M. Coumert, Origines des peuples (Alheydis Plassmann)
Magali Coumert, Origines des peuples. Les
récits du Haut Moyen Âge occidental (550–850), Paris (Institut
d’études augustiniennes) 2007, 659 S., 4 Abb. (Collection des
études augustiniennes), ISBN 978-2-85121-215-3, EUR 54,00.
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In der Frühmittelalterforschung haben die Erzählungen über die Herkunft der einzelnen barbarischen gentes von jeher großes Interesse geweckt. Stand hierbei zunächst die Rekonstruktion der »Wanderwege« der Völkerwanderung im Mittelpunkt, ergab sich mit dem 1961 erschienenen Standardwerk von Reinhard Wenskus über »Stammesbildung und Verfassung« eine Kehrtwende in der Betrachtungsweise. Nach Wenskus begriff man die in fast allen Herkunftserzählungen berichtete gemeinsame Abkunft nicht mehr als ein Faktum, sondern betrachtete ihre Funktion für die Ethnogenese der gentes. Der von Wenskus geprägte Begriff vom Traditionskern, um den herum die identitätsstiftende Herkunftserzählung ihre Funktion für die gens entfaltet, ist längst zum geflügelten Wort geworden. Der von der Wiener Schule modifizierte Wenskus’sche Ansatz ist insbesondere im angelsächsischen Raum unter Führung von Walter Goffart (The Narrators of Barbarian History, 1988) in Zweifel gezogen worden, und Susan Reynolds hat in einem Aufsatz 1983 (Medieval Origines Gentium and the Community of the Realm, in: History. The Journal of the Historical Association 68 [1983] S. 375–390) den Blick darauf gerichtet, was wir in den Herkunftserzählungen an Topoi finden können und welche Funktionen die Erzählungen in ihrer jeweiligen Gesellschaft erfüllen, und gleichzeitig die Origo-Erzählung als Gattungsbegriff abgelehnt. Dies wiederum steht im Kontext einer zunehmenden Kritik am herkömmlichen Begriff der »Germanen«, aus dessen althergebrachten Denkmatrizen sich jetzt auch die deutschsprachige Forschung zunehmend löst. In diesen Kontext ist die hier anzuzeigende Pariser Dissertation einzuordnen. Der Forschungsentwicklung gemäß betrachtet die Verfasserin die Origo-Erzählungen eben nicht unter dem Blickwinkel der Geschichte der einzelnen gentes, beleuchtet sie auch nicht in ihrer Funktion für die Ethnogenese oder die Identitätsstiftung der gens, sondern konzentriert sich auf die Herkunftserzählungen als ein Erzeugnis schriftlicher Produktivität, das sich allein aus den schriftlichen Quellen hinreichend erklären lasse. Gegenüber Forschern wie Ludwig Schmidt (Die Ostgermanen, 1934), die aus Jordanes und anderen Quellen die Wanderwege der germanischen Völker rekonstruierten, verfolgt sie also gerade den gegenteiligen Ansatz und ist mit der Verankerung der Origo-Erzählungen in ihrem spätantik-lateinischen Kontext ganz im Trend der Forschung, die die »Transformation« der römischen Welt gegenüber dem Bruch durch die »barbarischen Invasionen« zunehmend in den Vordergrund stellt.
In einer knappen Einleitung (S. 9–29) stellt die Verfasserin dar, welchen Begriff von Origo gentis sie zugrunde legt. Eine Definition als Gattung oder gar eine Einteilung in origines mit Stammestradition und origines mit antik-literarischer Tradition lehnt sie ab. Stattdessen beschäftigt sie sich mit der Herkunft der gens im Kontext der antiken ethnographischen und geographischen Literatur. Unter den »récits des origines« versteht sie meistens genau den Abschnitt in den Werken, der sich mit der Herkunft befasst und richtet ihren Blick nur sehr selten auf den Gesamtkontext des jeweiligen Werkes. Genaugenommen steht also nicht die Herkunftserzählung im Kontext des Textes im Mittelpunkt ihrer Untersuchungen, sondern der Herkunftsbericht.
In vier Großkapiteln über Goten (S. 33–142), Langobarden (S. 145–264), Franken (S. 267–380) und die Völker auf den britischen Inseln (S. 383–499) geht die Verfasserin in detailreicher Auswertung auf folgende Weise vor: Zunächst legt sie dar, welche Informationen zu den jeweiligen gentes zu dem Zeitpunkt vorlagen, als die erste Geschichte der gens geschrieben wurde, und untersucht dann die einzelnen Elemente der Herkunft in den Werken der Historiographen. Anschließend verknüpft sie das vorliegende schriftliche Wissen über die gens mit der berichteten Herkunft. Die einzelnen Autoren werden von ihr stets akribisch in den zeitgenössischen Kontext und die Forschungsgeschichte eingebettet. Die Schlussfolgerung läuft mit kleinen Abweichungen stets darauf hinaus, dass von einer mündlichen Tradition nicht ausgegangen werden kann, sondern dass sich die Berichte über die Herkunft der jeweiligen gens ganz aus der schriftlichen Überlieferung erklären lassen.
Die Ergebnisse zu den einzelnen Autoren sind, kurz zusammengefasst, folgende: Jordanes (S. 61–101), dem die Verfasserin eine von Cassiodor unabhängige Arbeitsweise bescheinigt, griff für seine Beschreibung der Goten auf Vorstellungen über die Skythen und römische Barbarenklischees zurück. Mit diesem Ergebnis schließt sich C. an Peter Heather an, der gegen Herwig Wolfram die antike Verwurzelung des Jordanes hervorgehoben hat. Isidor von Sevilla (S. 103–124) benutzte seine Quellen, um die Tapferkeit der Goten hervorzuheben, zog aber nicht alles Verfügbare heran. Die in der Origo gentis Langobardorum und bei Fredegar berichtete Herkunft der Langobarden aus Skandinavien (S. 153–196) gehe nicht auf eine mündliche Überlieferung zurück, sondern sei eine Anpassung der langobardischen Geschichte an antike Traditionen über die Skythen. Auch für eine anonyme byzantinische Überlieferung über die Langobarden (S. 241–249) und für Paulus Diaconus (S. 215–240) macht C. schriftliche Quellen geltend und führt insbesondere für die etymologische Deutung des Namens Langobarden als Langbärte Isidor von Sevilla an. Bei den fränkischen Herkunftsberichten ist die antike Tradition durch die behauptete trojanische Herkunft, die sich nur bei Gregor von Tours nicht findet, schon lange anerkannt und wird von C. weiter herausgearbeitet (S. 267–380). Eine ausführliche Benutzung der schriftlichen Quellen bescheinigt C. auch Beda Venerabilis, dessen Herkunft der Briten und Angeln sowie Sachsen aus Gildas und spätantiken kontinentalen Quellen über die Sachsen kohärent zusammengestellt worden sei (S. 403–439), wobei sie etwa bei den Pikten (S. 408–414) die parallele irische Überlieferung übersieht. Auch die Herkunftsberichte der Historia Brittonum sieht C. als Reflex der schriftlichen Tradition, auch wenn sie konzediert, dass eine Kenntnis des Fredegar und damit der Troja-Herkunft der Franken nicht nachgewiesen werden kann (S. 441-495).
In vielen Fällen sind der Verfasserin wichtige Beobachtungen gelungen. Die fränkischen Herkunftsberichte zeigen besonders eine an die gesellschaftlichen Gegebenheiten angepasste Bearbeitung (S. 379f.). Die bei Paulus Diaconus genannten »Hundsköpfigen« gehen eher nicht auf einen Freya-Kult, sondern eher auf die antike Gleichsetzung von Heiden mit Hunden zurück (S. 231–237). Die Origo Gentis Langobardorum und das Edictum Rothari sind wegen ihrer unterschiedlichen Einstellung zur heidnischen Vergangenheit der Langobarden nicht offiziell in der Überlieferung zusammengekoppelt worden (S. 197–214). Nicht in allen Einzelheiten werden die für die Argumentation allerdings auch oft notwendig dezidierten Meinungen der Verfasserin ungeteilte Zustimmung finden, etwa in Bezug auf die Selbständigkeit des Jordanes – hier übersieht sie das neue Werk von Arne S. Christensen, der die Getica ganz als Text des Cassiodor sieht – und etwa in Bezug auf die Vollständigkeit der Historia Langobardorum des Paulus Diaconus und Gregors von Tours Kenntnis der Troja-Tradition. Dass sie bei der Fülle der zu bearbeitenden Quellen den einen oder anderen Literaturtitel übersehen hat, fällt aufgrund der klaren und konzisen Vorstellung der Quellen nicht so stark ins Gewicht. Aber gelegentlich sind die Argumente von C. nicht nachvollziehbar, so etwa wenn sie glaubt, dass Gregor von Tours eine Überlieferung einer Troja-Herkunft der Averner bewusst gewesen sei, nur weil er eine Niederlage mit der von Troja vergleicht (S. 281f.). Die Ersterwähnung der Göttin Freia legt sie ins 13. Jahrhundert, obwohl die Wochentagsnamen schon bei Beda überliefert sind (S. 171). An anderer Stelle führt sie an, dass der – im Übrigen britische – Verfasser der Historia Brittonum absichtlich die Landschaft Onghul als Herkunftsland der Sachsen angegeben habe, um eine Verknüpfung zum lateinischen angulus herzustellen und damit die Sachsen als aus den fernsten Winkel der Erde stammende Barbaren zu kennzeichnen (S. 478f.), und zieht gar nicht in Betracht, dass die Historia die in Britannien eingedrungene gens konsequent als Sachsen und eben nicht als Angeln identifiziert. Für die Troja-Herkunft der Briten nimmt sie in Abweichung von ihrer sonst vorgenommenen konsequenten Herstellung einer schriftlichen Tradition an, dass sie durch die fränkische (!) mündliche Troja-Tradition (S. 545) zu erklären sei. Bei der weit verbreiteten Kenntnis Vergils lag es aber auf der Hand, eine gewünschte Verbindung zu den Römern über Troja zu erreichen, zumal die Vergangenheit der Briten in der römischen Provinz Britannien tatsächlich bekannt war.
Abgeschlossen wird der Band von einer ausführlichen Zusammenstellung der Ergebnisse (S. 503–555) und einem Anhang der Herkunftsberichte (S. 555–590), der den Überblick über die Quellen erleichtert.
Grundsätzlich ist zu begrüßen, dass die Verfasserin das Augenmerk darauf richtet, dass die frühmittelalterlichen Autoren keinesfalls in einem hermetisch abgeschlossenen »barbarischen« Raum geschrieben haben, der von der antiken Tradition abgeschnitten war, sondern dass sie sich in die lateinische und biblische Tradition einordnen lassen und sich selbst in dieser Tradition sahen. Ein Bewusstsein, mit der Herkunftserzählung auf Stammestraditionen zurückzugreifen, sie zu bewahren und Teil einer barbarischen Ethnogenesestrategie zu sein, war hingegen sicher nicht vorhanden. Aber es stellt sich die Frage, ob man bei dem Versuch der Befreiung von alten »Germanen«-Schemata nicht etwas über das Ziel hinausschießt, wenn man mündliche und schriftliche Tradition als sich einander ausschließende Gegensätze begreift, zumal C. zwar zu Beginn eine Gattung Origo gentis ausschließt, aber bewusste Rückbezüge der Autoren untereinander oftmals annimmt. Zugegebenermaßen dient der Hinweis auf mündliche Überlieferung manchem Forscher als Ausweg aus der Zwickmühle, wenn sich Quellen nicht benennen lassen. Aber niemand wird bestreiten, dass es mündliche Überlieferung gegeben hat, deren Zusammenspiel mit den schriftlichen Werken gerade in den Literaturwissenschaften intensiv diskutiert wird, und es lässt sich keinesfalls ausschließen, dass mündliche Traditionen benutzt wurden, nur weil sich eine schriftliche Quelle plausibel machen lässt. Dies ist ein weiterer Einwand gegen die Untersuchungen von C., dass sie bei der Suche nach Motivähnlichkeiten zwischen berichteter Herkunft und der schriftlichen Tradition oftmals nicht mehr leistet, als eine Übernahme plausibel zu machen. Der für die Mentalität der Schreiber und der Zeitgenossen interessanten und aufschlussreichen Frage nach der Funktion der Herkunftserzählung im narrativen Gesamtkontext, die unabhängig von den verwendeten Quellen gesehen werden muss, stellt sich die Verfasserin nur am Rande.
Dennoch lassen sich dem Werk viele Anregungen entnehmen, und man muss der Verfasserin dankbar sein, dass sie schon lange bezweifelte Topoi wie die Herkunft der Goten und Langobarden aus Skandinavien so akribisch in Frage stellt.
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