M. Cottret (dir.), Normes et déviances de la Réforme à la Révolution (Thomas Nicklas)
Monique Cottret (dir.),
Normes et déviances de la Réforme à la Révolution, Paris (Les
Éditions de Paris) 2008, 240 S. (Essais et documents), ISBN
978-2-84621-102-4, EUR 16,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Thomas Nicklas, Reims
»L’histoire n’est pas morte«, mit diesem trotzigen Bekenntnis beginnt die Einleitung der Herausgeberin zu dem Sammelband, der die Forschungsergebnisse von acht jungen Historikern aus dem Seminar von Monique Cottret an der Universität Paris X – Nanterre vereint. Die versammelte Expertise von acht engagierten jungen Leuten am Beginn ihrer Laufbahn bestätigt diese zuversichtliche Bekundung. Der Glaube an ein Überleben der Geschichte stößt freilich auch bei der Herausgeberin selbst auf heftige Zweifel, immerhin hat die heutige Gesellschaft für Geschichte schlicht keine Zeit mehr. Man darf sich dabei von der medialen Geschäftigkeit bei der Vermarktung historischer Jubiläen und von der universitären Umtriebigkeit nicht täuschen lassen. Geschichte überfordert uns, so Monique Cottret, denn sie verlangt selbstlosen Fleiß, Geduld und Bescheidenheit. Sie will verstanden werden. Wer mag sich auf dergleichen heute noch einlassen? Und schlimmer noch: Die Geschichte ist nicht einmal politisch korrekt, da die Normen und Werte zu unserem Missfallen dem Wandel unterliegen. Aus dieser Malaise versuchen die Historiker gelegentlich zu entfliehen, indem sie die Geschichte neu erfinden, wie es einst Marc Bloch und Lucien Febvre taten, als sie frischen Wind in die alte Baracke des Positivismus einströmen ließen, doch ist die Morgenluft von einst inzwischen wieder zur alten Muffigkeit geworden. Am Ende kommt den Historikern ihr Rohstoff, die Vergangenheit selbst, abhanden. Lucien Febvre, der Mahner, erinnerte unermüdlich daran, dass Tatsachen Konstrukte seien. Umso schlimmer, wenn ihn die Historiker so wörtlich nehmen, dass sie Tatsachen für überflüssig erachten. Die Relativitätstheorie der Geschichte macht das Wissen überflüssig – Einstein hat Linné besiegt. Das Relativieren ersetzt das Klassifizieren.
Diese Verlorenheit vor der Geschichte, die sich auch in lautstarkem und hektischem Handeln äußern kann, spiegelt nur die Verlorenheit in der eigenen Gegenwart wider. Was lernen Schüler heute über die Vergangenheit? Was nützt es ihnen? Manchmal bleibt am Ende langjährigen schulischen Geschichtsunterrichts bei den Betroffenen nur der Offenbarungseid. Monique Cottret beklagt alles dies, aber sie will es nicht auf sich beruhen lassen. Man darf es auch nicht, denn – es gibt immer noch gute Studenten! Diese haben ein Anrecht auf Intelligenz, Reflexion, Bildung und Zweifel. Sie haben es verdient, dass weiterhin aufrichtiges Fragen sein Recht behält. Ihnen ist nicht gedient, wenn Wissen durch Wohlmeinen ersetzt wird und Denken durch die Bigotterie einer kostenlosen Moral. Gibt es einen ersichtlichen Grund, warum die in der Frühen Neuzeit erst von den Machiavellisten und dann auch von den Maurinern vorgenommene Dissoziation von Geschichte und Moral wieder rückgängig gemacht werden sollte? Für den Historiker muss es doch in erster Linie darum gehen, seine Quellen richtig zu lesen und zu verstehen. Eine Frage, die sich beim Studium der frühneuzeitlichen Texte allerdings immer wieder aufdrängt, ist die nach dem richtigen Verhältnis von Norm und Abweichung. Zwischen diesen beiden Polen gelingt oder missglückt menschliches Leben. Michel Foucault hatte einstmals auf der Suche nach der Neuen Geschichte in Frankreich den Blick vom Schloss zu Versailles auf das Hôpital général hingelenkt, in dem seit der Mitte des 17. Jahrhunderts die Armen, Marginalisierten und Abweichler kaserniert wurden. Für ihn kam die Definition und erst recht die Durchsetzung von Normen einem Gewaltakt gleich. Die Berechtigung dieser Ansicht stehe dahin, aber es ähnelte jedenfalls einer intellektuellen Überreaktion, wollte man im Nachgang zu Foucault die Abweichung gleichsam zur neuen Norm erklären. Für die Sache der menschlichen Freiheit wäre damit überhaupt nichts gewonnen. Angesichts der unendlichen Komplexität von Geschichte ist mit simplen Scheinlösungen nichts zu erreichen, daher: »Évitons de culpabiliser les normes«.
Es muss somit an den konkreten Einzelfall herangegangen werden, wie es die acht Einzelstudien zur Politik- und Kirchengeschichte Frankreichs im 17. und 18. Jahrhundert auch tun, die sich auf das Wechselverhältnis zwischen Normen und ihren Abweichungen spezialisiert haben. Es beginnt mit der Politik. François Valérian betrachtet die mitunter frappierende Nähe protestantischer und katholischer Monarchomachen in der Zeit der Religionskriege, wobei er sehr präzise die Pamphlete beider konfessioneller Provenienzen miteinander vergleicht. Die Normen radikaler Kritik am Alleinherrscher waren in beiden Lagern dieselben. Norbert Dubouis sucht das Verhältnis zwischen (monarchischer) Norm und (republikanischer) Abweichung in den französischen Aktualitätsdiskursen zur Amerikanischen Revolution in den Jahren um 1780 zu ergründen, während es Cécile Bouvier um einen Abweichler geht, der in der Revolutionszeit selbst zum Normsetzer wurde. Der von ihr untersuchte jansenistische Geistliche Pierre Brugière (1730–1803), seit 1768 in Paris tätig, hatte wegen seines Dissidententums innerhalb der Kirche manche Nachteile und Schmähungen zu ertragen. Kein Wunder, wenn er sich daher ganz der Sache der Revolution verschrieb. Im Jahre 1790 gehörte er zu den jansenistischen Vätern der Zivilverfassung des Klerus, mit der ein neues Modell des Geistlichen in der Gesellschaft verankert werden sollte.
Während der zwei Jahrhunderte seines Bestehens in Kanada (1615–1849) hat der Franziskanerorden (Récollets) das kirchliche Leben Neu-Frankreichs wesentlich mitgeprägt. Caroline Galland fragt nach, wie die franziskanische Armutsregel unter den Bedingungen der Neuen Welt gelebt wurde. Ein pragmatischer Umgang mit den Normen des Ordenslebens war dabei, besonders im 18. Jahrhundert, bei einigen der Brüder nicht ausgeschlossen. Ein zielstrebiger Karrierist in der Adelskirche des Ancien Régime war jener Monseigneur de Rastignac, der im Jahre 1723 Erzbischof von Tours wurde, um sich sodann in einem gefährlichen Spannungsfeld zwischen den Jansenisten und ihren jesuitischen Widersachen wieder zu finden. Rastignacs gewagtes Lavieren zwischen beiden Lagern schildert Olivier Andurand, der wie Mit- und Nachwelt seine Schwierigkeiten damit hat, den tatsächlichen Standort des Erzbischofs zu bestimmen. Hat dieser mit den Erwartungen beider Gruppen nur ein gewagtes Spiel getrieben, um zuletzt von allen als Abweichler gebrandmarkt zu werden? Der englische Erweckungsprediger John Wesley (1703–1791), einer der Begründer des Methodismus, hat sich auch mit den Methoden alternativer Medizin beschäftigt, die ihm heute vielleicht eher Interesse sichern dürften als die 40 000 Predigten, die er auf seinen Wanderungen in England und Amerika gehalten haben soll. François Zanetti befasst sich mit den medizinischen Theorien des Predigers, dessen unerschütterlicher Glaube an Wunder und Gespenster zunehmend zu den Normen des Aufklärungsdenkens in Widerspruch geriet.
Großes Aufsehen erregte bei den Zeitgenossen der 1731 vor dem Parlement von Aix-en-Provence verhandelte religiöse Sittenskandal um den Jesuitenpater Jean-Baptiste Girard, der sich als Seelenführer der jungen Marie-Catherine Cadière des sexuellen Missbrauchs an seiner Schutzbefohlenen schuldig gemacht haben soll. Diese mit mancherlei erotischen Details angereicherte Causa wurde von den jansenistischen Gegnern des Jesuitenordens begierig aufgegriffen und anschließend in der klandestinen Presse zu einem besonders aufreizenden Kapitel in der chronique scandaleuse des Klerus im Ancien Régime stilisiert (Myriam Deniel). Eher rau ging es hingegen in der Welt des Landpfarrers Michel Boutran zu, der in den Jahren 1768–1770 einen Prozess wegen Verweigerung der Sakramente auszustehen hatte. Die von Christophe Eberhardt analysierten Prozessakten zeigen einen von den Umständen überforderten Landgeistlichen, der die tridentinischen Normen des Katholizismus unter den dafür wenig aufgeschlossenen Laien seines Sprengels durchzusetzen versuchte und sich damit viel Ärger einhandelte. Der Versuch zur Durchsetzung strengerer Normen im Gemeindeleben scheiterte. Die gereizten Gemeindemitglieder identifizierten den rigoristischen Geistlichen als den Zerstörer der bisherigen, von versöhnlicher Nachsicht gekennzeichneten Norm.
Die Dichotomie Norm/ Abweichung eröffnet bemerkenswerte Zugänge zum Leben in den Institutionen der Frühen Neuzeit, nicht nur auf dem hier bevorzugten Arbeitsfeld der Religions- und Kirchengeschichte.
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