Renaissanceforschung in Großbritannien, Robert J. Knecht, in seiner Gesamtschau »The French Renaissance Court 14831598«. Fairerweise charakterisiert er im Vorwort seine »indeptedness« den beiden genannten Büchern gegenüber als »immense«. Deutschsprachige Literatur zum Thema bleibt hingegen weitestgehend unrezipiert. In Anlehnung an Chatenet konstatiert auch Knecht die Herausbildung eines höfischen Zeremoniells in der späteren Renaissance, dessen genauere Untersuchung bisher durch den langen Schatten, den Ludwig XIV. auf seine Vorgänger zurückwarf, vernachlässigt worden war: Bereits die Könige des 16. Jahrhunderts praktizierten den lever und coucher, ebenso wie den Conseil des affaires, während dem das königliche große Geschäft öffentlich verrichtet wurde. Knecht präsentiert auch die fortschreitende Ausweitung des königlichen logis (idealtypisch bestehend aus chambre, cabinet und garde-robe, manchmal erweitert um eine salle) zum appartement, indem sich vor das eigentliche Zimmer des Herrschers eine wachsende Zahl von antichambres lagern, die den königlichen Raum zur Enfilade ausweiten und damit Mechanismen der Distanzierung und stärkeren Hierarchisierung fassbar machen. Ferner charakterisiert er das frühneuzeitliche Königtum in Frankreich als ein weitestgehend nomadisches und leitet daraus Spezifika der königlichen Bautätigkeit im 15. und 16. Jahrhundert ab. So zum Beispiel das interessante Detail, dass viele der Residenzen aufgrund des ausgeprägten Reisekönigtums nicht ständig möbliert waren, sondern der vagierende Hof seine Raumausstattungen bedarfsweise mit sich führte. Diese Auswertung vorgängiger Forschungsarbeit für seine großangelegte Zusammenfassung über das französische Hofleben hat Glenn Richardson in seiner Rezension von Knechts Buch in ironisch-feiner englischer Art wie folgt gewürdigt: »Knecht brings this information into English for the first time« (in: History Today, 59, 2009, S. 66f.).

An interesting facts ist Knechts Darstellung reich: So erfährt man Details über frühneuzeitliche Jagdgewohnheiten und über Tierschaukämpfe zur Belustigung der Hofgesellschaft. Exorbitant hohe Preise für Jagdvögel werden genannt, wie generell die Frage nach den Kosten der Kultur von Knecht verdienstvollerweise durchgängig gestellt und mit Hilfe von Zahlen und Statistiken beantwortet wird. Was diese im Hinblick auf die Verarbeitung eines riesigen Materialbestandes ambitionierte Synthese jedoch eher weniger leistet, ist die theoretische Durchdringung der präsentierten Fakten. In einem methodischen Ansatz, der Analyse durch Erzählung substituiert, wird zuweilen anekdotischen Äußerungen ein allzu starker realitätsabbildender Gehalt beigelegt, und auch die Ankündigung im Vorwort, keine »histoire d’alcôve« schreiben zu wollen, wird nicht immer realisiert: Gerade in den ereignispolitischen Referaten zu Beginn des Bandes spielen amouröse Abenteuer durchaus eine tragende Rolle im Politikkonzept. Freilich lässt hier wie an vielen Stellen die Quellenkritik zu wünschen übrig wer Vasari, Cellini und Brantôme über weite Strecken glaubt, läuft Gefahr, literarische Stilisierungen und autobiographische Selbstinszenierungen dieser fabulierlustigen Autoren zu verkennen.

Insgesamt liegt der zeitliche und thematische Schwerpunkt von Knechts Untersuchung auf der Regierungszeit von François Ier. Ein Grund hierfür ist sicherlich die Tatsache, dass Knecht 1994 die ultimative politische Biographie dieses »Renaissance Warrior and Patron« geschrieben hat und somit über einen reich bestückten Zettelkasten von Quellenzitaten speziell aus dieser Zeit verfügt. Über die Frühzeit des französischen Hofes unter Charles VIII und Louis XII hingegen erfährt man leider weniger, da hier monographische Untersuchungen noch ausstehen.

Fazit: Ein als Einstieg und für die universitäre Lehre sehr gut geeignetes Panorama des französischen Hofes als politisches, soziales, kulturelles und künstlerisches Phänomen, das dem Anfänger einen fundierten Überblick gibt, ohne ihn zur theoretischen Hinterfragung oder analytisch-interpretatorischen Höchstleistung anzuspornen.

Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

Document Actions
Zitierhinweis
Empfohlene Zitierhinweise:
R. J. Knecht, The French Renaissance Court (Christine Tauber)
In: Francia-Recensio, 2009-3, Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2009-3/FN/knecht_tauber
Dokument zuletzt verändert am: Feb 29, 2012 02:08 PM
Zugriff vom: May 24, 2012