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C. Chattaway, The Order of the Golden Tree (Jan Hirschbiegel)

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Carol Chattaway, The Order of the Golden Tree. The Gift-Giving Objectives of Duke Philip The Bold of Burgundy

Francia-Recensio 2009/2 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Carol Chattaway, The Order of the Golden Tree. The Gift-Giving Objectives of Duke Philip The Bold of Burgundy, Turnhout (Brepols) 2006, 300 S. (Burgundica, 13), ISBN 2-503-52297-1, EUR 60,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Jan Hirschbiegel, Kiel

Geschenke waren insbesondere in den vor allem personal orientierten vormodern-vorstaatlichen Gesellschaften wichtige Medien der Kommunikation. Der französische Soziologe Marcel Mauss bezeichnet den Austausch von Geschenken in seinem zuerst zu Beginn der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts publizierten einflussreichen Werk »Essai sur le don« – Auftakt der modernen Schenkforschung, der auch das Deutsche Historische Institut Paris im Jahre 1998 unter dem Titel »Négocier le don au Moyen Âge« eine Tagung widmete – gar als fait social total, als ein »System der totalen Leistungen«, freilich, wie nicht zuletzt Valentin Groebner in seiner Schrift »Gefährliche Geschenke« aus dem Jahre 2000 zeigt, auch zu lesen als zeitgebundene Kritik an Staatlichkeit und Marktgeschehen, denen Mauss den indianischen potlatch gegenüberstellt. Gleichwohl ist, so Helmuth Berking 1996 in seiner »Anthropologie des Gebens«, der »Gabentausch nicht nur die signifikante Form, in der sich archaische Gesellschaften reproduzieren; Geben und Nehmen bezeichnen darüber hinaus jene elementaren Basisaktivitäten, durch die Soziabilität erst chancenreich wurde und auf denen noch jede Vergemeinschaftsleistung beruht«. So sind Geschenke bis heute wichtige Begleiter sozialer, aber auch politischer Kontakte, noch im Mittelalter allerdings waren Gabe und Gegengabe mit den Worten des Mediävisten Gerd Althoff für das Funktionieren von sozialen und politischen Beziehungen von grundlegender Bedeutung, denn die mittelalterlichen dons hatten, wie die französische Historikerin Colette Beaune formuliert, auch in ihren nicht gegenständlichen Formen praktisch-funktionale Aufgaben als gesamtgesellschaftliches Kohäsionsprinzip von Leistung und Gegenleistung. Diese Funktion des Gabentausches wurde erst durch die im späten Mittelalter beginnende »Monetarisierung des sozialen Verkehrs« (so sinngemäß Michel Mollat) sukzessive zurückgedrängt. In ebenjener Zeit ist die Arbeit von Carol M. Chattaway angesiedelt, die sich am Beispiel des Versuchs einer Ordensgründung durch den burgundischen Herzog Philipp im Jahre 1403 mit den politischen Implikationen des höfischen Geschenkverkehrs beschäftigt. Philipp der Kühne von Burgund hatte im Jahre 1403 den vor allem an den französischen Höfen verbreiteten Gabentausch zum neuen Jahr zum Anlass genommen, an einen umfangreichen, 60 männliche Personen zählenden Kreis Kollanen und Spangen, versehen mit der Wortdevise en loyauté, zu verschenken. Dieser vor allem in der burgundischen Rechnungsüberlieferung dokumentierte Vorgang hatte die Forschung lange Zeit zu zahlreichen Spekulationen veranlasst. Noch Joseph Calmette meinte, dass dieser Ordre de l’arbre d’or eine Art Vorwegnahme des Ordens vom Goldenen Vlies gewesen sei. Vermutet wurde auch, dass Philipp der Kühne mit Hilfe der Ordensgründung versuchen wollte, über die am 23. Dezember 1403 endende Vormundschaft über den bis dahin minderjährigen bretonischen Herzog Johann V. hinaus Einfluss auf die Bretagne zu behalten. Und die Feier des jour de l’an des Jahres 1403 hatte Philipp in Corbeil nach Rückkehr von seiner letzten großen Reise aus der Bretagne avec monseigneur de Bretaigne et ses freres begangen – eine Reise übrigens, die vom französischen König Karl VI. mit erheblichen finanziellen Mitteln unterstützt worden war. Nach Ausweis der Empfängerlisten gehörten dem Orden zahlreiche prominente, dem Haus Burgund zuzurechnende oder verbundene Aristokraten der Zeit an, schließlich aber eben auch Bretonen wie Hervé de Châteaugiron, Guy de Grave, Jean le Voyer oder der Vicomte de la Bellière – wenn man denn die Vergabe von Kollanen und Spangen schon als Ordensgründung selbst interpretiert –, darüber hinaus hatte Herzog Philipp zum Neujahrstag 1403 dem in Diensten des Herzogs der Bretagne stehenden Personal weitere Geschenke überreichen lassen wie dem Vorschneider, dem Mundschenk oder dem Kammerherrn Herzog Johanns oder dem écuyer der Herzogin. Chattaway geht der Frage einer über die Ordensgründung verhinderten Verselbstständigung der Bretagne allerdings nicht weiter nach, ebenso wenig vertieft sie den Aspekt, dass offensichtlich auch Frauen in den Orden eingebunden werden sollten, denen Philipp ebenfalls mit der Ordensdevise versehene Spangen fait de l’arbre d’or et ung aigle und lion esmaillés de blanc geschenkt hatte. Die Autorin konzentriert sich vielmehr auf die männlichen Mitglieder des Ordens und stellt sieben Thesen auf, die sie in eingehenden ikonographischen und prosopographischen Analysen überprüft. Sollte der Orden rein dekorativ-applikativen Charakter haben? War er ein höfisches Spiel? Stand seine Gründung im Zusammenhang mit Kreuzzugsplänen? Galt die Ordensgründung einem militärischen Bündnis oder sollte ein neuer Ritterorden etabliert werden? War der Orden nur die sichtbare und bewusst dokumentierte Seite einer spezifischen, vor allem sozial bestimmten Interessengruppe? Oder verfolgte die Ordensgründung politische Ziele? Im Ergebnis kommt Chattaway zu dem Schluss, dass der Orden des burgundischen Herzogs keineswegs auf eine höfisch-spielerische Qualität reduziert werden kann, auch wenn dies in den Augen der zeitgenössischen höfischen Öffentlichkeit so scheinen mochte (und möglicherweise sollte), sondern in den Formen und Codes der Zeit deutlich politischen Zwecken galt, zunächst kurz- und mittelfristig als eine auch militärische Reaktion auf den orléanistisch-burgundischen Gegensatz – eine Drohung, die Orléans sehr wohl verstand – und zur Unterstützung des burgundischen Anspruchs, die Krone zu kontrollieren, längerfristig aber auch im Zusammenhang mit dem (schon zu der Zeit bewusst verfolgten?) Plan der Errichtung eines unabhängigen burgundischen Reiches gesehen werden muss – akribisch verzeichnet Chattaway den u. a. nach ihren Positionen und ihrer Teilnahme an Feldzügen bemessenen militärischen Wert der Ordensmitglieder, dem sie allerdings sinnvollerweise die Frage nach der Loyalität folgen lässt, und bis auf wenige Ausnahmen wie im Fall des Jean de Montagu scheint der burgundische Herzog eine kluge Auswahl deliberately getroffen zu haben. Zahlreiche anschauliche Tabellen stützen und begleiten den Text der Studie in einem umfangreichen, mehr als die Hälfte des Bandes umfassenden Anhang und zeigen die im höfischen Geschenkverkehr erkennbare Entfaltung des burgundischen, auf den Herzog zentrierten Netzwerks, das Chattaway am Beispiel jener 60 Männer beim Übergang vom 14. zum 15. Jahrhundert beobachtet, die in detaillierten Biogrammen erfasst sind. Die Einbindung in den burgundischen Orden ist dabei allerdings nur ein Aspekt des im Gabentausch sichtbaren Beziehungsgeflechts, wie die Autorin deutlich zeigen kann. Nicht nur 1403, sondern über die gesamte Dauer der Regierungszeit Philipps und darüber hinaus partizipierten alle an burgundischen Zuwendungen, sei es im Rahmen des Geschenkverkehrs zum neuen Jahr oder zu anderen Anlässen. Sie erhielten nicht nur die üblichen mehr oder weniger wertvollen Goldschmiedearbeiten, sondern auch Geldgeschenke, Gagen, Bekleidung, Wein, Pferde oder Falken; regelmäßig haben diese Zuwendungen allerdings nur etwa die Hälfte derer erhalten, die dem Orden angehörten. Charakteristisch für den höfischen Geschenkverkehr war freilich die asymmetrische Struktur, nicht nur im Fall Burgunds. Das liegt zum Teil in der Überlieferung begründet: Nur selten erfahren wir von Geschenken an den Fürsten. Trotzdem wies der Gabentausch auch reziproke Momente auf wie im Fall des Georges de La Tremoilles, eines engen Vertrauten des Herzogs. Dieser Aspekt hätte von der Autorin etwas intensiver betrachtet werden können. Gleichwohl hat Carol M. Chattaway mit ihrer soliden quellennahen Untersuchung einen wichtigen Beitrag sowohl zur Burgundforschung als auch zur Erforschung des höfischen Geschenkverkehrs im allgemeinen und im besonderen geleistet, der zu Recht in die renommierte »Burgundica«-Reihe aufgenommen worden ist.

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C. Chattaway, The Order of the Golden Tree (Jan Hirschbiegel)
In: Francia-Recensio, 2009-2, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
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Dokument zuletzt verändert am: Feb 10, 2012 01:21 PM
Zugriff vom: May 24, 2012