Les ordres religieux militaires dans le Midi (XIIe–XIVe siècle) (Jochen Georg Schenk)
Les ordres religieux militaires dans le Midi
(XIIe–XIVe
siècle), Toulouse (Éditions Privat) 2006, 440 S. (Cahiers de
Fanjeaux. Collection
d’Histoire religieuse du Languedoc au Moyen Âge, 41), ISBN
2-7089-3444-9, EUR 30,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Jochen
Georg Schenk, London
Der vorliegende Aufsatzband ist von vielen Historikern der religiösen Ritterorden lange herbeigesehnt worden, widmet er sich doch hauptsächlich Themenfeldern, welche – lange vernachlässigt – in den vergangenen Jahren zunehmend in das Zentrum des Interesses der Ordensforschung gerückt sind. Diese wiederum behandeln die Frage, wie und in welchem Maße sich die geistlichen Ritterorden erfolgreich in das soziale Gefüge und die religiöse Landschaft des christlichen Abendlandes eingliedern ließen, sich also als integrale Bestandteile kirchlichen und sozialen Lebens darstellen und behaupten konnten. Ganz im Geiste der Fanjeaux-Kolloquienreihe behandeln die hier gesammelten Aufsätze Aspekte und Ausdrucksweisen religiösen Wirkens der Ritterorden im französischen Midi. Umrahmt von einem kurzen Vorwort von Julien Théry und einer sehr aufschlussreichen Zusammenfassung von Alain Demurger ist der Band in fünf Themenbereiche untergliedert, die wie folgt lauten: »Aspects religieux«, »Les femmes dans les ordres militaires«, »Le procès des templiers«, »Maisons et commanderies« und »Diversités méridionales«. Der erste Beitrag von Jean-Marie Allard untersucht das eigenmächtige und aggressive Streben der Johanniter und Tempelritter in Aquitanien nach eigenen Gemeindekirchen und die verärgerte Reaktion des Weltklerus darauf. Noël Coulet widmet sich den zwei großen Besitzaufführungen des Johanniterordens in Frankreich von 1338 und 1373 und ganz speziell der personellen Besetzung und wirtschaftlichen Rentabilität der etwa hundert für das Priorat Saint-Gilles aufgeführten Kirchen und Kapellen in Ordensbesitz, darunter wiederum erstaunlich viele Gemeindekirchen. Damien Carraz und Anthony Luttrell formulieren in ihren Beiträgen neue Überlegungen über die Möglichkeiten und Darstellung weiblichen Einflusses im Templer- und Johanniterorden, wobei Carraz unterschiedliche Formen weiblicher Teilnahme am Ordensleben im niederen Rhônetal bespricht. Luttrell hingegen behandelt die Eingliederung von sorores in den Johanniterorden und die enge Anbindung der Ordensschwestern-Kommenden Beaulieu and Fieux im Quercy an Familien des lokalen Niederadels. Eng in Zusammenhang mit Beaulieu steht auch Bernard Montagnes Untersuchung des Heiligenkults der 1347 ebendort verstorbenen Johanniterschwester Flora, in dessen Niederschrift der Autor einen starken franziskanischen Einfluss ausmacht. Vincent Challet richtet seine Aufmerksamkeit auf das eifrige und brutale Vorgehen einzelner südfranzösischer Juristen und Kleriker in der Vorbereitung und Durchführung des Prozesses gegen die Templer im Languedoc und der Provence, und ganz speziell auf deren Bestreben, den Tatbestand der Götzenverehrung für die südfranzösischen Templer nachzuweisen; er wertet dies als ein weiteres wichtiges Zeichen einer gestärkten königlichen Einflussnahme auf die politischen und sozialen Angelegenheiten des Midi. Wie Barbara Frale aufzuzeigen weiß, scheinen die Ankläger des Ordens nicht wenig Nutzen aus den religiösen Spannungen in dieser Gegend gezogen zu haben. So ist beispielsweise die Anklage der Zauberei in den Untersuchungen gegen die Templer in Languedoc und Provence erstaunlich perfide und vehement vorangetrieben worden, und dies, wie es scheint, von Klerikern und Juristen mit langer Erfahrung im inquisitorischen Umgang mit Häretikern. Im Roussillon hingegen – dies ist das Ergebnis des Beitrags von Robert Vinas – förderte das soziale Klima nicht nur einen im Vergleich nahezu beispielhaft progressiven Verfahrensverlauf, sondern auch die eventuelle Wiedereingliederung ehemaliger Templer als Pensionäre in die soziale und kirchliche Gemeinschaft.
Ein sehr neues Forschungsfeld wird von Christophe Balagna aufgegriffen, welcher den vierten Themenbereich (»Maisons et commanderies«) mit einer interessanten Untersuchung des Einflusses der Hospital- und Militärorden auf die gotische Architektur in der Gascogne und dem Toulousain eröffnet. Hier wird zum einen der starke eigene Antrieb der neuen Orden in der Aus- und Weiterbildung sakraler Bauformen deutlich, zum anderen aber auch ihre Orientierung an lokalen Bautraditionen und bedeutenden lokalen Sakralbauten, eine Tatsache, welche die feste Einbindung einzelner Ordenshäuser in die lokale religiöse Landschaft deutlich unterstreicht. Ein konkretes Beispiel für die Darstellung und Auslegung sakraler Bauform bietet der aktuelle Forschungsbericht der interdisziplinären Arbeitsgruppe für die Geschichte und Archäologie des Johanniter-Großpriorats Toulouse über die Bestattungsriten und Bestattungsorte der Johanniter in Toulouse. Er offenbart unter anderem, dass die Johanniter ihre Brüder und familiares in Toulouse an drei verschiedenen Orten beisetzten, je nach der sozialen Rangstellung der Verstorbenen im Orden. Joël Fuguet Sans schließlich präsentiert eine knappe, jedoch gut recherchierte Studie über spanische Templerkirchen entlang der verschiedenen spanischen Jakobswege und demonstriert somit, dass der Orden in Nordspanien – anders als beispielsweise kürzlich für die Provence behauptet – wohl regen Anteil an der spirituellen Seelsorge und medizinischen Betreuung der Pilger genommen hatte. Laurent Macé, einer der Mitverfasser der Zwischenbilanz der Untersuchungen über die Johanniter-Komturei Toulouse, widmet sich in seinem Aufsatz dem Verhältnis der Grafen von Toulouse zu den Ritterorden. Er stellt fest, dass sich die substantielle Unterstützung der Grafen für die Ritterorden im 12. und 13. Jahrhundert nicht nur auf den Johanniterorden und auf Toulouse konzentrierte. Vielmehr bezog sie den Templerorden in großem Maße mit ein und betraf vor allem die Niederlassungen beider Orden in Saint-Gilles. Auch weiß der Autor anhand der Quellen plausibel zu belegen, dass das sehr gute Verhältnis der Grafenfamilie zum Johanniterorden die politischen und sozialen Wirren des Albigenserkreuzzugs überdauerte und dass die enge Verbindung der Grafen zu den Ritterorden mit einem tiefgehenden Interesse am Fortbestehen des Zisterzienserordens in der Grafschaft einherging. Eine enge Anbindung an Cîteaux wurde in der Vergangenheit auch dem spanischen Militärorden von Alcalà de la Selva nachgesagt. Doch wie Philippe Josserand in seinem Aufsatz zu argumentieren versteht, beruht diese Annahme auf einer Verwechslung Alcalàs mit Grandselve. In Wirklichkeit hatte Alfonso II von Aragon die Gemeinschaft der Ritterbrüder von Alcalà unter die Schirmherrschaft der Benediktiner von La Sauve Majeure in Aquitanien gestellt, dies wohl im Bestreben, sie somit besser unter eigener Kontrolle halten zu können. Eine ähnlich enge Anbindung an den lokalen Hochadel ist den Deutschherren in Südfrankreich versagt geblieben. Tatsächlich ist es ein großes Verdienst von Thomas Krämer, dass die – wenn auch niemals bedeutende – Präsenz der Deutschherren in der Provence nun noch einmal festgehalten ist. Im Nachhall der Albigenserkreuzzüge in Montpellier und später Arles vorstellig geworden, sahen sich die dortigen Niederlassungen der Deutschherren von Anbeginn widrigen Umständen – namentlich der Konkurrenz mit den beiden anderen großen Ritterorden (dem Templerorden und dem Johanniterorden) und dem lokalen Klerus, und dem Vorbehalt der örtlichen Bevölkerung gegen neu gegründete katholisch-ritterliche Kongregationen ausländischer Herkunft – ausgesetzt. In Anbetracht der Umstände stellt sich die Frage, ob sich offensichtliche Fremdkörper wie von regionsfremden Rittern geführte, mit der cis-alpinen Kaisermacht in Verbindung stehende und im Windschatten der nordfranzösischen Einflussnahme in Südfrankreich etablierte Deutschordenskonvente langfristig in die religiöse und gesellschaftliche Landschaft Südfrankreichs hätten eingliedern lassen können. Dass der Versuch einer solchen Verwurzelung bereits mittelfristig verworfen wurde, lastet Krämer weniger den sozialen Umständen als vielmehr der geopolitischen Neuorientierung des Gesamtordens im 14. Jahrhundert an; mit der wachsenden Bedeutung des Baltikums als Handlungsraum des Ordens schwand die Notwendigkeit einer primär nach Jerusalem ausgerichteten Infrastruktur, als deren Teil die Komtureien in küstennahen Städten wie Arles oder Montpellier ohne Zweifel verstanden wurden.
Seit Étienne Delaruelles wichtigem Artikel über die Templer und Johanniter im Languedoc während der Albigenserkreuzzüge, erschienen 1969 in Band 4 der Kolloquienreihe, ist in der Ritterordensforschung in und für Südfrankreich viel geschehen. Nicht nur haben sich die Forschungsschwerpunkte vervielfältigt; interdisziplinäre Forschungsansätze und die Bezugnahme auf Schwesternwissenschaften der Geschichte wie Archäologie und Liturgiewissenschaft haben das ihre zu einem besseren, holistischen Verständnis der Rolle, Funktion und Konsequenz der Ritterorden in einer von Kontrasten gezeichneten Gesellschaft wie der des Languedoc und der Provence (und natürlich über diese hinaus) beigetragen. Der vorliegende Band ist ein Querschnitt durch diese neuen, spannenden Forschungsfelder und Aufgaben, wenngleich auch kein vollständiger (die tatsächliche Funktion der Ordenskirchen in der Gemeinde, die spirituellen Besonderheiten der einzelnen Orden und die Bedeutung der engen familiären Verknüpfungen zwischen Ordensgemeinschaften und lokalen Familien verdienen es, zum Thema eigenständiger Untersuchungen gemacht zu werden). Besonders erfreulich ist, dass die Herausgeber des Sammelbandes die wertvollen Beiträge renommierter Vertreter der Ordensforschung mit zahlreichen nicht minder aussagekräftigen Aufsätzen aus der Reihe der stetig wachsenden jungen Garde von Ordenshistorikern sinnvoll zu verbinden wussten. Ein Blick in das Verfasser- und Inhaltsverzeichnis macht deutlich, wie vielversprechend und aufregend die Zukunft für die Disziplin heute aussieht!
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- Zitation
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: Rezension von: In: Francia-Recensio 2009/1 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500) URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2009-1/MA/Ordres_Schenk Veröffentlicht am: May 22, 2013 Zugriff vom: May 22, 2013

