C. Fargeix, Les élites lyonnaises du XVe siècle au miroir de leur langage (Gisela Naegle)
Caroline Fargeix, Les élites lyonnaises du
XVe
siècle au miroir de leur langage. Pratiques et représentations
culturelles des conseillers de Lyon d’après les registres de
délibérations consulaires, Paris (De Boccard) 2007, VI–658 S.
(Romanité et modernité du droit), ISBN 978-2-7018-0202-9, EUR
55,00.
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In der Stadtgeschichtsforschung stoßen städtische Eliten seit Jahrzehnten auf großes Interesse, wobei häufig das Verhältnis zwischen bürgerlich-städtischen und adlig-höfischen Wertvorstellungen eine wichtige Rolle spielt. Auch die von Caroline Fargeix vorgelegte Studie beschäftigt sich mit »kulturellen Praktiken« und kollektiver Erinnerung. Dabei steht jedoch die Sprache im Mittelpunkt, da sie als Grundlage der Identitätskonstruktion der städtischen Elite angesehen wird. Das mittelalterliche Lyon hat in dieser Hinsicht besonders interessantes Quellenmaterial zu bieten: Die Stadt liegt in einer sprachlichen und rechtlichen Übergangszone zwischen Nord und Süd, sie sprach ursprünglich Frankoprovenzalisch, die Regierenden gingen jedoch sehr früh zur französischen Sprache über. Seit 1361 wurden Protokolle über städtische Wahlen in Französisch verfasst, ebenso die ab 1416 überlieferten Beratungsregister. Im Bereich der Finanzen dauerte der Übergangsvorgang länger (S. 91). Anders als bei der Ablösung des Okzitanischen als Verwaltungssprache in Südfrankreich verlief die Entwicklung in Lyon eher kontinuierlich und ohne scharfe Brüche. Der zeitliche Rahmen der Studie orientiert sich an der Überlieferungssituation. Ausgangspunkt sind die ersten erhaltenen Beratungsregister (registres de délibérations consulaires) von 1416. Die Reform des consulat von 1447 stellt eine wichtige Zäsur für die Verfassungsentwicklung und das Selbstbild der regierenden Oligarchie dar und wird ausführlich analysiert. Am Ende der Untersuchung steht die »Querelle des consuls et artisans« (1515–1520), in der Spannungen und Machtkämpfe zwischen der Elite und den Handwerkern deutlich werden. Damals setzte in Lyon die Epoche der Renaissance ein. Italienische und deutsche Kaufleute fanden Aufnahme ins consulat, und mit der Glaubensspaltung verbundene Unruhen führten eine Reihe von Veränderungen herbei.
Das Buch gliedert sich in drei große Abschnitte: »1. Écrits et mémoire« (Schriftlichkeit und Erinnerung; Herausbildung städtischer Archivierungs- und Verschriftlichungstechniken), »2. Identités consulaires« (Frage nach dem ›idealen‹ consulat, nach der Entstehung und Entwicklung von »Identitätsmodellen« und nach einer spezifischen Kultur der regierenden Oligarchie), »3. Les Mutations de la Parole« (rhetorische Strategien, Verhältnis zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit; soziale Unterschiede bei der sprachlichen Artikulierung politischer Forderungen in städtischen Versammlungen).
Städtische Beratungsregister sind eine überaus wichtige Quellengattung, da sie Einblicke in das »Alltagsgeschäft« einer mittelalterlichen Stadtregierung vermitteln. Im Vergleich zu Deutschland weist die Quellenlage für französische Städte erhebliche Unterschiede auf, da bestimmte Quellengattungen fehlen oder in inhaltlicher Hinsicht ganz anders strukturiert sind. Registres de délibérations geben zwar Auskunft über die Ergebnisse städtischer Versammlungen und Beratungen, sie sind jedoch oft eher eine Art »Entscheidungsregister«, die vor allem kurz und knapp über Beschlüsse informieren. Hinweise zu Entscheidungsfindung und eventuellen Diskussionen fehlen in der Regel. Wie die Autorin zu Recht immer wieder betont, geben diese Register die Dinge so wieder, wie sie nach Meinung der Regierenden, unter gebührender Wahrung des Beratungsgeheimnisses, gesehen werden sollten. Sie sind daher eine sehr gute Quelle zur Selbstdarstellung der Stadtoligarchie und zu deren Idealvorstellungen. Die Stadtregierung präsentiert sich gern als einige, solidarische Gemeinschaft, die sich ganz in den Dienst des Gemeinwohls stellt. Infolgedessen werden Konflikte lange Zeit möglichst verdeckt. Ausführlichere Wiedergaben individueller Stellungnahmen werden erst gegen Ende des Beobachtungszeitraums deutlicher fassbar. Die Autorin analysiert Strategien des Umgangs mit Sprache und Schriftlichkeit. Für das Ende des Untersuchungszeitraums, als zunehmend juristisch-rhetorisch gebildete Personen in den Kreis der städtischen Conseillers eindringen, gelingt ihr dies in überzeugender Weise. Am Anfang der chronologischen Zeitspanne setzt der zu Recht immer wieder als »trocken« oder »knapp« bezeichnete Charakter der Quellenüberlieferung einer solchen Vorgehensweise allerdings deutliche Grenzen, und es besteht die Gefahr von Überinterpretationen. Auf den ersten Blick war der für die Abfassung der Register verantwortliche Sekretär für die Entstehung des schriftlichen »Gedächtnisses« und damit der kollektiven städtischen Erinnerung von zentraler Bedeutung. Die genauere Auswertung der Register zeigt dann jedoch, dass er über weite Strecken weisungsgebunden war. Abgesehen von einigen Perioden starken Einflussgewinns war er daher mehr ›Ausführender‹ als ›Motor‹ der Veränderung städtischer Identitätskonstruktionen (S. 36, 60, 67).
Besonders interessant und lesenswert sind die Ausführungen zur sprachlichen Entwicklung der Register, vor allem zum Verhältnis und zum spezifischen Gebrauch von Frankoprovenzalisch, Latein und Französisch. Dieser methodische Ansatz ist umso wichtiger, als es zu dieser Frage bisher nur wenige Forschungen gibt, die sowohl linguistische als auch politisch-mentalitätsgeschichtliche Aspekte berücksichtigen (S. 49ff., 84–118). Die Registerauswertung ist durchweg sorgfältig. Zur Untermauerung der Aussagen enthält das Buch zahlreiche Statistiken und ergänzendes Material im Anhang. Beachtenswert sind die Darstellungen zur Sozialtopographie, Ämterhäufung, Wiederwahlen und Endogamie. Die Einordnung der für Lyon gewonnenen – und für sich betrachtet sehr schlüssigen Ergebnisse – in einen größeren Zusammenhang ließe sich in einigen Fällen noch sinnvoll ergänzen. Bei der Bewertung der Ergebnisse wurden vor allem Arbeiten zu südfranzösischen Städten herangezogen und eventuelle italienische Einflüsse diskutiert. Der Blick auf hier nicht berücksichtigte Studien zu nord- und westfranzösischen Städten bzw. zur Argumentation in dort verfassten mémoires und doléances hätte jedoch erbracht, dass Lyon auch zahlreiche Einflüsse aus diesen Teilen Frankreichs aufgenommen hat. Dies zeigt sich z. B. an dem Wunsch Lyons, die Verleihung von Privilegien nach dem Muster von Tours, La Rochelle und Saint-Jean-d’Angély anzustreben. Die Tatsache, dass die Verfassung all dieser Städte dem Grundmuster der sog. »établissements de Rouen« folgt, wäre bedenkenswert gewesen. Entsprechendes gilt für die Terminologie der requêtes und mémoires und die Gemeinwohl-Argumentation, da hier ganz erhebliche Übereinstimmungen mit anderen Städten bestehen. Die Autorin weist mit Recht auf die Modellfunktion der königlichen Kanzlei und juristischer Formeln und Verfahren hin, die aber nicht nur in den Registern, sondern auch in diesem Bereich stark ausgeprägt ist. Einige der in den Statistiken verwendeten Kategorien sind zwar für sich betrachtet durchaus überzeugend, verdecken aber durch ihren sehr allgemeinen Charakter (z. B. »décisions économiques«) unter vergleichenden Gesichtspunkten stadtspezifische Besonderheiten. Obwohl also zur Einordnung in den gesamtfranzösischen Kontext noch Einiges ergänzt und kommentiert werden könnte, handelt es sich insgesamt gesehen um ein sehr lesenwertes und sorgfältig dokumentiertes Buch, das viele interessante Informationen zur Sozial- und Mentalitätsgeschichte des mittelalterlichen Lyon enthält.
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