M. Kerautret, Histoire de la Prusse (Ilja Mieck)
Michel Kerautret, Histoire de la Prusse,
Paris (Éditions du Seuil) 2005, 513 S., ISBN 2-286-01826-X, EUR
29,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Ilja Mieck, Berlin
Während der deutsche Historiker Wolfgang Neugebauer 2004 mit einer eher knappen Preußen-Geschichte aufwartete, legte Michel Kerautret ein Jahr später ein französischsprachiges 500-Seiten-Werk zum selben Thema vor. Der Unterschied im Umfang liegt vor allem daran, dass Kerautret die mittelalterlich-frühneuzeitliche Vorgeschichte recht ausführlich behandelt, Wolfgang Neugebauer aber mit der Seite 71 das »friderizianische Preußen« beginnt. Das Neugebauer-Büchlein, das nach einem mehrseitigen Quellen- und Literaturverzeichnis schon mit der Seite 159 endet, möchte »ein modernes Preußenbild« und außerdem einen kompakten Überblick zur Geschichte dieses besonderen deutschen Staates entwerfen.
Anders geht Michel Kerautret vor: Sein Preußen-Buch soll insbesondere den mit diesem Staat wenig vertrauten Franzosen informieren. Dabei werden wichtige Kernbereiche (Staat, Wirtschaft, Kultur usw.), durch ältere wie neuere Publikationen abgestützt, dargestellt. Benutzt wurden auch die nicht häufigen Werke, die ins Französische übertragen worden sind, wie z. B. die wichtigen Bücher von Thadden/Magdelaine1 oder Möller/Morizet2. Dadurch wurde auch der chronologische Rahmen der politischen Entwicklung Preußens gefestigt.
Für den preußischen Aufstieg hat der Autor zehn Kapitel und drei Hauptabschnitte gewählt, die sich an zwei zeitlichen Eckpunkten (1713, 1806) orientieren. Für den ersten Abschnitt (La Prusse avant la Prusse, S. 17–113) sind drei Kapitel vorgesehen, während der folgende Abschnitt (Le siècle de Frédéric II, S.117–274) vier Kapitel umfasst. Dem dritten Hauptteil (Apothéose et dissolution de la Prusse, S. 277–432), den ebenfalls drei Kapitel gliedern, folgt ein Nachwort (»Épilogue. La Prusse après la Prusse«, S.433–457).
Dass der Autor sich in so gut wie allen historischen Fakten um den Stand der Forschung gekümmert hat, zeigen die zahlreichen Belege, die häufig quellennah und aktuell sind. In vielen Bereichen werden wichtige ältere und neue Bücher, wie beispielsweise jüngere Publikationen (wie von Schieder, Neugebauer, Birnstiel oder Bled), ausgewertet. Dass der Autor die neuere Frédéric II-Biographie von Johannes Kunisch übersehen hat, ist ihm nicht anzukreiden, da er insgesamt eine Fülle von Preußen-Literatur benutzt. Auch eine Prise Humor bringt der Autor gelegentlich auf den Weg: Die merkwürdigen Kurz-Sätze des Königs Friedrich Wilhelm III., der damit seine Umgebung zur Verzweiflung brachte (S. 238, Anm. 24: »célebre pour son laconisme«), ironisiert der Autor dahingehend, dass der Herrscher wohl nicht in der Lage gewesen sei, zwei vollständige Sätze zu formulieren (»incapable d’aligner deux phrases«).
Insgesamt kann man dieses Buch sehr empfehlen. Der Rezensent kann sich nicht erinnern, dass jemals ein französischer Historiker eine »Histoire de la Prusse« vorgelegt hat, obwohl das Thema jenseits des Rheines jahrzehntelang als ein vielschichtiger Leckerbissen galt. Allein deshalb muss man das Buch von Michel Kerautret sehr loben: Das Werk bietet den meisten Franzosen einen sehr guten Zugriff auf das »Preußische«. Es zeigt sich wieder einmal, dass auch für französischsprachige Historiker die Kenntnis des Deutschen unabdingbar ist.
Den Abschluss dieses Bandes bilden vier Karten, die den Aufstieg des Landes bis 1866 zeigen (S. 460–462). Auf zwei genealogische Skizzen über die »Hohenzollern« folgt eine stark gegliederte »Bibliographie sélective« (S. 466–484), deren letzter Teil (III/8: »Les Français et la Prusse«) einschlägige Publikationen bis zum Jahre 1982 enthält. Anschließend folgt eine »Chronologie« (S. 485–491), die vom hohen Mittelalter bis zum Jahre 2004 reicht. Sehr willkommen ist ein »Index des personnes« (S. 492–510), dem, wie in Frankreich oft üblich, das Inhaltsverzeichnis folgt (S. 511–513).
Insgesamt ist das von Michel Kerautret verfasste Buch ein vorzügliches Meisterwerk, das bedauerlicherweise von den Preußenforschern oft und gern übergangen wird.
1 Rudolf von Thadden, Michelle Magedelaine (Hg.), Die Hugenotten 1685–1985, München 1985; frz.: Dies. (dir.), Le refuge huguenot, Paris 1985.
2 Horst Möller, Jacques Morizet (Hg.), Franzosen und Deutsche. Orte der gemeinsamen Geschichte, München 1996; frz.: Dies (dir.), Allemagne, France. Lieux et mémoire d’une histoire, Paris 1985.
Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

