J. Meyers, Les miracles de saint Étienne (Dieter von der Nahmer)
Les miracles de saint
Étienne. Recherches sur le
recueil pseudo-augustinien (BHL 7860–7861) avec édition critique,
traduction et commentaire. Études du Groupe de recherches sur
l’Afrique antique, réunies et éditées par Jean Meyers, Turnhout
(Brepols) 2006, 392 S., 35 Abb. (Hagilogia. Études sur la sainteté
en Occident – Studies on Western Sainthood, 5), ISBN
978-2-503-52422-1, EUR 65,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Dieter
von der Nahmer, Ahrensburg
Das anzuzeigende Werk ist zunächst eine neue Edition von De miraculis sancti Stephani libri duo mit französischer Übersetzung, mit reichem Handschriftenapparat und z. T. ausführlichen sachlichen oder auch die lateinische Sprache betreffenden Anmerkungen. Es handelt sich um das Werk eines Geistlichen der Kirche von Uzalis, das dieser im Auftrag des Bischofs Evodius, der mit Augustinus in Briefwechsel stand, verfasst hat. Erzählt werden Wunder, die sich in den Jahren nach der Übertragung der Stephanusreliquien nach Uzalis ereignet haben. Der Edition ist nun nicht ein Vorwort beigegeben, das über den Autor, die Abfassungszeit, den Grund der Entstehung, Sprache, Überlieferung etc. informiert. An die Stelle einer solchen Einleitung tritt eine Folge von Aufsätzen, die in drei Gruppen gegliedert ist. Der dritte Teil versieht am ehesten, was sonst ein Editionsvorwort enthalten müsste: »Troisième partie: Le De miraculis sancti Stephani«:
Michel Griffe (S. 131–144) behandelt »La langue du De miraculis«: Das Verhältnis zur Rhetorik, die Anteile des sermo quotidianus, Orthographie, soweit dies aus so späten Handschriften möglich ist. Die Tabellen zu Morphologie, Syntax und Vokabular können hier nicht erläutert werden. Insgesamt gewinnt Griffe das Bild eines rhetorisch gebildeten, mit der klassischen Literatur und mit wichtigen theologischen Werken vertrauten Autors. Jean Meyers (S.145–161) Anteil sind »Les citations bibliques dans le De miraculis«. Es geht ausschließlich um direkte Zitate und deren Funktion im genannten Werk. Dabei werden die Rubriken Marc van Uytfanghes von 1987 befolgt. Dies entspricht modernem Streben nach Systematik, es handelt sich nicht um Kategorien, die Autoren jener Zeit ersonnen hätten. Dass die Deutung des Benedictus qui venit in nomine Domini zu einem Stephanus als alter Christus kaum zutreffen kann, zeigt der Text der miracula selber: I,2 Das Volk singt diesen Hymnus: Benedictus qui venit in nomine Domini und weiter: quid aliud, dum repetita voce cantaretur, significasse intelligitur, nisi quod illa audiente dicebatur: Confessor Christi, confessor Christi? Einen alter Christus kann es eigentlich nicht geben, der Gedanke ist letztlich blasphemisch und taucht zuerst, soweit ich sehe, in der franziskanischen Literatur auf (S. Helmut Feld, Franziskus von Assisi – der »zweite« Christus, Institut für Europäische Geschichte, Mainz, Vorträge 84, Mainz 1991). Es wäre also zu fragen, ob hier der dominus nicht Christus ist, anders als im Psalmwort und dessen Zitat in den Evangelien. Meyers sieht in den Schriftzitaten zu Recht mehr als eine Frage des Stils und der Rhetorik. Er beschäftigt sich mit der Gegnerschaft gegen das Wundergeschehen bzw. mit den Zweifeln daran und erkennt in Schriftzitaten den Erweis, dass auch heute Wunder – hier: bei den Stephanusreliquien – geschehen können. Laut Prolog I tut Christus die Wunder per patronum nostrum Stephanum primum martyrem suum (auch dies zeigt, dass von einem alter Christus die Rede nicht sein kann). Die miracula werden so als »réactualisation de l’Écriture« gesehen, was sie von Augustinus’ Stellung zum Wunder unterscheide, der Wunder nur durch das Zeugnis der Beteiligten bewiesen sah.
Georges Devallet schreibt über »Thèmes et structures du récit« (S. 163–170). Zum Thema gehört hier, dass schon vom Prolog I her es um Wunder Christi per patronum nostrum Stephanum primum martyrem suum geht. Da die Geheilten, worauf Devallet hinweist, keine Theologen waren, schrieben sie ihre Heilung oft Stephanus zu, was die Grenze zur Magie berührt. Diese Frage zieht sich durch den Aufsatz. Wichtig die Verweise auf »la foi en Dieu« und auf »la confiance en saint Étienne«. Der Geheilte wird tätig, die Wunder und Güte Gottes vor der Gemeinde zu rühmen. Man wird Devallet auch zustimmen, dass der biblische Hintergrund vieler Geschichten oft wichtiger ist als ein wörtliches Zitat (davon war ich selber einst ausgegangen: »Agiografia altomedievale e uso della bibbia«, Nuovo Medioevo 48, Napel 2001). Abschließend einige Beobachtungen zu »Rhétorique et vérité«, die die relative Geringschätzung der Rhetorik erklären: Der Vorrang des Sehens vor dem Wort, die Wichtigkeit der Zeichen als Hinweis auf »la puissance de Dieu sur l’univers«, auf Belehrung und Erleuchtung durch diese Erscheinungen und Ereignisse und die angemessene menschliche Reaktion: omnis pia anima in Dei gloria exhilarata. Anne Fraïsse: »Pour une typologie des récits de miracles dans le De miraculis« (S.171–180). Dieser Beitrag berührt sich in manchen Punkten mit dem vorigen und dem Meyers etwa hinsichtlich des Wunders als Erweis der Macht Gottes, des Schriftzitates, der Anlehnung an biblische Wunder als Erweis der Authentizität. Die Beobachtung, dass die Wundergeschichten immer zwei Ebenen berühren, eine irdische des Heilens und Helfens und die des göttlichen Eingreifens, des Zeugnisses der jenseitigen Welt, ergänzt ebenfalls die Ausführungen Devallets.
Jean-Noël Michaud: »Verum et velum: le miracle et l’image du miracle« (S. 181–192) widmet diesen Artikel der großen Aufmerksamkeit, die der Autor den kleinen und großen Realitäten im Leben seiner geschundenen und geheilten Personen zukommen lässt: Ihre wirtschaftliche Tätigkeit, ihre Ängste und Sorgen. Dies zeigt er zumal an der Drachenerscheinung (II,4), unter der die bedrohten Bürger von Uzalis zu Repräsentanten der bedrohten Menschheit werden. Die kosmische Dimension, die der Autor hier aufbricht, indem er durch ein Psalmwort die Existenz von Drachen belegt, wird in der Errettung zum Einbruch des Evangeliums in die Gegenwart. Des weiteren beschäftigt Michaud das am folgenden Tag von einem unbekannten Kaufmann übergebene Bild des ein Kreuz tragenden Stephanus, der mit der Kreuzspitze durch ein Stadttor stößt, so dass ein greulicher Drache entflieht. Daran erkennt die Bevölkerung erst wirklich, was tags zuvor geschehen war, wer sie befreit hatte. Das Verhältnis von irdischem Geschehen, der Realität des Wunders, und der Augenwahrnehmung, dem erkennenden Sehen der Bevölkerung, verfolgt Michaud durch einige Wundererzählungen und fragt sich, ob der Drache nicht Zeichen einer Realität und darin Teil einer Botschaft war, die auf die Realität des Bösen verwies. War also der Drache »une hallucination qui fait voir la réalitè«? Derselbe Autor behandelt: »Vérité des faits ou maquillages menteurs dans le De miraculis« (S. 193–205), verfolgt weiterhin das Insistieren des Autors auf der Realität, jetzt in Bezug auf die Alltagssprache der Geheilten, die er zitieren will – dies in Auseinandersetzung mit der üblichen abschätzigen gelehrten Antwort, derlei sei bestenfalls ein rhetorischer Kunstgriff. Michaud behandelt darin den Unterschied der beiden Bücher, fragt nach möglichen schriftlichen Vorlagen (libelli), die er eher ausschließt (Donatianus ore confessus est u. ä.) und geht auf des Augustinus Klage, daß die Wunder von Uzalis nicht aufgezeichnet seien, ein. Der Autor ist so kein »homme de bibliothèque«, der aus frühen Aufzeichnungen seinen Text zusammenschrieb. Er hat mit Blick auf die Realitäten mit Beteiligten gesprochen. Aus jenem: Si vos tacebitis, lapides clamabunt (Lc. 19,40) entsteht in Auseinandersetzung mit dem Text eine Theologie des Umgangs mit dem Wunder und des Berichtens, die rhetorischem Aufputz, rhetorischer Fiktion zuwiderläuft und nicht negiert, dass ein Autor alle seine Fähigkeiten aufwendet. Der Sinn für die Realität als theologische Überzeugung: Nur »le réel créé par Dieu chante sa gloire«. Wem die Achtung davor fehlt, wer mit eigener Erfindung hier nachhelfen will, »est en quelque façon un blasphémateur«. J. Meyers: »La tradition manuscrite de De miraculis« (S. 207–251) beschreibt die Handschriften (keine vor dem 9./10. Jh.), nimmt ihre Klassifizierung nach Familien vor und erstellt ein Handschriftenstemma. Auch legt er das Verhältnis dieser Edition zu den gegenwärtigen Tendenzen bei der Herstellung eines Textes unter den Bedingungen solch schwieriger Lage der Überlieferung dar.
Nun zur »Première partie: Les Reliques du Protomartyr et son culte«. Le Groupe de recherches sur l’Afrique antique: »De la découverte des reliques à la composition de De miraculis« (S. 11–25). Die Auffindung der Reliquien wird sorgfältig in die theologischen Streitigkeiten vor allem um Pelagius, die zwischen der Kirche des Ostens und des Westens damals stattfanden, eingeordnet. Die Schilderung der Verbreitung von Stephanusreliquien in der lateinischen Welt und ihrer unterschiedlichen Folgen dient auch der ungefähren Datierung der Ankunft der Reliquien in Uzalis und der Entstehung von De miraculis sancti Stephani libri duo. Fathi Bejaoui: »Le culte des saints en Afrique. État des rercherches« (S. 27–35) beschäftigt sich mit Inschriften zum Märtyrerkult (Apostel Petrus und Paulus, Sebastian u. a.), das Werk von Y. Duval, »Loca Sanctorum africae« (1982) voraussetzend. Einige neue Funde werden ediert. Victor Saxer: »Aux origines du culte de saint Étienne protomartyr. La préhistoire de la revélation de ses reliques« (S. 37–46). Victor Saxer hat vielleicht mehr als jeder andere dafür getan, dass die nordafrikanische Kirche mit ihren Märtyrern, Heiligen und hagiographischen Werken nicht nur im Bewusstsein der eigentlichen Fachleute verankert ist. Hier erforscht er den Stephanskult vor der Auffindung der Reliquien 415, die eine rasche Verbreitung dieses Kultes in der ganzen Christenheit bewirkte. Dabei fällt auf, dass zwischen dem Bericht der Apostelgeschichte und den ersten Predigtzeugnissen vom Ende des 4. Jh. nur Irenäus von Lyon und Tertullian von Stephanus handeln. Erst im späten 4. Jh. ist eine Stephansverehrung nachweisbar, sie wird Voraussetzung der Suche nach den Reliquien und der Auffindung sein.
Yvette Duval: »Le culte des reliques en Occident à la lumière du De miraculis« (S. 47–67) behandelt die Art der Reliquien (Gebeine, Blut), die translatio, den adventus und depositio der Stephansreliquien in Uzalis und deren Schilderung in De miraculis, die verschiedenen Arten von Wundern und wie sie sich ereignen (Kontakt mit den Reliquien oder deren Behältnis, Gebet, Anrufung etc.), auch die Frage der Bemühung des einzelnen oder der Familie um Heilung und der Wallfahrt in Massen. Serge Lancel: »Saint Augustin et le miracle« (S. 69–77) verfolgt Augustinus’ Beschäftigung mit dem Wunder an zentralen Textstellen und dessen Versuch, das Wunder in einer rationalen Schöpfung zu erklären. Dabei kommt auch der Aspekt der Bedeutung und Wirkung der Reliquien zur Sprache.
Die »Deuxième partie« trägt den Titel »Autour d’Uzalis« und ist den archäologischen Funden ebenso gewidmet, wie deren Aussagekraft für das tägliche Leben dort. Taher Ghalia: »Le site d’Uzalis: recherches récentes en archéologie et en épigraphie« (S. 81–87) berichtet von neuen Funden in El Aliya, die auf ein römisches Gebäude hinweisen. Man fand u. a. farbige Mosaiken. Ghalia geht auch auf die spärlichen inschriftlichen Zeugnisse ein, die zeigen, dass dort das antike Uzalis lag. Er hofft auf weitere Grabungen, um sich eine genauere Vorstellung von dieser antiken Stadt Nordafrikas machen zu können. Yvette Duval: »Les monuments du culte d’Étienne à Uzalis« (S. 89–100) gewinnt aus den Wunderberichten Erkenntnisse über die Kirchengebäude, die mit den Wundern und dem Kult der Stephansreliquien verbunden waren. Jean-Marie Lassère: »Onomastique et société à Uzalis [Onomastica Africana XIV], (S. 101–110) bearbeitet das an Zahl geringe Namengut in De miraculis, dessen Vorteil aber eine genaue Datierung ist. Die Namen werden sortiert nach ihrer sprachlichen Herkunft (lybisch, punisch, aus dem Punischen ins Lateinische übersetzt, lateinisch, griechisch). Auch geht Lassère der Frage nach, wieweit die Namen noch auf Namen heidnischer Gottheiten zurückzuführen sind, und vergleicht seinen Befund mit dem dreier anderer numidischer Orte. Christine Hamdoune: »La vie quotidienne à Uzalis« (S. 111–128). Seit langem ist man darauf aufmerksam geworden, dass aus jenen Jahrhunderten kaum eine andere Textgattung über die alltäglichen Nöte und Sorgen der Menschen besser Auskunft gibt, als dies Wunderberichte tun. Fragen nach dem Grad der Christianisierung in Uzalis, zum Verhältnis Stadt – Umland, zur Landwirtschaft und dem Marktgeschehen, zu den Beziehungen zu anderen Orten, zu den Gefahren auf der Straße, Beobachtungen zu öffentlichen und Geschäftsgebäuden, zum christlichen und zum heidnischen Kalender, zur sozialen Schichtung, zur Geistlichkeit, zu den Frauen in der christlichen Gemeinschaft, zu Ärzten – ein großer Themenkranz auf wenigen Seiten.
Die Folge der 16 Aufsätze an Stelle eines klassischen Editionsvorwortes hat gewiss nicht die Geschlossenheit, die ein solches Vorwort wohl haben würde. Aber dankbar studiert man die sehr differenzierte Hinführung zu einem großen Spektrum unterschiedlichster Themen und Gesichtspunkte, zu denen der edierte Text etwas enthält oder die zu seiner Erschließung Dienste leisten. So geht es also nicht nur um Fragen der Überlieferung des Textes, des Autors, der Sprachgeschichte, der Erzählweise, sondern ebenso um die Stadt und das Leben in ihr und in ihrer Landschaft und um all das, was mit dem Wundergeschehen und den Berichten von diesen, an Geistigem und Geistlichen zu beobachten und zu untersuchen ist.
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- Zitation
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: Rezension von: In: Francia-Recensio 2009/1 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500) URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2009-1/MA/Meyers_Nahmer Veröffentlicht am: May 22, 2013 Zugriff vom: May 22, 2013

