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S. E. Dinan, Women and Poor Relief in Seventeenth-Century France (Anne Conrad)

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Susan E. Dinan, Women and Poor Relief in Seventeenth-Century France. The Early History of the Daughters of Charity


Francia-Recensio 2009/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Susan E. Dinan, Women and Poor Relief in Seventeenth-Century France. The Early History of the Daughters of Charity, Aldershot, Hampshire (Ashgate) 2006, 200 S. (Women and Gender in the Early Modern World), ISBN 0-7546-5553-9, GBP 65,90.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Anne Conrad,Saarbrücken

Die von Louise Marillac (1591–1660) und Vincent de Paul (1591–1660) 1633 gegründeten Filles de la charité (im deutschen Sprachraum auch als Vinzentinerinnen bekannt) gehören wie auch die Ursulinen und Visitandinnen zu den seit dem 16. Jahrhundert neu gegründeten, »apostolisch« tätigen Frauenorden, die durch ihre Arbeit im Fürsorgewesen und als Lehrerinnen in Schulen für die katholische Kirche des Ancien Régime prägend wurden. Ihre wissenschaftliche Erforschung steckt noch in den Anfängen. Es fehlt zwar nicht an ordensinternen und hagiographisch stilisierenden Darstellungen, wohl aber an historischen Untersuchungen zum Werdegang der einzelnen Gemeinschaften und ihrer kultur- und religionsgeschichtlichen Einordnung. Die hier vorgelegte Monografie schließt eine wichtige Lücke, indem nicht nur die Details der Gründung und Entwicklung der Filles de la charité aufgearbeitet, sondern auch ihre Funktion im nachtridentinischen Katholizismus und ihr Anteil an den im Kontext der katholischen Konfessionalisierung vorangetriebenen Maßnahmen zur Reform und Rekatholisierung in den Blick gerückt werden.

Im Anschluss an eine ausführliche Einleitung, in der Forschungsstand und Fragestellung erläutert werden (Kap.1), gliedert sich die Studie in vier weitere Kapitel, die die grundlegenden Voraussetzungen sowie von unterschiedlichen Zugängen her die praktische Tätigkeit der Filles de la charité in den Mittelpunkt stellen. Besonderes Gewicht kommt dabei zunächst der gesellschaftlichen, kirchlichen und politischen Situation im Ancien Régime zu (Kap. 2, S. 17–61). Dinan situiert die Gründung der Filles de la charité im Kontext der französischen dévots, die zum einen für eine kirchliche Erneuerung im Sinne des Tridentinums, zum anderen aber auch für eine politische Einflussnahme des Katholizismus standen. Als neuralgischer Punkt erwies sich für die Filles de la charité ebenso wie für andere apostolisch tätige Frauenorden, dass durch das Konzil von Trient religiöse Frauenorden zwar zur strengen Klausur verpflichtet waren, sich dies aber mit ihren »apostolischen« Zielen faktisch nicht vereinbaren ließ. An der erfolgreichen Entwicklung der Filles de la charité lässt sich dabei exemplarisch zeigen, dass diese normativ-theoretische Aporie durch das konkret-praktische Handeln – jenseits der rechtlichen Vorgaben – konterkariert und aufgelöst werden konnte. Durch ihre Aktivitäten in Seelsorge, Armenfürsorge und Schulen schufen die Frauen Fakten, die in ihrer unmittelbaren Umgebung positiv aufgenommen wurden. Sie machten sich kirchlich und gesellschaftlich unentbehrlich und unterliefen, ohne viel Aufhebens darum zu machen, die Klausurvorschriften Trients. Erleichtert wurde dieser »Ungehorsam« – wie Dinan plausibel darlegen kann – dadurch, dass selbst vielen Zeitgenossen die von Trient vorgegebenen Normen schlichtweg als zu hoch angesetzt und nicht erfüllbar erschienen (S. 3). Die identitätsstiftende Relevanz der praktischen Tätigkeit der Filles de la charité ist Thema der beiden folgenden Kapitel: Zunächst stand die Arbeit in den Pfarreien – Unterricht von Kindern, Armenfürsorge und Krankenpflege – im Vordergrund (Kap. 3, S. 62–93). Eine Ausweitung und Institutionalisierung dieses Engagements erfolgte dann nach dem Tod Louise de Marillacs und Vincent de Pauls (1660) mit der Einrichtung und Leitung von Hospitälern und Fürsorgeeinrichtungen in zahlreichen französischen Städten (Kap. 4, S. 94–117). Bekannt wurde vor allem das Waisenhaus in Paris. Das letzte Kapitel (Kap. 5, S. 118–140) verfolgt die mit dem Wachstum verbundene »Bürokratisierung« und Organisation der Gesellschaft; ergänzend dazu vermitteln Listen mit den Gründungen der Häuser zwischen 1633 und 1699 (S. 147–157) einen Eindruck von ihrer weiten Verbreitung und ihrem anhaltenden Erfolg.

Insgesamt schließt die Untersuchung an Elizabeth Rapley (The Dévotes: Women and Church in Seventeenth-Century France, Buffalo, NY 1990) und Barbara B. Diefendorf (From Penitence to Charity: Pious Women and the Catholic Reformation in Paris, New York 2004) an. Wie diese sieht auch Susan E. Dinan in dem Engagement der neuen Frauenorden und in der großen Resonanz, die sie gesellschaftlich und kirchlich fanden, eine »Feminisierung« der Religion im 17. Jahrhundert – also lange bevor dann im 19. und 20. Jahrhundert Frauen zur Hauptklientel der Kirchen wurden (S. 142). Auch wenn man diese Einschätzung nicht unbedingt teilen muss, so bleibt doch festzuhalten, dass die neuen Frauenorden ihren Einfluss bleibend geltend machen konnten und die Erscheinungsform des neuzeitlichen Katholizismus wesentlich bestimmt haben.

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S. E. Dinan, Women and Poor Relief in Seventeenth-Century France (Anne Conrad)
In: Francia-Recensio, 2009-3, Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2009-3/FN/dinan_conrad
Dokument zuletzt verändert am: Mar 01, 2012 09:37 AM
Zugriff vom: May 24, 2012