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B. Bousmanne, Hanno Wijsmann, Sandrine Thieffry (dir.), Philippe le Beau (1478–1506) (Klaus Oschema)

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Bernard Bousmanne, Hanno Wijsmann, Sandrine Thieffry (dir.), Philippe le Beau (1478–1506). Les trésors du dernier duc de Bourgogne

Francia-Recensio 2009/2 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Bernard Bousmanne, Hanno Wijsmann, Sandrine Thieffry (dir.), Philippe le Beau (1478–1506). Les trésors du dernier duc de Bourgogne, Bruxelles (Bibliothèque royale de Belgique) 2006, 174 S., ISBN 978-2-87093-160-8, EUR 45,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Klaus Oschema, Bern

Philipp der Schöne drohte stets ein wenig unterzugehen zwischen dem Glanz seiner burgundischen Vorgänger von Philipp dem Kühnen bis Karl dem Kühnen, den Memorialleistungen seines Vaters Maximilian, des »letzten Ritters«, und dem weltumspannenden Ausgreifen Kaiser Karls V. In den letzten Jahren aber wurde er zunehmend aus diesem Schattendasein befreit: Bereits 2003 erschien eine magistrale Biographie aus der Feder J.-M. Cauchies’, 2006 bot Philipps 500. Todestag den Anlass zu einer Ausstellung der Königlichen Bibliothek in Brüssel. Begleitet wurde dieses Projekt von dem hier vorzustellenden Katalogband, wobei der Rezensent die Ausstellung selbst bedauerlicherweise nicht besuchen konnte.

In gewisser Weise bietet der reich illustrierte Katalog nun eine bildliche Begleitung zu ausgewählten Aspekten von Philipps Leben und Umwelt. Die einführende biographische Skizze ist Cauchies zu verdanken, der auf wenigen Seiten eine konzise Zusammenfassung jüngerer Forschungen bietet, darunter insbesondere seiner eigenen Arbeiten. Der eigentliche Katalogteil ist in fünf Kapitel gegliedert, die sich der Ausbildung des jungen Prinzen und seinem Lektürekanon widmen (beide Kapitel: H. Wijsmann), seiner Beeinflussung durch den Kontakt mit Spanien (R. Fagel), den Vertrauten in seiner Umgebung (C. Van Hoorebeeck) und der Musik seiner Zeit (S. Thieffry). Ergänzt wird dieser Textbestand durch eine genealogische Tafel zu Philipps verwandtschaftlichen Verbindungen und, dies ein besonderer Leckerbissen für Musikliebhaber, eine CD mit mehreren polyphonen Stücken der Zeit, v. a. von Pierre de la Rue, einer zentralen Figur in Philipps Kapelle.

Da sich die einzelnen Kapitel jeweils aus einer längeren Einführung und darauf folgenden Objektbeschreibungen (vierzig an der Zahl) zusammensetzen, soll hier nicht detailliert auf jeden Textbeitrag eingegangen werden. Schon die Übersicht macht aber die Konzentration auf das Medium Buch deutlich, das nicht nur in seiner Bedeutung als Schlüssel zur Ausbildung und Mentalität des jungen Fürsten vorgestellt wird. Es ist zugleich auch ein Objekt, in dem sich konkrete soziale Beziehungen widerspiegeln: Der Blick auf einzelne Handschriften erlaubt damit das Aufzeigen personeller Bindungen, die sich zuweilen in den wechselhaften Besitzgeschichten der Manuskripte niederschlagen. So identifiziert van Hoorebeeck anhand einer Livius-Handschrift (Kat.-Nr. 29) eine direkte Verbindungslinie von Charles de Saveuses, einem Soldaten und Höfling im herzoglichen Umfeld, über den Erzbischof von Besançon, François von Busleyden, bis hin zu Margarete von Österreich (S. 120f.). Die genaue Natur der Beziehungen und die Hintergründe der raschen Besitzerwechsel des Manuskripts, das als »cadeau de circonstance« erscheint, lassen sich damit freilich noch nicht erhellen. Dennoch macht dieses Beispiel deutlich, warum auch eine Ausstellung von Handschriften, die zumeist nicht von Philipp dem Schönen selbst in Auftrag gegeben wurden, sondern zum Teil bereits in den Bibliotheken seiner Vorfahren ihren Platz hatten (darunter etwa die berühmten Croniques et conquestes de Charlemaine aus der Werkstatt David Auberts, Kat.-Nr. 8–9), einiges über den Erben dieser Schätze verraten kann. Dies unterstreicht auch Wijsmann mit dem Verweis auf die Bedeutung eines Inventars aus dem Jahr 1485: Die auf den 21. Juli datierte Auflistung verzeichnet 22 Nummern, die ausnahmslos bereits in den Inventaren der Jahre 1467/1469 erscheinen und damit der Bibliothek Philipps des Guten von Burgund entstammen (S. 25). Die reich illuminierten Handschriften des Verzeichnisses von 1485 bildeten, so Wijsmanns These, einen Grundstock für die Ausbildung des jungen Fürsten und waren vermutlich sorgfältig ausgewählt worden, vielleicht von seinen Erziehern Ludwig von Gruuthuse und Adolph von Kleve, vielleicht auch von Maria von Burgund oder Margarete von York. Der Autor wagt sich hier weit in den Bereich der Spekulation (S. 28), aber der Gedanke, dass sich aus der Sammlung Hinweise auf das Erziehungsprogramm entnehmen lassen könnten, ist tatsächlich verführerisch. Gerade vor diesem Hintergrund erscheinen die Absenz didaktischer Traktate und die starke Ausrichtung auf das burgundische Erbe in den Niederen Landen (im Gegensatz zur habsburgischen Tradition) bemerkenswert.

Wenn die Auswahl der im Katalog präsentierten Handschriften also auf den ersten Blick erstaunen mag, so zeigen die einzelnen Kapitel des Bandes doch ihre Aussagekraft für die Geschichte dieses Fürsten auf. Neben dem Gebrauch als Geschenkobjekte, der auch im zweiten Kapitel hervorgehoben wird (S. 54f.), erscheinen vor allem Annotationen und Besitzeinträge von besonderem Interesse für die Untersuchung der konkreten Nutzung der Manuskripte. Auch hier gerät man wieder in den Bereich der Spekulation, wenn aus der Summe der Einträge auf gemeinsame Lektüresitzungen geschlossen werden soll (S. 55f.). Auf jeden Fall drücken Besitzvermerke in einzelnen Handschriften aber die Wertschätzung aus, die man ihnen entgegenbrachte: So finden sich im ersten Band der bereits erwähnten Croniques et conquestes de Charlemaine autographe Einträge Philipps des Guten und seiner Gemahlin Johanna von Kastilien (S. 64). Gerade der zu dieser Handschrift gehörende Katalogtext zeigt zugleich aber die Problematik der praktischen Platzbeschränkung sowie des Abwägens zwischen kunsthistorisch bedeutsamen Erkenntnissen und den für den vorliegenden Kontext einschlägigen Details – nutzt der Autor den Raum doch vor allem für den Hinweis auf die neue Zuschreibung der künstlerischen Ausgestaltung der Handschrift an »Jan de Tavernier« (statt wie bislang üblich an »Jean le Tavernier«). Nicht zuletzt deshalb dürfte die wohlbekannte Miniatur mit der Präsentationsszene dieser Handschrift abgebildet worden sein (S. 63), nicht aber die autographen Einträge des Fürstenpaares. Auch an anderen Stellen enttäuscht die Auswahl und Präsentation der Abbildungen zuweilen, wenn etwa die Ahnentafel des Josse de Lalaing (Kat.-Nr. 35) zwar farbig reproduziert wird, aber leider in recht kleinem Format. Im Gegenzug fallen Objekte ins Auge, die weniger bekannt sein mögen und ein lebendiges Bild von den Lebensbedingungen der Zeit evozieren. Hierzu zählen insbesondere zwei Münzverordnungen (Kat.-Nr. 17–18), die einen Eindruck von der Münzproduktion und Geldpolitik vermitteln.

Insgesamt vermischt sich in diesem Band also Bekanntes mit Originellem. Die Textbeiträge werden in ihrem speziellen Zuschnitt nicht jedem Leser die gewünschten Informationen vermitteln, zumal sie nicht den Anspruch erheben, sich zu einer umfassenden Überblicksdarstellung zu vereinen. Für die jeweiligen Fachgebiete erlauben sie aber einen konzisen Einblick, der mit den präsentierten Objekten harmoniert.

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B. Bousmanne, Hanno Wijsmann, Sandrine Thieffry (dir.), Philippe le Beau (1478–1506) (Klaus Oschema)
In: Francia-Recensio, 2009-2, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
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Dokument zuletzt verändert am: Jan 27, 2012 11:36 AM
Zugriff vom: May 24, 2012