You are here: Home content Publikationen Francia-Online Francia-Recensio 2009-2 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500) M. Schaus (ed.), Women and Gender in Medieval Europe (Beate Schuster)
Personal tools
Navigation
 

M. Schaus (ed.), Women and Gender in Medieval Europe (Beate Schuster)

— filed under:
Margaret C. Schaus (ed.), Women and Gender in Medieval Europe. An Encyclopedia

Francia-Recensio 2009/2 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Margaret C. Schaus (ed.), Women and Gender in Medieval Europe. An Encyclopedia, Abingdon (Routledge) 2006, XL–944 S., ISBN 0-415-96944-1, GBP 100,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Beate Schuster, Straßburg

Das von Margaret Schaus herausgegebene Lexikon stellt das erste Nachschlagewerk zur Frauen- und Geschlechtergeschichte des europäischen Mittelalters dar. Die interdisziplinär ausgerichtete Enzyklopädie löst den Anspruch der Frauengeschichte, die sich zu Unrecht als »allgemein« präsentierende Männergeschichte durch die Berücksichtigung der Geschichte der Frauen zu relativieren, auf nahezu vorbildliche Weise ein. Die Einträge machen eine Vielzahl außergewöhnlicher Frauen greifbar, die als Politikerinnen, Heilige, Mystikerinnen oder Visionärinnen »Geschichte« machten. Ähnlich relativiert die Darstellung weiblicher Tätigkeitsfelder in der Landwirtschaft, im Handwerk und im Handel eindrücklich die Vorstellung einer von Männern dominierten Wirtschaft, die immer noch traditionelle Handbücher prägt. Wer den Anspruch einer allgemeinen, die Lebenswelt von Männern und Frauen berücksichtigenden Forschung und Lehre erhebt, wird daher in der Benutzung des Bandes zahlreiche Anregungen finden.

Ein zweiter Schwerpunkt betrifft die Geschichte der Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit. Hier stehen Familien-, Körper- und Sexualgeschichte im Mittelpunkt. Ein breites Spektrum von Einträgen eröffnet Zugriff auf neuere Studien zu Themen wie Menstruation, Stillen, Verhütung, Abtreibung, Prostitution und Vergewaltigung. Auch die seit einigen Jahren florierende Männergeschichte und die Queer Studies, die die Vorstellung einer festgelegten Geschlechtsidentität an sich in Frage stellen, sind vertreten. Artikel zu Feminismus, Postkolonialismus, Psychoanalyse, Interkulturalität, Performanz- und Rezeptionstheorie beleuchten den theoretischen Hintergrund der mit der Frauen- und Geschlechtergeschichte verbundenen methodischen Ansätze und die Rolle der Frauenforschung innerhalb der Geschichte der Geschichtswissenschaft.

Die Mobilisierung von rund 460 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für das Lexikon macht Qualitätsunterschiede zwischen den Beiträgen unvermeidbar. In einigen Fällen ist die Relevanz des Eintrags für die Geschlechtergeschichte zweifelhaft, aber diese Ausfälle werden durch glänzende Abhandlungen zu anderen Themen ausgeglichen. Alle Mängel lassen sich jedoch nicht mit der Fehlbarkeit Einzelner erklären. Die fast ausschließliche Rekrutierung der Autoren und Autorinnen in der angloamerikanischen Mediävistik (nur 20 Verfasser arbeiten in nicht englischsprachigen Ländern) führt zu einer Verengung des Horizonts, die einen europäischen Leser befremdet. In der überwiegenden Mehrzahl der Artikel amerikanischer Forscher und Forscherinnen wird fast ausschließlich englischsprachige Literatur berücksichtigt. Da nur die wenigsten Arbeiten der kontinentaleuropäischen Frauen- und Geschlechtergeschichte ins Englische übersetzt sind, werden damit die Ergebnisse der europäischen Forschung ignoriert. Im Spiegel des Lexikons beschränkt sich so die französische Frauen- und Geschlechtergeschichte auf das frühe Werk Georges Dubys und die Arbeiten Christiane Klapisch-Zubers zu Italien, während die historische und germanistische Geschlechtergeschichte der deutschen Mediävistik vollkommen unbeachtet bleibt. Auch bei den Kontextualisierungen der Themen werden grundlegende Werke der europäischen Mittelalterforschung, wie beispielsweise die Arbeiten Michel Mollats zur Armut oder die Forschungen Jean Leclercqs zur monastischen Spiritualität einfach übergangen. Der Verdacht liegt nahe (und wird in falschen Schreibweisen deutscher Namen und Begriffe bestätigt), dass diese Lücken auf Sprachbarrieren zurückgehen.

Die Privilegierung der amerikanischen Forschung hat inhaltliche Folgen: Wichtige Figuren der deutschen bzw. französischen Geschichte, wie die hl. Genoveva, Anne de Bretagne oder Judith von Bayern, bleiben unberücksichtigt und trotz der einschlägigen Studie Alain Boureaus ist die Legende des »Ius primae noctis« den Herausgeberinnen keinen Eintrag Wert. Michel Foucault, dessen Werk sowohl die deutsche als auch die französische Forschung zur Sexualgeschichte entscheidend geprägt hat, wird nur en passant erwähnt. Die lückenhafte Repräsentation der kontinentaleuropäischen Geschichte verwandelt sich dann in Bezug auf Mittel- und Osteuropa zu einem weißen Fleck. Auch innerhalb der Artikel zeigen die Sprachgrenzen Folgen. In der Geschichte der Annales-Schule fehlt jeder Verweis auf die Marginalisierung Lucie Vargas, der im europäischen Horizont relativ gut erforschte Magdalenenorden wird im Eintrag zu Armenfürsorge übergangen und eine ganze Reihe sozialgeschichtlich orientierter Beiträge betreffen allein England (ohne dass dies immer ausreichend klar vermittelt würde). Die auf historische Räume oder volkssprachliche Nationalliteraturen bezogenen Artikel mildern zwar diese Einseitigkeit, können sie aber nicht wettmachen.

Ein weiterer grundlegender Mangel betrifft das Verhältnis der Einträge untereinander. Angesichts der zahlreichen inhaltlichen Doppelungen zwischen unterschiedlichen Artikeln kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Begriffe zu eng gewählt sind. Wer gleichzeitig Artikel zu »Girls and Boys« und »Adolescence«, zu »Domestic Architecture« und »Castles and Palaces«, zu »Business« und »Investment«, zu »Conjugal Debt« und »Sex in Marriage«, zu »Chaucer« und »Wife of Bath«, zu »Petrarca« und »Laura« sowie zu »Dante« und »Beatrice« vergibt, programmiert Überschneidungen und Verdopplungen vor. Auf den ersten Blick scheint das für die Benutzer einer Enzyklopädie nicht weiter tragisch, doch wenn, was wiederholt vorkommt, in den übergreifenden Themenartikeln Arbeiten zum untergeordneten Spezialthema benutzt und zitiert werden, die im entsprechenden Artikel nicht erwähnt und berücksichtigt werden, ist das ärgerlich. Bei der Benutzung der Enzyklopädie sei daher dringend empfohlen, allen Querreferenzen zu einem bestimmten Thema nachzugehen.

Für europäische Leser bleibt damit insgesamt das im Titel gegebene Versprechen eines umfassenden Nachschlagewerks zur europäischen Geschlechtergeschichte unerfüllt. Aber nichtsdestotrotz bleibt der Band anregend und nützlich, als Möglichkeit den Beschränkungen der traditionellen Handbücher zu entgehen und als Wegweiser zur angloamerikanischen Forschung.

Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier:
http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

Document Actions
Zitierhinweis
Empfohlene Zitierhinweise:
M. Schaus (ed.), Women and Gender in Medieval Europe (Beate Schuster)
In: Francia-Recensio, 2009-2, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2009-2/MA/Schaus_Schuster
Dokument zuletzt verändert am: Feb 27, 2012 03:19 PM
Zugriff vom: May 24, 2012