P. Desan (éd.), Montaigne politique (Markus Völkel)
Philippe Desan (éd.),
Montaigne politique, Paris (Honoré Champion) 2006, 432 S.
(Colloques, congrès et conférences sur la Renaissance, 55), ISBN
978-2-7453-1489-5, EUR 78,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Markus Völkel, Rostock/Berlin
Die Ämterlaufbahn Montaignes lässt sich schnell überblicken: conseiller à la cour des aides de Périgueux (1555); Integration dieses Gremiums in die Chambre des enquêtes des Parlaments von Bordeaux (1561); Weigerung, in die Grand’ Chambre des Parlaments aufzurücken (1569), Verkauf des Amtes des conseiller am Parlament (1571); Mitgliedschaft im Orden vom Hl. Michael (1571), in seiner Person erstmals einem »Parlamentarier« verliehen; Ernennung zum Kammerherrn durch Heinrich von Navarra (1577), ohne sein Einverständnis einzuholen; Ehrenbürger der Stadt Rom sowie Bürgermeister von Bordeaux (1581); erneute Wahl zum Bürgermeister (1583); angeblich Berater des neuen Bürgermeisters De Matignon (1585); Heinrich IV. beruft Montaigne in seinen Dienst (1589). Mehr Ämter hat Montaigne nicht angehäuft, die weitere Karriere im Parlament von Bordeaux dann gern seinem Cousin Geoffrey Eyquem de Bussaguet (1547–1613) überlassen. Der Rest der politischen Existenz Montaignes besteht in Briefwechseln, in mehr oder weniger offiziösen Missionen, Reisen und geheimnisumwitterten Kontakten, die spätere Verehrer bis zum »Orakel Heinrichs IV.« emporstilisierten. Wer also einen »Montaigne politique« präsentieren möchte, der kann sich zwar auf die zwangsläufig sich ergebende politische Dimension eines angesehenen Landedelmannes und ehemaligen parlementaire in den Religionskriegen berufen, aber er wird zugleich versuchen müssen, die Essais in eine ›politische Perspektive‹ zu rücken.
Ebendies hat Philippe Desan 2005 mit einem Kolloquium in Chicago versucht. Erleichtert wird dieser Versuch durch die ausgeprägte Polysemie von ›Politik‹ am Ende des 16. Jahrhunderts: Gemeint sein kann der »politicus« in der Prägung Tacitus’ und Machiavellis, die bei Hofe und den Parlamenten ansässigen politiques (moyenneurs) sowie die »politische Komponente«, die epistemische Skepsis dem privaten wie öffentlichen Ethos aufdrängt. Schließlich drängt auch eine kulturalistische Version von Politik dazu, diese nochmals mit Skepsis bzw. den aus ihr resultierenden sozialen, religiösen und wirtschaftlichen Praktiken zu vermitteln. So überrascht es denn auch nicht, dass die Tendenz dieser Studien zwar oft von »Politik« ausgeht, in der Regel aber beim »Politischen« endet. Das liegt einerseits in der relativ bescheidenen Ämterlaufbahn Montaignes begründet und orientiert sich andererseits am offen zutage liegenden (konfessionellen) Dissens in der damaligen französischen Gesellschaft, an ihrem übermächtigen Freund-Feind-Schema.
Der Herausgeber hat den Sammelband in vier Abschnitte gegliedert: I. Theorien des Politischen, II. Praktiken des Politischen, III. Lokale und regionale Politiken sowie IV. Nationale und internationale Politiken. Die Theorie des Politischen wird in vier Aspekten vorgestellt. Marie-Luce Demonet erklärt das Politische als Distanznahme, bis hin ins Alltagsleben, von der klassischen Moral und Vorsehung. Frédéric Brahimi sieht in der epistemischen Skepsis einen Weg, das Politische definitiv vom Ich freizustellen, es zu veräußerlichen und damit zu objektivieren. Thomas Berns hingegen geht den umgekehrten Weg und sieht Montaigne in der Rolle des conseiller den Standpunkt der »Freundschaft« aufsuchen, um die Wahrheitsfindung in eine dauerhafte menschliche (politische) Beziehung einbauen zu können. Nicola Panichi schließlich unterzieht den Essai »De l’utile et de l’honnête« einer Analyse im Hinblick auf antike und neuere Staatsraison.
Den politischen Praktiker Montaigne entlarvt Xavier Le Person mit einem hübschen Paradox: Um der schnöden »Praxis« entfliehen zu können, musste er »praktisch» vorgehen. Dies gilt implizit auch für seinen berühmten »Rückzug« (retraite), der nach Alain Legros nie so endgültig war, dass er für den König nicht hätte aufgegeben werden können. Die Essais könnten so als pragmatische Eigenwerbung eines ›Attentisten‹ gelesen werden. Dabei erlaubte sich Montaigne im institutionellen Rahmen keinerlei Isolation. Als Parlamentarier war er, so Katherine Almquist, stets Teil einer kleinen »pressure group«. Montaigne wusste sich also avant la lettre gut in die Paradoxien der modernen Kommunikationstheorie zu fügen. Nicht zu kommunizieren war keine soziale Option, also durfte sich Montaigne, so Daniel Ménager, durchaus als ›Diplomat‹ versuchen, während ihm umgekehrt, so redimensioniert ihn Nicolas Le Roux, die eigene Inhaltskomponente, sprich soziale Macht, stets fehlte, Montaigne als Teilhaber einer politischen Kommunikation somit allenfalls eine ›vernünftige opinion publique‹ weitergeben durfte.
Die lokalen und regionalen Aspekte beleuchten Montaigne naturgemäß mehr aus seiner unmittelbaren Aktion heraus. Anne Marie Cocula lässt ihn nochmals die gesamte Abfolge seiner territorialen Ämter und Funktionen durchlaufen. John O’Brien durchforstet in diesem Sinn Montaignes politische Korrespondenz nach seinem Rückzug 1570, während ihn Jean Balsamo in die örtlichen Patronagenetze der Foix-Gurson oder des Maréchal de Matignon einrückt. Schließlich können für Warren Boutcher auch Montaignes beeindruckende Kenntnisse der Pyreneenbäder und ihrer Heilquellen zu einem politisch verwertbaren »local knowledge« werden. Der Herausgeber beendet diesen Abschnitt mit einer Untersuchung des lokalen Kontextes von Montaignes ersten Druckvorhaben im väterlichen Bordeaux.
Der Schlussteil zur nationalen und internationalen Ebene spielt nochmals mit den Möglichkeiten Montaignes, zeitgenössische politische Konzeptionen auszufüllen oder gar zu überschreiten. George Hoffmann lässt sein Freundschaftsideal angesichts von Heinrich IV. an der Unvereinbarkeit von Politik und intimer Wahrhaftigkeit scheitern. Richard Cooper wertet erneut die ›politische Korrespondenz‹ aus und entdeckt in ihr einen diskursiven Überschuss, den er auch für die politischen Kapazitäten des Autors beansprucht. Die Liga schließlich und sein kurzer Aufenthalt in der Bastille am 10. Juli 1588 verweisen nach Amy Graves freilich erneut auf die Grenzen seines politischen imaginaire. Auf dem Gebiet der interkonfessionellen Wahrnehmung verzeichnet Frank Lestringant eine der Italienreise geschuldete langsame Abkühlung seiner Sympathien für die Reformierten: Italien verstärkt die Alteritätserfahrungen. Wie überhaupt, so Concetta Cavallini, die Italienreise Montaignes Spektrum der Erscheinungsformen politischer Gewalt stark bereicherte, während Giovanni Dotoli auf die möglicherweise politische Funktion der teilweisen Abfassung des Reisetagebuches in Italienisch bzw. den Gebrauch des Lateinischen und Griechischen in den »Essais« hinweist.
Insgesamt zeigt dieser sorgfältig komponierte Band also eine Fülle von Figurationen des Politischen bei Montaigne auf. Ob es sich um haltbare Schneisen in seinem Denken oder nur leicht verwischbare Arabesken handelt, darf dennoch gefragt werden. Was dieser Essaysammlung fehlt, ist eine synthetisierende Einleitung, die die für das späte 16. Jahrhundert keineswegs naturgegebene Differenz von »la politique« und »le politique« sinnvoll zuschärft. Was von Montaigne stets aufs neue zu lernen ist, nämlich die eigenen und fremden Fragestellungen radikaler Kritik zu unterziehen, fällt der routinierten Selbstaffirmation der Montaignisten zum Opfer, die den explosiven Problemen des Politischen bei Montaigne schlicht ausweichen. In erster Linie ist hier das Politische im Selbstverhältnis zu nennen, das man bei Montaigne, weit vor Foucault, sozusagen auf dem Präsentierteller erhält und das auch einen ›Freund-Feind‹ von erstrangiger Qualität produziert, nämlich den eigenen ›Körper‹, unberechenbar und auch nur eingeschränkt verhandlungsbereit. In zweiter Linie geht es um den »Ausnahmezustand«, wie er in der Saint-Barthélemy paradigmatisch erscheint und zu dem sich Montaigne in den »Essais« mit keinem Wort äußert. Warum? Dies wäre in der Tat eine Überlegung wert gewesen. Drittens fällt der Verzicht auf die Ausbildung von Positionen konzeptioneller Verdichtung auf. Nach der fraglos gewinnbringenden Lektüre dieses Bandes würde man es für abwegig halten, dass Biancamaria Fontana mit »Montaigne’s Politics. Authority and Gouvernance in the Essais (Princeton, Oxford 2008)«, den Bürgermeister von Bordeaux passgenau in die große Kette des »Western political Liberalism« zwischen Erasmus und Voltaire/Diderot glaubt einfügen zu können. Der Protoaufklärer Montaigne von Fontana und der »coutumier Montaigne« dieses Sammelbandes stehen in erheblicher Distanz zueinander. Sie ließe sich nur bewältigen, indem man die Vor- und Nachteile der hermeneutischen wie der rezeptionsgeschichtlichen Lesart der »Essais« gegeneinander abwägte und beide gemeinsam auf die Diskursgeschichte des Politischen abbildete. Der »Politiker Montaigne« ist also bereits eine überkomplexe Figur, in dieser Gestalt aber keineswegs eine Erfindung der Montaigne-Forschung. Im Kult der Freundschaft glaubte Montaigne die Zwänge des Politischen und seiner ›Praktiken‹ wenn nicht überwinden, so doch ihnen entfliehen zu können. Dies ist ihm nur ein einziges Mal gelungen, mit dem Resultat einer nunmehr auf Dauer gestellten Irritation seiner politischen Praxis. In diesem Sinn hätten sich auch Herausgeber und Beiträger dieses Sammelbandes stärker von Montaigne irritieren lassen sollen. In seiner heimatlichen Guyenne war Montaigne niemals ein Störenfried, aber in den Tagungszimmern von Chicago sollte er doch wie 1588 in Paris als »homme intelligent encore qu’un peu brouillon« auftreten dürfen.
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