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F. Duceppe-Lamarre, Chasse et pâturage dans les forêts du Nord de la France (Martin Knoll)

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François Duceppe-Lamarre, Chasse et pâturage dans les forêts du Nord de la France. Pour une archéologie du paysage sylvestre (XIe–XVIe siècles)

Francia-Recensio 2009/2 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

1François Duceppe-Lamarre, Chasse et pâturage dans les forêts du Nord de la France. Pour une archéologie du paysage sylvestre (XIe–XVIe siècles), Paris (L’Harmattan) 2007, 316 S., ISBN 2-296-01870-X, EUR 27,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Martin Knoll, Darmstadt


Umweltgeschichte, die Untersuchung der Beziehungen zwischen dem Menschen und dem Rest der Natur in der Vergangenheit, ist ein im Kern interdisziplinäres Anliegen. In kaum einer anderen historischen Disziplin fördert und fordert der Gegenstand im gleichen Maße geistes- wie naturwissenschaftliche Forschungen mit ihren je eigenen Methoden – idealerweise im konzertierten Einsatz. François Duceppe-Lamarre, Archäologe und Historiker, widmet seine Untersuchung der Interaktion zwischen Mensch und Natur bei zwei zentralen Formen der vormodernen Waldnutzung: der Jagd und der Waldweidewirtschaft im hoch- und spätmittelalterlichen Norden des heutigen Frankreich. Duceppe-Lamarre attestiert diesem Thema besondere Eignung für eine Dienstbarmachung der Archäologie für die Umweltgeschichte. Er entwirft das Desiderat einer intensiven Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen im Interesse einer Waldarchäologie, die er als »étude de la diversité des forêts dans leur coévolution naturelle et anthropique« (S. 16) versteht. Er begreift Waldlandschaften als anthropogen veränderte Ökosysteme, deren historische Analyse den gleichermaßen kulturellen und naturalen Charakter von Landschaften in den Blick nehmen muss.

Duceppe-Lamarre stellt auch das jeweilige Potenzial der Quellenkorpora zur Diskussion, auf deren Basis eine solche Analyse möglich ist. Der Autor unterscheidet drei Haupttypen: schriftliche Quellen, grafische Repräsentationen und archäologische Überreste im weitesten Sinne. Im Laufe der Darstellung fällt auf, dass die meisten Untersuchungsergebnisse auf der Basis von Quellen des ersten Typs (z. B. Jagdtraktate, aber auch umfangreiches Archivgut wie Rechnungsbücher etc.) generiert werden, wo doch ein größeres Gewicht archäologisch ermittelter Daten zu erwarten gewesen wäre und der Autor selbst auf umfangreiche archäologische Prospektionstätigkeit, u. a. zum Jagdpark Hesdin, zurückblicken kann. Doch dies ist nur bedingt ein Widerspruch. Denn Duceppe-Lamarre versteht seine Studie als Impulsgeberin, die viele Fragen stellen und neue Forschungsperspektiven weisen will. Mancher blinde Fleck, den historische Texte hinterlassen, die eben nicht geschrieben wurden, um später einmal die Rekonstruktion ökosystemarer Zusammenhänge zu ermöglichen, wird damit nicht getilgt, erfährt aber Ausblicke auf mögliche archäologische bzw. paläoökologische Methoden zur Ergänzung oder Differenzierung des Bildes.

Zwei Hauptkapitel bilden die Schwerpunkte von Duceppe-Lamarres Untersuchung: Der erste Abschnitt ist dem Zusammenhang von Waldökosystem und Waldweidenutzung gewidmet, der zweite der jagdlichen Waldnutzung. Um diese Schwerpunkte herum sind ein Vorwort des Historikers Robert Delort, eine Einleitung, ein Nachwort aus der Feder des Liller Geografen Jean-Jacques Dubois, ein Anhang mit Quellentexten, Abbildungen und Grafiken und ein umfangreiches Glossar gruppiert.

Bekanntermaßen bildete die landwirtschaftliche Nutzung des Waldes eine der Subsistenzgrundlagen vormoderner Gesellschaften. François Duceppe-Lamarre zeichnet in seinem ersten Hauptkapitel das Bild einer wachsenden anthropogenen Überformung der forestalen Biotope. Quellenmaterial zur Benediktinerabtei Marchiennes ermöglicht ihm eine exemplarische Typologie der Waldfunktionen und -nutzungen im 11. und 12. Jahrhundert. Daran schließt eine Diskussion der nutzungsbedingten Änderungen am Ökosystem (Vegetation, Fauna, Bodenqualität, Landschaftszustand) und der Frage, wie die ländliche Gesellschaft auf diese reagierte, an. Duceppe-Lamarre macht im 15. und 16. Jahrhundert verstärkte, durch Nutzungsdruck verursachte Degradationserscheinungen aus und stützt sich dabei auf die zunehmende Thematisierung und Regulierung einschlägiger Probleme in herrschaftlichen Quellen. Wenngleich der Befund im Kern wohl nicht von der Hand zu weisen ist, kann die Argumentation nicht bruchlos überzeugen. Wie seit Joachim Allmanns Studie über den Wald in der Frühen Neuzeit (1989) immer wieder erörtert wurde, genügt es nicht, obrigkeitliche Degradationsdiagnosen ungeprüft mit Degradation gleichzusetzen und dies gar zur alleinigen argumentativen Grundlage einer ökologischen Tragbarkeitsdiskussion zu machen. Auch ist es nicht zielführend, in ebendiesen Quellen illegale Nutzungspraktiken als Krisenindikatoren aufzuspüren, ohne zu fragen, welche Praktiken wann von wem mit welchen Motiven kriminalisiert wurden. Wünschenswert wäre zum einen eine stärkere Berücksichtigung der rhetorischen Eigenlogik des Quellenkorpus im Kontext einer allgemein zunehmend beanspruchten landesherrlichen Regulierungskompetenz, zum anderen aber die Addition bodenkundlicher und paläoökologischer Ergebnisse, die der Sicht der historischen Texte eine unabhängige zweite Perspektive hinzufügen könnte.

Mittelalterliche und frühneuzeitliche Jagd begegnet als raumwirksame Herrschaftspraxis und integraler Bestandteil aristokratischer Kultur. Dies zeigt für das Frankreich der Frühen Neuzeit eindrucksvoll Philippe Salvadori (1996), den der Autor leider nicht in seine Überlegungen mit einbezieht. François Duceppe-Lamarre unternimmt eine detaillierte Analyse der jagdlichen Adaption forstlicher Räume aus der Perspektive der Landschaftsarchäologie. Er diskutiert die Rolle der Jagd für die Biodiversität, erörtert das Management erwünschter und unerwünschter Spezies, die Migration von Spezies (wie die Einführung des Kaninchens im Untersuchungsgebiet) und stellt an den Beispielen von Hesdin, Mormal und Mofflaines verschiedene Typen jagdlicher Reservate vor. An der Entstehungsgeschichte des Jagdparks von Hesdin werden auch die gesellschaftlichen Aushandlungsprozesse deutlich, die die juristische Regulierung und die bauliche Adaption forstlicher Räume begleiteten. Die Errichtung eines Jagdparks bedeutet die räumliche Segregation von Landschaft durch die Etablierung von Grenzen und den radikalen Umbau des agroforestalen Systems. Die zeitweise Koinzidenz von jagdlicher und landwirtschaftlicher Waldnutzung besitzt transitorischen Charakter. Später erscheinen in den Quellen eingeforstete Kulturflächen nurmehr als Nahrungslieferanten für das gehegte Schalenwild.

Nicht immer wird dem Leser von Duceppe-Lamarres Studie die typologische Zuordnung eines Phänomens einsichtig. So wird eine in Kap. 66 des »Livre de chasse« des Gaston Phébus (14. Jh.) beschriebene Wolfsfalle in beiden Hauptkapiteln quasi als Kleinform eines Geheges diskutiert (S. 92, 175f.), während sie im Plädoyer für eine Mikroarchäologie der Jagdfallen, die mehrere Beispiele aus dem »Livre de chasse« vorstellt, nicht aufgelistet wird (S. 193–197). Formal gilt leise Kritik des Rezensenten den Abbildungen (Was unterscheidet Fig. 1 und Fig. 2?). Irritierend für den geschichtswissenschaftlich sozialisierten Leser ist das essayistisch wirkende Belegen im Textfluss und der Verzicht auf seitengenaue Nachweise, selbst bei wörtlichen Zitaten.

François Duceppe-Lamarres Studie hat ein wichtiges und zudem in der Forschung bislang unterbelichtetes Thema aufgegriffen und aus einer historisch-landschaftsarchäologischen Perspektive heraus analysiert. Der dabei aufgestellten ambitionierten Agenda an Fragestellungen und Desideraten bleiben reiche Erträge zu wünschen, gerade was paläoökologische und geowissenschaftliche Beiträge betrift.

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F. Duceppe-Lamarre, Chasse et pâturage dans les forêts du Nord de la France (Martin Knoll)
In: Francia-Recensio, 2009-2, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2009-2/MA/Duceppe-Lamarre_Knol
Dokument zuletzt verändert am: Feb 22, 2012 09:23 AM
Zugriff vom: May 24, 2012