B. Schoenborn, La mésentente apprivoisée (Reiner Marcowitz)
Benedikt Schoenborn, La
mésentente apprivoisée. De
Gaulle et les Allemands, 1963–1969, Paris (PUF) 2007, XIV–430 S.,
ISBN 978-2-13056038-8, EUR 40,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Reiner
Marcowitz, Metz
Ende der fünfziger/Anfang der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts verkomplizierte sich die außen-, insbesondere die europapolitische Lage der Bundesrepublik Deutschland entscheidend: An der Spitze Frankreichs stand nämlich seit Juni 1958 mit Charles de Gaulle ein Politiker, der das bisher hochgehaltene Prinzip der Supranationalität zumindest für die politische Einigung Westeuropas ablehnte und statt dessen eine staatenbundliche Organisation favorisierte, wobei er den von seinen Partnern gewünschten Beitritt Großbritanniens hierzu ablehnte. Auch sicherheitspolitisch wollte er eigene Wege gehen. Statt einer – seiner Meinung nach – letztlich immer unzureichenden Mitsprache beim Einsatz der amerikanischen Nuklearwaffen strebte er eine eigene Atombombe an. Die sich hier abzeichnenden Divergenzen hatten für die Bonner Diplomatie gravierende Auswirkungen: Bis zu de Gaulles Regierungsantritt hatte sie gute Beziehungen zu den USA problemlos mit einer engen deutsch-französischen Zusammenarbeit vereinbaren können. Nun aber drohte der Zwang, zwischen beiden Verbündeten wählen zu müssen.
Die Lage der Bundesrepublik belastete zusätzlich noch der Umstand, dass die geschilderten außenpolitischen Entwicklungen erhebliche Auswirkungen auf die westdeutsche Innenpolitik hatten: Insbesondere CDU und CSU zerstritten sich angesichts der komplizierten internationalen Lage über den weiteren außenpolitischen Kurs, wobei die Spaltung in »Atlantiker« und »Gaullisten« die folgenträchtigste war. Dieser tief greifende innen- und außenpolitische Wandel ist seit einigen Jahren vor allem aus deutscher Perspektive erforscht. Allerdings stützt sich die vorliegende Studie auf seine sehr bereite Quellenbasis, die amerikanische, britische, deutsche und französische Archivalien umfasst und dies für die Jahre 1963 bis 1969, für die die staatlichen Quellen erst in den letzten Jahren freigegeben worden sind. Sie zeigt daher multiperspektivisch, wie schwierig, ja fast unmöglich angesichts zunehmender Spannungen zwischen Frankreich und dem westdeutschen Protektor USA eine deutsch-französische Konsensstiftung in der Europapolitik war. Hierbei handelte es sich um einen Streit der Köpfe: auf der einen Seite der junge charismatische John F. Kennedy, auf der anderen Seite der alte, aber auf seine eigene Weise nicht minder mediale Charles de Gaulle. Gleichzeitig fand hier aber auch ein Kampf der Konzepte statt: hier der amerikanische »Grand Design« mit dem Ziel einer stabilen transatlantischen Brücke – der eine Pfeiler die USA, der andere Pfeiler ein integriertes Westeuropa, einschließlich Großbritanniens, beide durch ein festes ideologisches, politisches und wirtschaftliches Band miteinander verbunden; dort das gaullistische »Europe européenne«, ein geeintes Westeuropa ohne England, mit den USA eng verbündet, doch gleichzeitig auch von ihnen unabhängig, nicht zuletzt durch die Fähigkeit zur atomaren Selbstverteidigung, wie sie Frankreich mit der Force de frappe vorexerzierte.
Vor diesem Hintergrund war der Deutsch-Französische Vertrag faktisch seit seiner Unterzeichnung am 22. Januar 1963 entwertet. Keine Bundesregierung, weder unter dem Bundeskanzler Konrad Adenauer noch unter Ludwig Erhard oder Kurt Georg Kiesinger, konnte es sich leisten, mit den USA zu brechen. Insofern setzte die deutsche Seite – aufgrund massiven amerikanischen Drucks, wie Schoenborn belegt, – dem Vertrag im Frühjahr 1963 eine Präambel voran, mit der er den Prämissen jener Europa- und NATO-Politik untergeordnet wurde, die de Gaulle strikt ablehnte. Spätestens im Sommer 1964 musste der französische Staatspräsident dann auch erkennen, dass Ludwig Erhard keinen Millimeter von dieser politischen Linie abzuweichen bereit war: Schoenborn zeigt, dass der Kanzler allen französischen Sirenengesängen zum Trotz – einschließlich jenem einer Mitsprache bei der force de frappe – eine unbedingte, ja blinde Loyalität gegenüber den USA praktizierte, die die deutsche Außenpolitik 1966 in eine Sackgasse führte und ein Grund für den Sturz Erhards Ende 1966 war.
Die folgende Große Koalition von CDU/CSU und SPD unter Führung von Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger und Außenminister Willy Brandt war bereit, neue Akzente zu setzen. Dementsprechend herrschte Anfang 1967 im deutsch-französischen Verhältnis eine echte Aufbruchstimmung, ja beinahe schon Euphorie. Doch die neue »lune de miel« – das arbeitet Schoenborn heraus – sollte nur wenige Monate dauern. Dies lag vor allem daran, dass Großbritannien und seine EFTA-Partner Irland, Dänemark und Norwegen im Mai 1967 erneut ihre Aufnahme in die EWG beantragten. Während de Gaulle und seine Regierung – wie schon 1962/63 – ihre Bedenken gegen einen solchen Schritt anmeldeten, spielte die »Große Koalition« eine – ebenso schwierige wie undankbare – Mittlerrolle. Allerdings gesellten sich der Beitrittsfrage bald weitere deutsch-französische Querelen hinzu: De Gaulle kritisierte die ostpolitische Konzessionsbereitschaft der »Großen Koalition« als unzureichend, die Bundesregierung wiederum provozierte die immer schärfere Kritik des Generals an den USA und deren Vietnam-Engagement.
Somit war das deutsch-französische Verhältnis ansatzweise bereits Ende 1967, endgültig dann im Spätsommer 1968 – wegen des sowjetischen Einmarsch in die Tschechoslowakei, für den de Gaulle auch die westdeutsche Unterstützung für die Prager Reformer verantwortlich machte – wieder auf ein reines, wenngleich insbesondere dank Kiesingers Einsatz erfolgreiches, Krisenmanagement reduziert. Generell scheint Krisenmanagement das Leitmotiv der deutsch-französischen Beziehungen in den Jahren 1963 bis 1969 gewesen zu sein: Letztlich verband die Bundesrepublik und Frankreich in diesem Zeitraum eine »mésentente« – allerdings dank der im Deutsch-Französischen Vertrag vorgeschriebenen Konsultationen eine »mésentente apprivoisée«, wie Schoenborns verdienstvolle Studie belegt.
Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

