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C. Treffort, Mémoires carolingiennes (Sebastian Scholz)

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Cécile Treffort, Mémoires carolingiennes. L’épitaphe entre célébration mémorielle, genre littéraire et manifeste politique (milieu VIIIe–début XIe siècle)

Francia-Recensio 2009/2 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Cécile Treffort, Mémoires carolingiennes. L’épitaphe entre célébration mémorielle, genre littéraire et manifeste politique (milieu VIIIe–début XIe siècle), Rennes (Presses universitaires de Rennes) 2007, 387 S., ISBN 978-2-7535-0425-7, EUR 22,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Sebastian Scholz, Zürich

Inschriften sind eine Quellengruppe, deren Bedeutung sich die mediävistische Forschung erst allmählich bewusst wird. Die Editionen der mittelalterlichen Inschriften Frankreichs im »Corpus des inscriptions de la France médiévale« oder jener Deutschlands im Corpus »Die Deutschen Inschriften« haben jedoch zu einem wachsenden Interesse an den Inschriften geführt. Auf diese Corpora greift auch Cécile Treffort für ihr Buch zurück und ergänzt sie durch verschiedene Einzeleditionen aus Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien. Im Zentrum ihres Interesses steht jedoch Frankreich zur Zeit der Karolinger (8.–9. Jahrhundert). Treffort untersucht in diesem Zusammenhang nicht nur die unterschiedlichen Funktionen von Inschriften, besonders von Epitaphien, für die Memoria in karolingischer Zeit, sondern sie geht auch auf die unterschiedlichen handwerklichen Ausführungen der Epitaphien und auf die Entstehung ihrer Texte ein. Dabei bezeichnet Treffort alle von ihr behandelten Formen von Grabdenkmälern als Epitaphien.

Treffort stellt ihren Ausführungen eine Analyse des Epitaphs für Papst Hadrian I. (772–795) voran, an dem sich die Aspekte der Herstellung, der Textfassung und die Funktionen des Textes für die Memoria und die politische Selbstdarstellung sehr gut demonstrieren lassen. Allerdings geht Treffort nicht nur auf die Memoriafunktion der Epitaphien ein, sondern sie bezieht auch Graffiti in ihre Überlegungen mit ein. Das ist schon deshalb verdienstvoll, weil es bisher nur Untersuchungen zu einzelnen Graffitibeständen gibt, eine übergreifende Darstellung aber fehlt. Treffort behandelt zunächst Graffiti auf Reliquienschreinen und auf den Wänden der Krypten und Sanktuarien, in denen die Reliquien ausgestellt waren. Die Graffiti bestehen zum Teil nur aus Namen, zum Teil enthalten sie aber auch Anrufungen, Gebete und Segenswünsche (S. 49). Mit diesen Inschriften wollten sich die Gläubigen vor den Heiligen und vor Christus in Erinnerung bringen. Indem der Gläubige seinen Namen an dem heiligen Ort einschrieb, entstand eine Verbindung zu Gott, der, so hoffte man, Sündenvergebung gewähren und die guten Taten des durch seinen Namen verewigten Menschen honorieren werde.

Eine wichtige Funktion hatten auch Graffiti auf Altären (S. 57). Sie waren nicht wie die in den libri memoriales verzeichneten Namen zum Verlesen bestimmt, sondern sollten den Namen in Verbindung zum Opfervollzug bringen. Durch den Namen im Altar wurde die Gegenwart des Gläubigen während der Messe hergestellt, auch wenn er nicht anwesend war. Die in die Altarmensen eingeritzten Namen stammen häufig von Priestern, aber auch von Laien, worin sich die Bedeutung dieser Anbringungsart zeigt. Treffort sieht hier eine Nachahmung der Namensaufzeichnung in den libri memoriales. Auch die Texte der Epitaphien wurden zum Teil wie Nekrologeinträge formuliert und sogar in einzelnen Fällen äußerlich so gestaltet. Der entscheidende Unterschied liegt aber im Material und in der Anbringungsart: Der Stein verewigt den Namen dauerhaft, trägt ihn in die Öffentlichkeit und erwirkt dadurch ein häufigeres Gebetsgedenken (S. 81).

Die folgenden Kapitel widmet Treffort den verschiedenen Funktionen des Epitaphs. Bei der Ausarbeitung seines Textes flossen liturgische und literarische Vorlagen zusammen und verliehen ihm sowohl eine auf die Erinnerung zielende als auch eine pädagogische Funktion. Vor allem sollten die Epitaphien aber permanent an die Toten erinnern und dadurch das Gebetsgedenken erwirken. Wohl aus diesem Grund haben eine ganze Reihe bedeutender Äbte der Karolingerzeit die Texte ihrer Epitaphien selbst verfasst. Diese großen, in Hexametern oder Distichen abgefassten Grabgedichte thematisieren immer wieder den Gegensatz zwischen der hohen Stellung in der Welt und der letzen Ruhe im armseligen Grab, die Vergänglichkeit des Körpers und das Fortleben der Seele im Himmel, sowie die Bitte um Gedenken für die Seele des Verstorbenen. Das Epitaph ist damit eine eigene literarische Form (S. 102). Unabhängig davon sind für die Ausführung des Epitaphs als Denkmal drei Elemente wichtig: der Wille, das Grab des Verstorbenen zu kennzeichnen, die Möglichkeit, einen mehr oder weniger ausgefeilten Text herzustellen und die handwerkliche Realisation des Epitaphs (S. 108). Gerade letztere ist ausgesprochen unterschiedlich, doch weist Treffort zu Recht darauf hin, dass hier oft Erklärungsmöglichkeiten fehlen, weil bei der großen Masse der frühmittelalterlichen Epitaphien der Zusammenhang mit dem Grab nicht mehr gegeben ist. Dezidierte Aussagen macht Treffort aber zu den Inhalten der Epitaphien, deren Texte zwar in ihrer Gesamtheit immer dem Totengedenken und der Sicherung der Memoria dienen, aber auch wichtige Hinweise auf konkrete Ereignisse oder bestimmte soziale Phänomene enthalten können. So spiegeln sich im Totengedenken etwa auch soziale Bindungen wider. An den Epitaphien für Kinder lässt sich die Bedeutung der familiären Bindung erkennen, und die Grabinschriften für Äbte machen den Stellenwert des Totengedenkens innerhalb der Konvente sichtbar.

Besonders wichtig für das Totengedenken sind natürlich der Name des Verstorbenen, sein Todestag und die Bitte um Gebetsgedenken. Zu dem Namen tritt fast immer eine Bezeichnung wie abbas, episcopus, presbyter, aber auch laicus oder femina. Die Appositionen wurden zumeist als Angabe des sozialen Status gedeutet, doch machen die beiden Bezeichnungen laicus und femina deutlich, dass es hier nicht um den sozialen Status gehen kann. Treffort erklärt die Bezeichnungen einleuchtend mit den liturgischen Bräuchen, da es Gedenkmessen für einen Abt, einen Bischof, einen Presbyter, aber eben auch für einen defunctus, also einen verstorbenen Laien, und für eine defuncta femina gab. Name und Bezeichnung sind somit eine Bezugnahme auf die Totenliturgie (S. 174).

Besonders hervorzuheben sind die Ergebnisse Trefforts für die Entstehung des Formulars. Tatsächlich sind Formelsammlungen aus karolingischer Zeit vorhanden, die nachweislich für die Erstellung noch erhaltener Inschriften genutzt wurden (S. 190–195). Zudem übernahm man immer wieder Wendungen und Junkturen aus Gedichten bekannter Schriftsteller. Da diese aber regelmäßig in anderer Zusammenstellung erscheinen und mit neuem Text kombiniert wurden, bleibt jedes Epitaph letztlich doch ein Unikat.

Allerdings sind viele Texte unabhängig von Formularen oder Vorlagen entstanden. Wie eigenständig sie sein konnten und wie weit ihre Funktion über das reine Totengedenken hinausgehen konnte, zeigt Treffort an einer Gruppe von Grabgedichten, die Karl der Große nach dem Tode seiner Frau Hildegard bei Paulus Diaconus in Auftrag gab. Geschaffen wurden die Epitaphien für die Kirche St. Arnulf in Metz, wo Hildegard bestattet worden war. Die Gedichte für sie, zwei Schwestern und zwei Töchter Karls des Großen weisen nicht nur auf die familiäre Verbindung der Karolinger zu Bischof Arnulf von Metz hin, sondern erinnern vor allem an die Eroberungen Karls sowie an seine überragende Herrschaft. Familie und Herrschaft erfuhren so in Verbindung mit den Messfeiern eine besondere sakrale Überhöhung. Auch der Adel hat die Epitaphien zur Selbstdarstellung benutzt und mit ihrer Hilfe etwa seine Verbindungen zum karolingischen Hof hervorgehoben und öffentlich gemacht.

Cécile Treffort hat mit ihrem Buch eine wertvolle, materialreiche Studie vorgelegt, die das Entstehen von Epitaphientexten, ihre Verwendung und Bedeutung auch für den Nichtepigraphiker nachvollziehbar werden lässt. Leider enthalten die sehr knappen Anmerkungen nicht immer Hinweise auf die im Anhang genannte, weiterführende Literatur. Aber durch die Behandlung zahlreicher, zum Teil sehr entlegen edierter Inschriften leistet das Buch einen wichtigen Beitrag, um den besonderen Quellenwert inschriftlicher Texte deutlich zu machen.

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C. Treffort, Mémoires carolingiennes (Sebastian Scholz)
In: Francia-Recensio, 2009-2, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
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Dokument zuletzt verändert am: Feb 13, 2012 11:23 AM
Zugriff vom: May 24, 2012