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G. Bossuat, Faire l’Europe sans défaire la France (Reiner Marcowitz)

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Gérard Bossuat, Faire l’Europe sans défaire la France. 60 ans de politique d’unité européenne des gouvernements et des présidents de la République française (1943–2003)

Francia-Recensio 2009/1 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Gérard Bossuat, Faire l’Europe sans défaire la France. 60 ans de politique d’unité européenne des gouvernements et des présidents de la République française (1943–2003), Bruxelles, Berne, Berlin, (Peter Lang) 2005, 630 S. (Euroclio. Études et Documents/Documents and Studies, 30), ISBN 90-5201-249-0, EUR 54,50.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Reiner Marcowitz, Metz

Am Ende des Zweiten Weltkriegs standen letztlich alle europäischen Staaten vor einem Scherbenhaufen – insbesondere materiell und politisch, letztlich aber auch kulturell und moralisch. Das schuf zumindest mittelfristig die Voraussetzung für einen tief greifenden strukturellen Wandel in der französischen Europapolitik, wie das vorliegende Buch zeigt. Es ist sowohl eine profunde Studie der französischen Europapolitik der Jahre 1943 bis 2003 als auch eine Edition von 100 – teils archivalischen, teils bereits an anderer Stelle veröffentlichten – Schlüsseldokumenten zum Thema. Das erlaubt dem Interessierten daher gleich auf zweifache Weise den Gang der europäischen Einigung aus französischer Perspektive nachzuvollziehen.

Als Katalysator für konkrete Maßnahmen zur Einigung des Kontinents erwies sich bereits in den Tagen des Comité français de la libération nationale (CFLN) in Algier die Einsicht in die notwendige Konzertierung ökonomischer und politischer Ressourcen in Westeuropa – eine Erkenntnis, die, wie Bossuat zeigt, dann durch die zunehmende bipolare Blockbildung unter der Führung zweier »Supermächte«, der USA und der Sowjetunion, bestätigt wurde: Aufgrund des in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre ausbrechenden Ost-West-Konflikts brauchten die Westeuropäer die Hilfe der Vereinigten Staaten, die wiederum als Vorbedingung für militärischen Beistand und wirtschaftliche Unterstützung eine verstärkte innereuropäische Kooperation verlangten. Damit zerstoben auch die in der frühen Nachkriegszeit – insbesondere in Frankreich – verbreiteten Hoffnungen auf ein Europa als »Dritte Kraft«. Statt dessen konstituierten sich 1948 die OEEC – zur Verwaltung der Marshall-Plan-Hilfe – und 1949 der Europarat. Allerdings bewegten sich beide Institutionen weiterhin in den traditionellen Grenzen zwischenstaatlicher Zusammenarbeit.

In dieser Situation präsentierte die französische Regierung eine neue Initiative zur Einigung zumindest Westeuropas: Am 9. Mai 1950 schlug der französische Außenminister Robert Schuman in einer spektakulären Pressekonferenz die Gründung einer Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) vor. In den letzten Jahren ist versucht worden, das Spektakuläre an diesem Plan zu relativieren, wenn nicht sogar zu negieren. Bossuat betont ebenfalls, wie sehr hier auf neuen Wegen ein altes Ziel anvisiert wurde: die Aufwertung Frankreichs und die Niederhaltung Deutschlands. Indes räumt er durchaus die zäsierende Bedeutung dieser Initiative ein. Tatsächlich markiert der Schuman-Plan in der französischen Europapolitik einen wichtigen Einschnitt: Die Franzosen – aber auch die übrigen beteiligten Westeuropäer – sicherten sich einen zeitgemäßeren und damit dauerhafteren Einfluss auf die westdeutsche Wirtschaft, folglich auch politische und militärische Garantien für den Fall eines weiteren deutschen Erstarkens. Beides waren wiederum vor allem aus französischer Perspektive wichtige Voraussetzungen für eine führende Rolle Frankreichs, das, so der spiritus rector des Schuman-Plans, Jean Monnet, in einer Aufzeichnung vom 3. Mai 1950, »est désignée par le destin« (Dok. 21, S. 290). Die Westdeutschen ihrerseits gewannen in dem Maße ihre Souveränität wieder, wie sie bereit waren, Teile davon zugunsten des neuen gemeinsamen Ideals der westeuropäischen Einigung auf supranationalen Wegen abzugeben. Alle zusammen profitierten von den positiven wirtschaftlichen Effekten der EGKS – Rationalisierung, Leistungssteigerung und Wirtschaftsexpansion. Überdies avancierte der einmal erfolgreich praktizierte Ansatz als »méthode Monnet« zum Bewegungsgesetz der europäischen Einigung: Eine sukzessive sektorale Integration – ein Begriff, der bezeichnenderweise erst nach dem 9. Mai 1950 zum Synonym für eine supranationale Einigung avancierte, – sollte zumindest im ökonomischen Bereich zum erhofften spill-over führen.

Zudem wuchs durch die konkrete Kooperation mit der Zeit auch das gegenseitige Vertrauen und damit die Bereitschaft zum weitergehenden gemeinsamen Vorgehen, womöglich auch in anderen Bereichen – eine Hoffnung, die bereits Monnet gehegt hatte und die sich trotz des Scheiterns der einfach noch zu ambitionierten Europäischen Politischen Gemeinschaft und der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft 1954 mit der Unterzeichnung der Römischen Verträge und der Schaffung von Europäischer Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und Europäischer Atomgemeinschaft (EURATOM) 1957/1958 bewahrheitete. An der Gründungsgeschichte beider Institutionen zeigte sich erneut das Erfolgsrezept der westeuropäischen Einigung: Diese bot den beteiligten Staaten konkrete kollektive Lösungen für ihre jeweiligen Probleme an, die ein so überzeugender Kompromiss waren, dass ihre Regierungen letztlich sogar bereit waren, in einzelnen Bereichen ihre nationalen Kompetenzen auf eine supranationale Behörde zu übertragen, obwohl die einzelstaatlichen Interessen zunächst erheblich divergierten und die vorangegangenen Verhandlungen deshalb durchaus schwierig waren. Der Erfolg wurde erst möglich, als alle Partner grundsätzlich akzeptierten, dass EAG und EWG ihren jeweiligen Wünschen zwar nur in unterschiedlicher Weise entsprachen – so favorisierte Frankreich die EAG –, die eine aber ohne die andere nicht zu haben sein würde und daher jeder kompromissbereit sein musste.

Zunächst einmal harmonierten die europapolitische Konzeption der IV. Französischen Republik und jene der USA. Dies änderte sich erst nach 1958, wie auch Bossuat zeigt: Unter dem neuen Staatspräsidenten der V. Französischen Republik, Charles de Gaulle, brachen Gegensätze aus, die in gewisser Weise bis heute nachwirken. Sie konkretisierten sich auf dem Feld der Europa- ebenso wie auf dem damit verbundenen der NATO-Politik: hier der amerikanische »Grand Design« mit dem Ziel einer stabilen transatlantischen Brücke – der eine Pfeiler die USA, der andere Pfeiler ein integriertes Westeuropa, einschließlich Großbritanniens, beide durch ein festes ideologisches, politisches und wirtschaftliches Band miteinander verbunden; dort die gaullistische »Europe européenne«, ein geeintes Westeuropa ohne England, mit den USA eng verbündet, doch gleichzeitig auch von ihnen unabhängig, nicht zuletzt durch die Fähigkeit zur atomaren Selbstverteidigung, wie sie Frankreich mit der Force de frappe vorexerzierte.

Vordergründig haben die USA bereits in den 1960er Jahren gewonnen und de Gaulle blieb nur die Obstruktion in Form eines doppelten »Non!« zum britischen Beitritt und zur französischen Beteiligung an der militärischen Integration der NATO. Allerdings mussten seitdem alle amerikanischen Administrationen akzeptieren, dass es keine automatische Harmonie mehr in den transatlantischen Beziehungen gibt. Statt dessen bedarf es einer dauernden und bisweilen äußerst mühsamen Suche nach Kompromissen zwischen den divergierenden amerikanischen und europäischen Positionen, wobei letztere oft genug stark von Frankreich geprägt werden. Auch in der postgaullistischen Phase der französischen Außenpolitik, das verdeutlicht Bossuats Darstellung, knüpfte die französische Europakonzeption nicht mehr an die ursprüngliche Hoffnung Monnets oder Schumans auf eine europäische Föderation an. Vielmehr pendelte sie zwischen der Bereitschaft zum weiteren Ausbau der Integration einerseits und der Wahrung nationaler Souveränität andererseits – dieses vor allem in der Präsidentschaft Georges Pompidous, jenes überwiegend unter der Ägide Valéry Giscard d’Estaings, François Mitterrands und Jacques Chiracs. Im Rahmen dieser konzeptionellen wie operativen Bipolarität bewegt sich denn auch Bossuats eigener Ausblick auf die zukünftige Stellung seines Landes in Europa: »La France a un rôle à jouer dans la construction de l’Europe unie. Ce rôle n’est pas de construire une fédération. Il est de négocier une plus grande solidarité intereuropéenne, de faire apparaître l’apport de la France au bien commun que représente l’unité, sans pour autant renoncer à manifester son influence« (S. 24).



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G. Bossuat, Faire l’Europe sans défaire la France (Reiner Marcowitz)
In: Francia-Recensio, 2009-1, 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
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Dokument zuletzt verändert am: Feb 22, 2012 09:27 AM
Zugriff vom: May 24, 2012