J.-P. Bled, La reine Louise de Prusse (Susanne Lachenicht)
Jean-Paul Bled, La reine Louise de Prusse.
Une femme contre Napoléon, Paris (Fayard) 2008, 277 S., ISBN
978-2-213-63815-7, EUR 22,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Susanne Lachenicht, Hamburg
»Die biographische Wahrheit ist nicht zu haben, und wenn man sie hätte, wäre sie nicht zu gebrauchen«1.
Die Biographie als Genre der Geschichtswissenschaften hat nach Jahrzehnten postmoderner kritischer Geschichtsschreibung in den letzten Jahren durchaus wieder Zuspruch erfahren, sowohl von Seiten der Zunft selbst als auch beim (nicht wissenschaftlich verorteten) interessierten Leser. Theoriemangel und Subjektivität scheinen diesem Genre anzuhaften, auch wenn sich einzelne Forscher, allen voran das Wiener Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte und Theorie der Biographie, um eine wissenschaftliche Aufwertung bzw. um die Einlösung des Theoriedesiderats erfolgreich bemüht haben.
Trotzdem ist vielen Biographien – auch denen mit wissenschaftlichem Anspruch – nach wie vor die Kunst der Stilisierung und Manipulation des zu Biographierenden inhärent: so auch Jean-Paul Bleds »La Reine Louise de Prusse. Une femme contre Napoléon«. Ziel des an der Sorbonne lehrenden Historikers Bled ist es, dem Haus Hohenzollern mit Luise von Preußen eine Frau (zurück) zu geben, die sich mit Kaiserin Maria Theresia oder der Zarin Katharina II. von Russland messen lassen kann.
Bled erzählt die Geschichte Luises, indem er mit einer Skizze Preußens bzw. des Alten Reichs im 18. Jahrhundert beginnt, die Biographie Luises von Mecklenburg-Strelitz zunächst also historisch kontextualisiert. Kapitel zwei bis vier zeichnen in groben Zügen die Jugend und Heirat Luises nach, bevor sich Bled dann im fünften Kapitel mit dem Titel »L’Aphrodite couronnée« der Herrschaft Friedrich Wilhelms III. und Luises nach dem Tod Friedrich Wilhelms II. 1797 und dem Haus Hohenzollern zur Zeit der französischen Revolutionskriege zuwendet. Kapitel 6 unter dem Titel »Le jeune Hercule« beschreibt die Jahre 1801 bis 1805 (Schlacht bei Austerlitz), mit einem besonderen Schwerpunkt auf dem Jahr 1804, in dem Luise von Preußen sich zunehmend für die Politik ihres Mannes zu interessieren begann. »Le chemin de l’honneur« beschäftigt sich mit der Gründung des Rheinbundes, der Kriegserklärung Preußens an Napoleon und der Flucht der Hohenzollern nach Königsberg bzw. Memel. Im achten Kapitel findet dann die Begegnung zwischen Luise von Preußen und Napoleon Bonaparte statt, die quasi den Höhepunkt der Biographie darstellt. Kapitel neun befasst sich unter der Überschrift »Mon cœur est mort« mit dem Schicksal Luises nach dem Frieden von Tilsit (1807), Kapitel zehn und elf zeichnen Exil in Ostpreußen, die Rückkehr nach Berlin (1809) und den frühen Tod Luises 1810 nach. Im letzten Teil der Biographie beschreibt Bled die Genese des Luise-Mythos, einer romantisch verklärten Heldin der preußischen (später deutschen) Geschichte,(249) ohne allerdings diesen Mythos wirklich zu problematisieren.
Bleds Sprache ist blumig, emphatisch, teilweise pathetisch. Luise wird immer wieder mit Attributen wie »gracieuse et menue« (S. 9) oder »la belle reine de Prusse« (S. 183) ausgestattet, der Ton ist manchmal geradezu schwärmerisch verklärend. Die Geschichte Preußens und die Biographie Luises sind narrativ gekonnt miteinander verwoben, eine Analyse ihrer Rolle in der Geschichte Preußens bleibt allerdings aus.
Von einer wissenschaftlichen Ansprüchen im strengen Sinne genügenden Biographie kann im Fall von »La Reine Louise de Prusse« nicht die Rede sein. Bled macht nur an einigen wenigen Stellen die Quellen seiner Ausführungen transparent, unterscheidet nicht zwischen Stilisierung und subjektiven Interpretationen bzw. quellengestützten Aussagen (oder Fakten und Fiktionen) über die Lebens- und Gefühlswelt seiner schönen Heldin. Bleds Luise ordnet sich ein in die für interessierte Laien verfassten monumentalen Biographien, die literarischen Lebenserzählungen gleichen und eher der fiktionalen Literatur als wissenschaftlichen Studien zuzurechnen ist. Für interessierte Laien ist der Band durchaus lesbar, für Kenner und Spezialisten der preußischen Geschichte des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts bietet er allerdings nichts Neues.
1 So Sigmund Freud an Arnold Zweig, als dieser ihm anbot, sein Biograph zu werden. Sigmund Freud, Briefe. Ausgewählt und mit einem Vorwort versehen von Margarete Mitscherlich-Nielsen, Frankfurt a. M. 1972, S. 179.
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