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F. Verdier, La légende de Saint Serein (Ludwig Falkenstein)

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François Verdier, La légende de Saint Serein. Chantemerle et La Celle-sous-Chantemerle au Moyen Âge

Francia-Recensio 2009/2 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

François Verdier, La légende de Saint Serein. Chantemerle et La Celle-sous-Chantemerle au Moyen Âge, Langres (Éditions Dominique Guéniot) 2006, 431 S., ISBN 2-87825-304-3, EUR 35,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Ludwig Falkenstein, Aachen

Zwei Orte zwischen Sézanne im Norden und Romilly-sur-Seine im Süden, die heute ein beschauliches Dasein in der Champagne führen, oder vielmehr ihre ehemaligen Kirchen stehen im Mittelpunkt des Buches, und zwar die in Chantemerle (c. Ésternay, arr. Épernay, Marne) und die im östlich davor gelegenen La Celle-sous-Chantemerle (c. Anglure, ibid.). Chantemerle war befestigter Sitz einer den Grafen der Champagne gehörenden châtelainie, der im 12. Jahrhundert ein gräflicher prévôt vorstand. Bei der »Burg« gab es wie in anderen Städten ein gräfliches Kanonikerstift, das um 1135 in eine Abtei von Regularkanonikern umgewandelt worden war. In La Celle-sous-Chantemerle indes hatte die vor Troyes gelegene Mönchsabtei Montier-la-Celle Besitzungen, welche die Grundlage eines vor 1134 dort nachweisbaren Priorats bildeten. Das könnte schon 1107 gewesen sein (Paschalis’ II. JL 6141), ist aber keineswegs gesichert, wie der Autor (S. 23) voraussetzt. Ob der Ort sein Toponym erhielt, seitdem Montier-la-Celle dort eine Niederlassung unterhielt oder ob er ihn einer älteren cella sancti Sereni verdankt, in der man nach der im 10. Jahrhundert verfassten Translatio sancti Sebastiani die Reliquien des Märtyrers Sebastian auf der Reise von Rom nach Saint-Médard vor Soissons 826 deponierte, ist mangels älterer Zeugnisse schwer zu entscheiden, – anders als in atemberaubender Sicherheit Verdier glaubt (S. 24), der, gestützt auf die Vita sancti Sereni (BHL 7592), annimmt, Karl der Große und sein Bruder Pippin (759–761) mit ihrer Mutter Berta hätten beati Sereni locellum der Abtei Saint-Médard geschenkt (S. 367, c. 33–34). Die Andeutungen zeigen, dass das Buch weniger historische Erörterung ist, als eher eine Abfolge von Ansichten ihres Autors aneinanderreiht.

Die Stifts- bzw. Abteikirche in Chantemerle und die des Priorats in La Celle-sous-Chantemerle waren dem hl. Serenus geweiht, dessen Reliquien man in der Kirche des Priorats bewahrte. Den Quellen ist nicht leicht zu entnehmen, welche von beiden Kirchen ältere Rechte über die Burg und die ihr umliegende Siedlung hatte. Als es um die Mitte des 12. Jahrhunderts zum Streit zwischen beiden um das Begräbnisrecht kam, gab es über zwei Fragen Differenzen, ohne dass Verdier dies bemerkt und die Quellen zutreffend interpretiert hätte.

In einem Schreiben ohne Datum, das an Anastasius IV. oder seinen Nachfolger Hadrian IV. gerichtet war, machte der für La Celle-sous-Chantemerle zuständige Abt Petrus Cellensis aus Montier-la-Celle die Einlassung, in castello sei, solange dort Säkularkanoniker gewesen seien, seit alters kein Friedhof gewesen. Von Bischof Hatto von Troyes habe er erlangt, dass dort ein Friedhof nur für Regularkanoniker und Konversen angelegt werde. Aber Abt und Kanoniker hätten dort Tote beisetzen lassen, die rechtens und auf Grund einer Abmachung (tam iure quam pacto) auf dem Friedhof seines Priorats hätten beerdigt werden müssen. Als der Streit vor der curia in Troyes verhandelt worden sei, habe der Abt der Regularkanoniker in Chantemerle an den Papst appelliert1.

Zugleich glaubte der Abt von Montier-la-Celle auch, und damit ist ein erster Streit genannt, das Recht auf das Begräbnis in dem Städtchen Chantemerle für La Celle-sous-Chantemerle inne zu haben. Das Privileg JL 97772, das am 10. Dezember 1153 in der Kanzlei Anastasius’ IV. dem Priorat La Celle-sous-Chantemerle ausgefertigt wurde, hat Verdier (S. 225–228, Nr. 3) abgedruckt. Vorn in der Aufzählung steht ein Satz, der im Hinblick auf die Transkription des Verfassers mit Vorbehalt zitiert werden soll3: Sepulturam omnium qui moriuntur in castello, seu villa Fontis Betonne vel in Cella vel in Carmeto. Das Recht hätte sich demnach nicht nur auf die Burg Chantemerle, sondern auch auf deren Siedlung, dazu auf Bethon (westl. Chantemerle) ausgedehnt4. Saint-Sépulcre, La Celle-sous-Chantemerle und Charmoy (südl. La Celle-sous-Chantemerle) gehörten zur Pfarrei des Priorats.

Kurz danach schrieb Petrus Cellensis an Johannes von Salisbury, dass er selber an den Papst pro cemeterio Sancti Sereni, das »die allzu anmaßende Überheblichkeit der Brüder und des Abtes bestrebt sei, uns zu mindern oder wegzunehmen«, appelliert habe. Dabei erinnert er ihn daran, dass er, Johannes, während seines Aufenthaltes an der päpstlichen Kurie am Zustandekommen des Privilegs Anastasius’ IV. für La Celle-sous-Chantemerle persönlich beteiligt war – vielleicht nur bei der Redaktion der Supplik5. Hier ist also, im Unterschied zu dem erwähnten Brief des Petrus Cellensis an einen Papst, nicht vom Friedhof in castello für die Kanoniker und Konversen, sondern von einem cemeterium Sancti Sereni die Rede, das in JL 9777 erwähnt wird.

Verdier ist jedoch erstaunt, dass das in JL 9777 erwähnte Begräbnisrecht über die Pfarrei der Siedlung Chantemerle dem Priorat in dem nur zwei Jahre danach folgenden Privileg Hadrians IV. JL 10099, vom 19. Dezember 1155, mit keiner Silbe erwähnt wird. Hier steht nur: Medietatem cere pascalis quam de capella castri ubi canonici habitant habetis! So ist zu vermuten, dass Abt und Kanoniker in Chantemerle nach Kenntnis des Privilegs Anastasius’ IV. für La Celle-sous-Chantemerle dagegen einen peremptorischen Einspruch geltend machten. Ein Privileg Hadrians IV. für die Abtei in Chantemerle (vgl. JL 11176) ist verloren. Aus zeitgenössischen Quellen ist ein Einspruch nicht bekannt. Aber das Privileg Alexanders III. JL 11176, vom 14. April 1165 (bei Verdier, dem die Tageszählung nach dem römischen Kalender Mühe machte, am 16. Mai) für Abt und Regularkanoniker in Chantemerle bestätigt ihnen unmissverständlich: Totam parrochiam castri de Cantumerula, atrium cum sepulturis exceptis his qui manent in mercatu Rainaldi de Pogeio6. Wie ist der Widerspruch aufzulösen7? Nach Kenntnis des Privilegs Anstasius’ IV. JL 9777 von 1154 dürfte der Abt in Chantemerle es angefochten haben; danach kam es zur Appellation des Petrus Cellensis und dann zu einer Entscheidung des Papstes (Urkundenbeweis?) oder delegierter Richter (Urkunden- oder Zeugenbeweis?), die das Begräbnisrecht in Chantemerle dem Abt der Regularkanoniker als Inhaber der Pfarrei zuerkannte.

Wie die Urkunde der beiden päpstlichen delegierten Richter, des Erzbischofs Hugo von Sens und des Bischofs Theobald von Paris von 1156, indes zeigt (S. 236–237, Nr. 8), wurde damals im Auftrag Hadrians IV. nur über das Begräbnisrecht auf dem Friedhof der Regularkanoniker entschieden8. Der Text erwähnt erneut ein pactum, wie der Brief des Petrus Cellensis an einen Papst.

Ganz abwegig, weil auf einem argumentum e silentio beruhend, sind die Folgerungen, die Verdier aus diesen Befunden zieht: »L’église, dite paroissiale dans la bulle de 1165, dont il ne reste rien, et qui ne se trouvait pas à l’emplacement de l’église actuelle, mais dans l’enceinte de l’abbaye, n’était devenue telle qu’entre 1155 et 1165, puisque dans la bulle d’Adrien IV en faveur du prieuré de La Celle en 1156« (!), »n’est signalée qu’une chapelle de château dans laquelle« (oder où ?) »habitent les chanoines: capella castri ubi canonici habitant« (S. 50, S. 242, Anm. 89)! Als ob man erst damals eine städtische Pfarrei für die Abtei aus dem Hut gezogen hätte! Auch ältere gräfliche Stiftskirchen in der Champagne, falls sie und ihre Mitglieder nicht an der Verwaltung der Grafschaft teilnahmen, waren mit einer Pfarrei ausgestattet oder an Pfarrkirchen errichtet worden, bevor man sie Regularkanonikern übertrug9.

Verdier ist so auf seine Idee fixiert, der Friedhof von Chantemerle müsse dem Priorat gehört haben, dass er der Urkunde des Bischofs Manasses von Troyes (1183), deren Text allein die dem Priorat in La Celle-sous Chantemerle inkorporierte Pfarrei betrifft, das völlig irreführende Regest gibt: »Manassès […] règle le problème de cimitière de Chantemerle …« (S. 253–255, Nr. 21).

Des Rätsels Lösung könnte eine Urkunde des Abtes Theobald von Chantemerle vom 24. Januar 1210 oder 1211 bieten, die erneut eine Übereinkunft zwischen beiden Kirchen bezeugt (S. 270–271, Nr. 43): es ging super sepulturam mortuorum parrochie nostre de Cantumerula, qui de jure deferebantur ad tumulandum in cymiterio suo de Celle sub Cantumerula. Auf dieses Recht verzichteten jetzt Abt Wilhelm und die Mönche aus Montier-la-Celle endgültig. Auf ein pactum zwischen beiden Kirchen hatten schon der Abt Petrus Cellensis in seinem Schreiben an einen Papst und die Delegaten in ihrer Urkunde von 1156 hingewiesen. Dessen Text ist nicht bekannt. Doch ist an dieser Stelle eine Vermutung unabweisbar. Es kam danach wohl zum Urkundenbeweis. Das frühere pactum dürfte schon ein so weitgehendes Zugeständnis der Mönche aus La Celle-sous Chantemerle an den Abt und die Kanoniker in Chantemerle enthalten haben, dass die päpstliche Audientia Hadrians IV. den Mönchen nicht mehr das Begräbnisrecht bestätigen wollte, das noch zwei Jahre zuvor im Privileg JL 9777 Anastasius’ IV. gestanden hatte. Wie es zu diesem Zustand kam, kann in diesem Rahmen nicht mehr erörtert werden.

Die weiteren Ausführungen Verdiers, der wohl als »Seiteneinsteiger« an das Thema gelangte, reichen weit in die Antike zurück! Von Wert sind die beigegebenen Urkundentexte, wo sie die Transkription durch Verdier heil überstanden haben, – trotz der Beteuerung einer »édition la plus rigoureuse des pièces justificatives« auf der Rückseite des Einbandes, wo der Autor als »agrégée de philosophie« vorgestellt wird. Honny soit qui mal y pense!

1 Julian Haseldine (ed.), The Letters of Peter of Celle, Oxford 2001 (Oxford Medieval Texts), S. 8–11, Nr. 3; Migne, PL 202, Sp. 407B–408A, Nr. IV (dort irrtümlich an Alexander III. adressiert).

2 Hermann Meinert, Papsturkunden in Frankreich, N. F. I: Champagne und Lothringen, Berlin 1932–1933 (Abhandlungen der Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen. Philol.-hist. Kl., 3. F. 3), S. 253–254, Nr. 61, hat das Privileg nicht gedruckt, sondern nur Protokoll und Eschatokoll mitgeteilt, ohne das Regest JL 9777 dazu anzugeben.

3 Ein Beispiel dafür: die Arenga des hier erstmals gedruckten Privilegs JL 9777, Effectum iusta postulantibus, deren zweiter Teil bis zur Unkenntlichkeit transkribiert wurde … et ordo exigit zelo prestitum quando petantium voluntatem (statt et ordo exigit rationis, presertim quando petentium voluntatem et pietas adjuvat et veritas non relinquit).

4 Verdier hat, S. 222–225, Nr. 2, aus dem Archiv von Montier-la-Celle eine Aufzeichnung abgedruckt, die sich als undatiertes Original darbietet, bei dem das Siegel fehlt. Darin heißt es: Hec sunt possessiones quas tenet ecclesia Sancti Sereni auctoritate et sigilli impressione Henrici, venerabilis Trecensis episcopi munite. Ihr stellt er das Kopfregest voran: »Henri évêque de Troyes énumère les biens du prieuré de la Celle«, obwohl es sich weder um eine Bischofsurkunde handelt noch um deren Kopie. Gegen Ende heißt es: Atrium Sancti Sereni Celle in quo omnes qui moriuntur in castello Cantumerule seu in villa Fontis Bethunis debent tumulari. Allein hier finden sich ähnliche Ansprüche wie in JL 9777.

5 Haseldine, The Letters of Peter of Celle, S. 312–313, Nr. 65; vgl. ibid. S. 696–698; Migne, PL 202, Sp. 519BC, Nr. LXXII. Dazu Reginald L. Poole, John of Salisbury at the Papal Court, in: Ders., Studies in Chronology and History, collected and edited by Austin Lane Poole, Oxford 1934, S. 248–258, ibid. 257, wo Anm. 3, eine Verwechslung mit JL 9775 von 1154 Dezember 10 unterlief; Julius von Pflugk-Harttung, Acta pontificum Romanorum inedita, I, Tübingen 1881, S. 214–216, Nr. 230. – Verdier (S. 225, Anm. 42) hat die Regesten der beiden anderen Papsturkunden vom selben Tag verwechselt: das Privileg für die Abtei Montier-la-Celle ist JL 9775, das für das Priorat Saint-Ayoul in Provins ist JL 9776.

6 Migne, PL 200, Sp. 351A–352C, Nr. CCCXXVI.

7 Verdier bemerkt, dass in dem feierlichen Privileg Hadrians IV. JL 10099 für La Celle-sous-Chantemerle im Anschluss an die Enumeratio bonorum auch noch die Clausula über die Begräbnisfreiheit (Sepulturam quoque ipsius loci) steht. Er meint dazu (S. 233, Anm. 67): »Le second (sc. droit), celui de la sépulture, fait l’objet du différend avec les chanoines«. Das trifft nicht zu. Die Begräbnisfreiheit betraf nie die Pfarreingesessenen der am Ort dem Kloster oder anderen Kirchen gehörenden Pfarrkirchen, sondern Gläubige aus allen Pfarreien, die auf dem Klosterfriedhof des Klosters beigesetzt werden wollten, salva tamen justitia matricis ecclesie. Die Clausula in JL 10099 hat mit den beiden Streitfragen nichts zu tun.

8 Transkription und Interpunktion im Druck (Quia [statt Qui] generatio […] deleri, ego Hugo […] Ne autem rixa (?) oder causa (?) [statt restam!] legitime et ordinate terminata […] , presenti [statt presente] scripto) hindern am Verständnis. Allein diese Urkunde lässt vermuten, dass das oben, Anm. 1, erwähnte Schreiben des Petrus Cellensis an Hadrian IV. gerichtet war.

9 Vgl. z. B. Michel Veissière, Une communauté canoniale au Moyen Âge: Saint-Quiriace de Provins (XIe–XIIIe siècles), Provins 1961 (Société d’histoire et d’archéologie de l’arrondissement de Provins, Documents et travaux, 1), S. 25–26. Zu den jüngeren Stiftsgründungen der Grafen mit Verwaltungsfunktionen, Patrick Corbet, Les collégiales comtales de Champagne (v. 1150–v. 1230), in: Annales de l’Est, 5e série, 29 (1977) S. 195–241, ibid. p. 225–228.



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F. Verdier, La légende de Saint Serein (Ludwig Falkenstein)
In: Francia-Recensio, 2009-2, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
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Dokument zuletzt verändert am: Feb 21, 2012 03:06 PM
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