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B. Majerus, Occupations et logiques policières (Johannes Schmid)

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Benoît Majerus, Occupations et logiques policières. La police bruxelloise en 19141918 et 19401945

Francia-Recensio 2009/2 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Benoît Majerus, Occupations et logiques policières. La police bruxelloise en 19141918 et 19401945, Bruxelles, (Académie royale de Belgique) 2007, 388 S., ISBN 978-2-8031-0241-9, EUR 30,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Johannes Schmid, Paris/Augsburg

Benoît Majerus untersucht im Rahmen eines diachronen Vergleiches die Entwicklung der Brüsseler Kommunalpolizei während der deutschen Besatzungen von 1914 bis 1918 und von 1940 bis 1945. Ziel seiner Studie ist es einerseits die relevanten Institutionen und Strukturen vorzustellen sowie andererseits die Alltagsrealitäten und Hintergründe des polizeilichen Handelns zu beleuchten, wobei den vielfältigen Beziehungen zwischen Besatzern und Besetzten besondere Bedeutung zukommen soll. Der Autor untergliedert dazu die Arbeit in die Kapitel Erster Weltkrieg, Zwischenkriegszeit, Zweiter Weltkrieg und Synthese. Kernstück der Untersuchung bilden jedoch die Abschnitte zu den beiden Weltkriegen, die jeweils chronologisch gegliedert sowie thematisch weitgehend parallel aufgebaut sind.

Als mit Beginn des Ersten Weltkrieges rasch große Teile Belgiens unter deutsche Kontrolle gerieten, war eine der zentralen Aufgaben der Besatzungsverwaltung des hastig errichteten Generalgouvernements Belgien die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung. Hauptansprechpartner auf belgischer Seite waren die Kommunen, die einerseits – nachdem die belgischen Zentralbehörden mit dem deutschen Einmarsch ihre Arbeit eingestellt hatten – die einzige funktionierende Verwaltung darstellten und denen andererseits die Kommunalpolizeien unterstanden. Diese erfuhren im Großraum Brüssel in den Jahren 19141918 tiefgreifende Veränderungen: Um sie möglichst effizient nutzen zu können, drängte die Besatzungsmacht die aus 16 Gemeinden bestehende Brüsseler Agglomeration zu einer engeren Zusammenarbeit untereinander. Die Rekrutierung neuer Polizisten als Ersatz für die Einberufenen brachte viele Arbeiter und Angestellte aus dem großstädtischen Milieu zur Polizei, was deren bis dahin militärisches Gepräge verminderte und einen polizeilichen Professionalisierungsprozess in Gang setzte.

Deutsche Militärpolizei und die Brüsseler Polizei arbeiteten während dieser ersten Besatzung so gut zusammen, dass sich die Beschwerden aus der Bevölkerung über diese »entente« häuften, wobei Majerus erstaunlicherweise keine Belege für Kollaborationsvorwürfe findet. Besonders eng kooperierten beide Seiten bei der Bekämpfung der rasch anwachsenden Prostitution in der Etappenstadt Brüssel, wobei für die belgische Seite der moralische Aspekt im Vordergrund stand, während die deutsche Seite Spionage und den Ausfall von Soldaten durch Geschlechtskrankheiten verhindern wollte. Das Ziel die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten teilten beide. Als im Februar 1917 die belgische Justiz nach der Verhaftung einiger Magistrate durch die Besatzungsmacht in Streik trat und diese daraufhin eine rudimentäre deutsche Zivilgerichtsbarkeit installierte, kooperierte die Kommunalpolizei mit dieser weitgehend. Für einen organisierten Widerstand innerhalb der Polizei sieht der Autor keine Hinweise, auch wenn einzelne Polizisten wegen Widerstandsakten durch die deutsche Justiz verurteilt wurden, so dass Majerus die Brüsseler Polizei der Jahre 1914 bis 1918 insgesamt nicht als ein »corps patriotique qui tend à rétablir un ordre national« bewertet, sondern als ein »corps policier, responsable du mantien de l’ordre« (S. 61).

Während der Besatzung im Zweiten Weltkrieg drängt die Besatzungsmacht für eine einfachere Handhabung ihrer »Aufsichtsverwaltung« stärker als 19141918 auf eine Zentralisierung. 1942 entstand so aus der Brüsseler Agglomeration »Groß-Brüssel« und damit ein einheitliches Brüsseler Polizeikorps. Während die neu gebildete oberste Führungsebene auf Druck der Besatzungsmacht mit Anhängern der »Neuen Ordnung« aus Rex und VNV besetzt wurden, kam es in Brüssel zu keiner größeren Infiltration der einfachen Dienstgrade. Vielmehr engagierten sich nach Ansicht des Autors mindestens 20% der Polizisten bereits sehr früh im Widerstand, was Majerus auf die explizit antifaschistische Stellungnahme der Polizeigewerkschaft in den 1930ern und die Existenz der Front de l’Indépendance zurückführt, die mit ihrer früh entstehenden und effizienten Organisation den Übertritt in den Widerstand erleichterte.

Dennoch verlief die alltägliche Zusammenarbeit zwischen deutscher und belgischer Polizei meist reibungslos, da sich etwa bei der Kontrolle der Prostitution oder der Überwachung der Lebensmittelbewirtschaftung die deutschen und belgischen Interessen nicht fundamental unterscheiden, wenn sie auch unterschiedlich motiviert waren. Aufgrund fehlender klarer Handlungsanweisungen der Bürgermeister (als Dienstherren) und der Staatsanwaltschaft fungierte die Kommunalpolizei in der Anfangszeit der Besatzung teils als verlängerter Arm der Feldgendarmerie, indem sie in deren Auftrag Verhaftungen von Belgiern durchführte, was den deutschen Maßnahmen den Schein belgischer Legitimität verlieh. Aber auch als die Staatsanwaltschaft zu einer klar ablehnenden Haltung fand, versuchte die Besatzungsmacht wiederholt Brüsseler Polizeidienststellen anzuweisen bei der Ergreifung von Arbeitsdienstverweigerern oder Juden aktiv zu werden. In der Praxis vermieden die Brüsseler Polizeistellen hierbei eine offene Konfrontation mit der Besatzungsmacht, ohne direkt gegen die staatsanwaltschaftliche Anordnung zu verstoßen. So verweigerten sie etwa die Verhaftung des Betroffenen, übermittelten jedoch dessen Aufenthaltsort an die deutschen Stellen. Einen schwierigen Balanceakt stellte für die Polizei das Vorgehen gegen Anhänger von Rex und VNV dar, die häufig bei Aufmärschen die öffentliche Ordnung störten und die Polizisten attackierten, wobei sie sich oft deutscher Rückendeckung erfreuten.

Zusammenfassend sieht der Autor eine Reihe von Gemeinsamkeiten zwischen 19141918 und 19401945. So versah die Polizei weitgehend unbeeindruckt von der Besatzung ihre Aufgaben. Demonstrationen und Versammlungen selbst am Nationalfeiertag nahm sie nicht aus patriotischer, sondern aus professioneller Perspektive wahr – die Aufrechterhaltung der Ordnung stand stets im Vordergrund. Bestimmte, von der Besatzungsmacht zugewiesene zusätzliche Aufgaben wie etwa Bewachungsdienste oder die Kontrolle von Prostituierten wurden ohne nennenswertes Widerstreben erfüllt. Die Besatzungsmacht konnte sich also zur Schonung der eigenen Kräfte auf die Kommunalpolizei stützen, obwohl sie keine großangelegte Säuberung des Personals vornahm. Es bestehen jedoch auch eine Reihe von Unterschieden: Während die soziale Zusammensetzung des Polizeikorps im Ersten Weltkrieg großen Veränderungen unterworfen war, lässt sich ähnliches für den Zweiten Weltkrieg nicht bestätigen. Hingegen sieht der Autor hier eine frühe und starke Entwicklung des Widerstandes, was aber in gewissem Widerspruch zum festgestellten entlastenden Effekt der Brüsseler Polizei für die Besatzungsmacht steht.

Benoît Majerus legt mit dieser Arbeit eine Lokalstudie vor, deren Ergebnisse zwar einige allgemeine Rückschlüsse auf die Zwänge und Spielräume der belgischen Sicherheitskräfte unter deutscher Besatzung erlauben, in ihrer Gesamtheit lassen sich die Erkenntnisse jedoch nicht ohne weiteres auf andere Kommunalpolizeien übertragen, wie etwa ein Blick nach Antwerpen zeigt, wo sich die örtlichen Sicherheitskräfte massiv an der Verhaftung von Juden beteiligten. Kenntnisreich verbindet der Autor Elemente von Verwaltungs- und Alltagsgeschichte in seiner Analyse des Innenlebens der Brüsseler Polizei und deren Alltags und zeichnet so die sich ständig wandelnden Wechselbeziehungen zwischen Mannschaften, Vorgesetzten, Bevölkerung und Besatzungsmacht. Der thematisch parallele Aufbau der Kapitel über die Besatzungszeiten besticht, lädt er doch den Leser förmlich zum Vergleich ein. Der einzige Schwachpunkt beruht in der fragestellungsimmanenten Konzentration auf die Kommunalpolizei, wodurch die Gefahr besteht deren Rolle zu überzeichnen, besonders während der zweiten Besatzungszeit, wo auch Gendarmerie und PGR als Akteure aktiv waren. Die Tatsache dass noch keine Arbeit zu diesen Aspekten vorliegt zeigt freilich, in welch große Forschungslücke der Autor stößt.

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: Rezension von:
In: Francia-Recensio 2009/2 | 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2009-2/ZG/Majerus_Schmid
Veröffentlicht am: Sep 11, 2009
Zugriff vom: Sep 21, 2014
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