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O. Guyotjeannin, Atlas de l’histoire de France (Dietrich Lohrmann)

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Olivier Guyotjeannin, Atlas de l’histoire de France. La France médiévale IXe–XVe siècles. Cartographie de Guillaume Balavoine

Francia-Recensio 2009/2 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Olivier Guyotjeannin, Atlas de l’histoire de France. La France médiévale IXe–XVe siècles. Cartographie de Guillaume Balavoine, Paris (Éditions Autrement) 2005, 103 S., ISBN 2-7467-0727-6, EUR 18,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Dietrich Lohrmann, Aachen

Dieser äußerlich bescheiden auftretende, erstaunlich dichte Band ist vor allem pädagogisch eine sehr bemerkenswerte Leistung, so dass er auch mit Verspätung unbedingt noch angezeigt werden sollte. Als Vorbild könnte man den 1885–1889 erschienenen »Atlas historique« von Auguste Longnon vermuten, aber mit der klassischen »géographie historique« hat das Programm des neuen Werkes in drei relativ schmalen Bänden wenig gemein. Das Programm präsentiert sich breiter, gestützt auf eine jetzt weit vorangeschrittene Forschung, die in Form neuerer Synthesen auch zu jeder thematischen Einheit zitiert wird (ein Fortschritt gegen die französische Tradition). Immerhin, der Anfang erklärt noch wie Longnon die lockeren Grundeinheiten der frühmittelalterlichen Personenherrschaft, der pagi und Diözesen, er schuldet das der jüngeren Generation. Doch nicht der Weg zum zentral regierten und verwalteten Königreich steht im Blickfeld, sondern die Fülle der wirtschaftlichen und sozialen Phänomene, die in der Zeit des hochmittelalterlichen Aufschwungs (11.–13. Jahrhundert) den »grand bond en avant« herbeiführten: Rodungen, belassene Waldflächen, Burgenbau, Verdichtung der Siedlung zu Dörfern, Vermehrung der Marktorte, Aufstieg der Städte. Danach gelingt es, auch die politische Entwicklung, die Fortschritte der Fürstentümer, dann der Königsherrschaft, als verdichtetes Maschenwerk (mailliage) in ein neues Licht zu stellen. Etwas Ähnliches folgt für das 14.–15. Jahrhundert, traditionell als Zeit der Krisen bezeichnet, hier bringt sie auch »Konsolidationen«, gleichzeitig Öffnung, mehr Verkehr, mehr Bewegung in sozialer Hinsicht; von »décloisonnement relatif« wäre freilich auch im Hochmittelalter schon zu sprechen. Wer aber hätte bislang auch ein Thema wie »la France des études« kartografisch abgehandelt, die Bewegungen der Studenten, die Aktivitäten des Predigerordens, die Entwicklung des Pilgerwesens? Das Christentum jener Zeit war tatsächlich »une religion en marche«. All das ist nicht wirklich neu, aber sehr einprägsam formuliert, wenn man Überschriften liest wie »les reliques voyagent aussi«. Ein schwarzer Kreis mit weißen Zitaten verweist auf jeder Doppelseite auf neuere Monografien. Liest man dort einen Satz wie den von Carlrichard Brühl (französische Ausgabe seines letzten Werkes): »Le traité de Verdun a eu moins d’écho chez les contemporains que chez les historiens«, ergänzt man unwillkürlich zu den Historikern auch die Politiker, vom späten 13. bis ins 20. Jahrhundert. Scheinbar sind wir mit dem Vertrag von Verdun auch wieder bei der historischen Geographie im klassischen Sinn eines Auguste Longnon angekommen. Warum nicht? Zumindest zeigt das elektronisch erstellte Kartenbild klarere Verhältnisse als die gezeichnete Karte des späten 19. Jahrhunderts. Man stößt auf Unsicherheiten unseres Wissens (Uzès Teil des Mittel- oder Westreiches?) und erhält statistisch abgesicherte Zusatzinformation, die Longnon noch nicht zur Verfügung stand (Zahl der Urkunden Karls des Kahlen für Empfänger des West- und Mittelreiches S. 16). Die Kartographie, nie überladen, fast immer licht und klar (jetzt eine Stärke der französischen Wissenschaft, einst der deutschen Verlage), bietet zweifellos den anziehendsten Aspekt des Buches. Die Texte sind anspruchsvoller, nicht ohne Humor übrigens, wenn (S. 17) die »Karlenses« des Westreiches als »Charlois« übersetzt erscheinen (»si l’on veut«).

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O. Guyotjeannin, Atlas de l’histoire de France (Dietrich Lohrmann)
In: Francia-Recensio, 2009-2, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2009-2/MA/Guyotjeannin_Lohrmann
Dokument zuletzt verändert am: Feb 28, 2012 11:50 AM
Zugriff vom: May 24, 2012