L.A. Burnham, So Great a Light, So Great a Smoke (Letha Böhringer)
Louisa A. Burnham, So
Great a Light, So Great a Smoke. The
Beguin Heretics of Languedoc, Ithaca, New York (Cornell University
Press) 2008, XIV–217 S., ISBN 978-0-8014-4131-8, GBP 20,50.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Letha Böhringer, Bonn
Gegenstand dieser Studie sind die südfranzösischen Béguins, Laien beiderlei Geschlechts, die in der Welt ein Leben in der Nachfolge des heiligen Franziskus führen wollten – sei es in ihren Häusern mit ihren Familien, sei es in kleinen Gemeinschaften von Gleichgesinnten – und der 3. Regel der Franziskaner folgten. Dadurch unterschieden sie sich von den Beginen Mitteleuropas, frommen Frauen, die im 12. und 13. Jahrhundert alleine oder in Gemeinschaft lebten, ohne sich einem Orden anzuschließen. Unter den Franziskaner-Terziaren des Languedoc wurden »Béguins« vor allem jene genannt, die dem radikalen Armutsideal des Franziskaner-Spiritualen Petrus Johannis Olivi anhingen und dessen joachimitisch inspirierte Vorstellungen vom unmittelbar bevorstehenden Zeitalter des Heiligen Geistes teilten. Nach dem Tod Olivis 1298 wurde sein Grab in Narbonne für seine Anhänger, die ihn als unkanonisierten Heiligen betrachteten, zum Zentrum der Verehrung.
Vor allem die apokalyptische »Aufladung« des Armutsideals (d. h. nur die wirklich Armen würden mit spiritueller Erkenntnis begabt und leiteten das letzte Zeitalter der spirituellen Kirche ein) führte bald zu Misstrauen seitens der Geistlichkeit; unter der Bevölkerung erfreuten sich die Béguins hingegen eines hohen Ansehens. Ihre Position wurde jäh gefährdet, als 1316 mit Michael von Cesena als Ordensgeneral und Johannes XXII. als Papst erklärte Gegner der Spiritualen an die Macht gelangten. Aus einer Vorladung von Spiritualen aus Narbonne und Béziers, den Zentren des Olivi-Kults, wurden 1318 erste Ketzerprozesse und Hinrichtungen; diese ersten Autodafés sowie die Zerstörung des Olivi-Grabes bestärkten die Béguins in ihrer Auffassung, dass nunmehr die wahre, spirituelle Kirche im Endkampf gegen eine verderbte Kirche unter einem Antichristen im Papstgewand stünde. Ihre Gegner hingegen wollten dem schwärmerischen Treiben der »Sekte der Fratizellen« ein Ende bereiten und renitente Franziskaner-Spiritualen in die Schranken weisen, d. h. zu striktem Gehorsam gegenüber Ordensführung und kirchlicher Hierarchie verpflichten. Diese Vorgeschichte zu einer nun folgenden, zehnjährigen Periode der Verfolgung durch die Inquisition (1318–1328), wird im ersten Kapitel der Studie in informativer und verständlicher, dabei gänzlich unpolemischer Weise geschildert.
Die heikle Frage, wie es denn tatsächlich um die Orthodoxie der Béguins stand, wurde von Raoul Manselli dahingehend beantwortet, dass die Anhänger Olivis auf dem Boden der Rechtgläubigkeit standen und erst durch die Erfahrung einer unnachgiebigen und brutalen Inquisition in die Häresie getrieben wurden. Demgegenüber differenziert Burnham dahingehend, dass zwar durch einige päpstliche Dekretalen nach 1320 Ansichten als häretisch bezeichnet wurden, die vorher unbedenklich waren – etwa die Vorstellung von der völligen Armut Christi und der Apostel –, doch dass sich die Anhänger Olivis bereits vor der manifesten Verfolgung als alleinige Vertreter der wahren »geistlichen« Kirche betrachteten und von der zu überwindenden »fleischlichen« Kirche scharf abgrenzten. Der Konflikt war daher vorgezeichnet.
Der Inquisition fielen über 100 Béguins zum Opfer, von denen die meisten namentlich bekannt sind, und zwar sowohl aus den Verhörprotokollen als auch aus einigen erhaltenen »Martyrologien« der Béguins, die schon früh davon überzeugt waren, dass ihre verbrannten Brüder und Schwestern wie ihr spiritueller Vater Petrus Olivi heilige Märtyrer bei Gott seien. Zur Abwehr der Inquisition, die sie im Gegensatz zu den Albigensern nie mit Gewalt bekämpften, organisierten die Béguins des Languedoc und ihre laikalen und geistlichen Sympathisanten (einige Franziskaner sowie manche Weltpriester) Netzwerke des Widerstands. Waren sie anfangs aufgrund ihrer Kleidung (man war stolz auf kurze, ärmliche, vielfach geflickte Habite als äußeres Zeichen der Armut) und bestimmter Ausdrucksformen (Grußformel, Gebetshaltung) leicht zu erkennen, so verstand man sich bald auf unauffälligere Verhaltensweisen, irreführende Angaben und ggf. Flucht, zumeist in die benachbarte Provence, die unter der Herrschaft der Anjou stand, sowie nach Italien.
Diese Netzwerke des Widerstands werden in drei Kapiteln untersucht, und zwar vorwiegend anhand von Biografien, die mittels der Verhörprotokolle zumindest in Teilen rekonstruierbar sind. Vier unterschiedliche Lebenswege veranschaulichen die Bandbreite möglicher Verhaltensweisen und Taktiken angesichts der Bedrohung. Ein Ehepaar – der Ehemann konnte lesen und besaß eine okzitanische Übersetzung von Olivis Apokalypse-Kommentar – sah durch die erste Verfolgungswelle Olivis Interpretation einer apokalyptischen Gegenwart bestätigt. Die Eheleute sammelten an Hinrichtungsorten Reliquien der ermordeten Freunde und halfen auch Flüchtigen. Sie wurden vor die Inquisitoren gestellt und versuchten sich herauszureden; ihr weiteres Schicksal ist nicht dokumentiert. Unerschrocken bekannte sich hingegen eine Béguine, die in einer kleinen Gemeinschaft Gleichgesinnter gelebt hatte, zu ihren Überzeugungen. Sie bestritt vor den Inquisitoren dem Papst das Recht, Anordnungen zur Armutsfrage zu treffen; auch beharrte sie auf der Heiligkeit der hingerichteten Béguins. In den Verfolgungen sah sie ein notwendiges Zeichen der Endzeit, das die Verfolger als Feinde der spirituellen Kirche entlarve. Sie geriet früh in die Fänge der Inquisition und wurde 1321 verbrannt. Weite Netzwerke im Languedoc und in der Provence spann der Weltpriester Bernard Maury, der heftig gegen die Inquisitoren predigte, mehrere Jahre entkam und schließlich 1326 hingerichtet wurde.
Ein weiteres Kapitel ist der Rolle der Stadt Montpellier gewidmet, dem Ziel vieler Flüchtlinge. Hier lebten zahlreiche Béguins, und die Konvente der Franziskaner-Spiritualen waren hoch angesehen und hatten reiche Gönner. Ein bewegtes Leben führte Peire de Tornamira, der aus einem wohlhabenden und angesehenen Elternhaus stammte und sich zeitweilig in einem Haus des spirituellen Visionärs Philipp von Mallorca aufhielt, einem Infanten des mallorquinischen Königshauses. Peire floh schließlich nach Italien, kehrte aber schwer erkrankt zurück und starb beim Verhör durch einen besonders brutalen Inquisitor. Dass man ihm das Begräbnis verweigerte, weil er angeblich als unbußfertiger Ketzer gestorben sei, erzürnte seine Familie, die jedoch erst 1357 seine Rehabilitierung erlangte. Mit einer bemerkenswert milden Strafe kam hingegen die Kaufmannswitwe Sibillia Cazelas davon; wie es dazu gekommen sein könnte, vermag die Autorin durch einen interessanten Quellenfund plausibel zu machen. Sie entdeckte in den Registern eines Notars aus Montpellier eine eigenartige Transaktion vor den Toren der Stadt, in deren Verlauf Sibilla von einer reichen Angehörigen des Landadels viel Geld zum Geschenk erhielt – ohne erkennbare Gegenleistung; als Zeugen fungierten drei Franziskaner-Spiritualen. Dass hier Gelder die Besitzerin wechselten, mit denen die Inquisitoren bestochen werden sollten, liegt nahe – tatsächlich wurde einem Beteiligten an Sibillias Verhör (es handelte sich um den zwielichtigen Inquisitor von Peire de Tornamira!) später wegen Bestechlichkeit in einem anderen Fall der Prozess gemacht. Zudem zeigen diese Vorgänge, dass die Anhänger Olivis Unterstützung aus Kreisen erhielten, die man bisher nicht mit ihnen in Verbindung brachte, nämlich von Angehörigen des landsässigen Adels.
Das letzte Kapitel ist zwei Wortführern der Béguins gewidmet, einem Mann und einer Frau; Frauen machten nach der Einschätzung von Louisa Burnham insgesamt ein knappes Drittel der Béguins aus. Beide Persönlichkeiten repräsentieren die Extreme in den Auffassungen der Verfolgten. Während Na Prous Boneta eine radikal-apokalyptische Haltung einnahm, weichen die Einstellungen des Peire Trenceval kaum von der Orthodoxie ab. Na Prous Boneta, die aus einer Familie von Olivi-Anhängern stammte und bereits als kleines Mädchen vor dessen Grab lebenslange Jungfräulichkeit gelobt hatte, war eine Einzelgängerin, gleichwohl mit starkem Einfluss auf ihre Umgebung. In ihren ekstatischen Visionen sah sie sich in direkter Nähe zu Olivi, drängte zum Martyrium und predigte in diesem Sinne auch zu ihren Anhängerinnen. Noch nach ihrer Verhaftung 1325 wirkte sie vom Gefängnis in Carcassonne aus und stärkte bis zu ihrer Hinrichtung 1328 ihre Mitgefangenen im Widerstand. Pragmatischer wirkte Peire Trencavel als Organisator des Widerstands. Er kümmerte sich vorrangig um die Verbreitung von Olivis Schriften, brachte Bücher in die Provence, wo er auch zeitweise mit seiner Tochter und Gefährten lebte. Peire und seine Tochter wurden 1327 verhaftet und verschwinden aus den dortigen Quellen. Doch taucht Peire später in Padua wieder auf, wo er in ein Franziskanerkloster eingetreten war. Andere Exilierte fanden in Assisi, in Apulien und in Sizilien einen Unterschlupf. Die Gedanken des Olivi lebten weiter, wie vereinzelte spätere Verfolgungen bezeugen.
Die Vorzüge des vorliegenden Bandes beruhen auf der narrativen Begabung der Autorin, der atmosphärisch dichte und fesselnde Schilderungen gelungen sind. Die Tatsache, dass sie die französisch-italienische Forschung umsichtig rezipiert hat, die Literatur in deutscher oder niederländischer Sprache hingegen kaum, vermag diesen positiven Eindruck nur wenig zu beeinträchtigen. Hervorzuheben ist zudem die Sachlichkeit der Darstellung. Auch wenn die Sympathien von Louisa Burnham eindeutig sind (das Buch ist den verbrannten Béguins gewidmet) und die Inquisitoren weitgehend gesichtslose Verfolger bleiben, so verzichtet sie doch auf Polemik, einseitige Werturteile und Rollenzuweisungen.
Kritisch anzumerken ist allerdings,
dass hinter der Erzählung methodische Reflektionen und
quellenkritische Erörterungen zurückstehen. So finden sich im Buch
zwar methodische Überlegungen zur problematischen Auswertung von
Inquisitionsprotokollen (u. a. S. 56ff.), die durch Notare,
Übersetzungsprozesse und die Anpassung der Verhörten an die
Erwartungen des Inquisitors (Einnahme der Rolle des »hartnäckigen
Ketzers« bzw. des »reuigen Büßers«) geprägt wurden, doch
bleiben diese Reflektionen vage, stehen unverbunden neben den
biographischen Schilderungen und werden nicht anhand von Beispielen
konkretisiert. Zudem enthält das vorliegende Buch nur einen Teil der
von Louisa Burnham an der Northwestern Universität eingereichten
Ph.D. Dissertation; sie zitiert aus ihren Texteditionen mit
Kommentaren, die nur dort niedergelegt sind (vgl. etwa S. 61 Anm. 32
und S. 82 Anm. 94). Das ist freilich unbefriedigend, und man kann nur
hoffen, dass auch der Editionsteil der Dissertation veröffentlicht
wird. Insbesondere hätte es die Rezensentin interessiert, auf welche
Weise es den in Italien überlebenden Béguins gelungen ist, eine
eigene Überlieferung von Texten und Martyrologien in Gang zu setzen,
die an verschiedenen Orten, darunter der Herzog-August-Bibliothek in
Wolfenbüttel, auf uns gekommen sind.
Trotz dieser Einwände ist
festzuhalten, dass hier eine lesenswerte Monographie vorliegt , die
überdies fasziniert, weil die beschriebenen Ereignisse die reale
Vorgeschichte zu Umberto Ecos Roman »Der Name der Rose« bilden,
dessen Handlung 1327, auf dem Höhepunkt des Kampfes gegen die
radikalen Spiritualen, angesiedelt ist. Louisa Burnham erklärt,
einen Mittelweg zwischen einem rein ideengeschichtlichen oder
strukturellen Zugriff und einer an pikanten Details reichen
»Alltagsgeschichte« à la Le Roy Ladurie gesucht zu haben, was man
als rundum gelungen bezeichnen kann.
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