P.J. Geary, Am Anfang waren die Frauen (Beate Schuster)
Patrick J. Geary, Am Anfang waren die Frauen.
Ursprungsmythen von den Amazonen bis zur Jungfrau Maria. Aus dem
Englischen von Andreas Wirthensohn, München (C. H. Beck) 2006, 135
S., 4 Abb., ISBN 3-406-54964-0, EUR 17,90.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Beate
Schuster, Straßburg
Der geringe Umfang von Patrick Gearys Buch tut seiner Wissenschaftlichkeit und seiner Bedeutung keinen Abbruch. Im Zentrum der Darstellung stehen Fallstudien zur Rolle von Frauen in Entstehungsgeschichten von Völkern, Familien, Nationen und Religionen. Der zeitliche Rahmen ist weit gespannt: Er reicht vom 5. Jh. v. Chr. bis ins 12. Jh. n. Chr. Aber Geary will keine Entwicklung aufzeigen, sondern Schlüsselaspekte herausarbeiten, die das Spannungsverhältnis zwischen der patriarchalischen Norm und dem Verhältnis des jeweiligen Autors zu mächtigen Frauen seiner Zeit beleuchten. Methodisch betrachtet steht das Buch damit zwischen Textanalyse, Sozial- und Geschlechtergeschichte.
Das erste Kapitel beschäftigt sich mit antiken Herkunftsgeschichten. Es zeigt am Beispiel Herodots sowie der römischen und langobardischen Geschichtsschreibung, wie andere Völker über eine vorgebliche Abstammung von weiblichen Fabelwesen marginalisiert und Frauen innerhalb der Geschichte des eigenen Volkes an den Rand gedrängt werden. Eine positive Darstellung weiblicher Gründerfiguren scheint nur dann möglich, wenn die Autoren in einem Patronageverhältnis zu Frauen stehen. Zu einem ähnlichen Befund führt die Auseinandersetzung mit dem Amazonenmythos, der im Mittelpunkt des zweiten Abschnitts steht. Nach Geary steht er in der römischen Geschichtsschreibung für einen Niedergang männlicher Autorität, der mit dem Niedergang des Imperiums verbunden wird. Der gotische Geschichtsschreiber Jordanes habe die mit seinem Volk verbundene Geschichte der Amazonen dann in einen Exkurs verbannt und so aus der eigentlichen Volksgeschichte ausgeschlossen. Allein Cosmas’ von Prag Herkunftsgeschichte der Tschechen bietet ein ambivalenteres Bild. Hier wird ein Sieg über Amazonen mit der Unterstellung einer weiblichen Gründerfigur, der Richterin Libuše, unter männliche Autorität parallelisiert. Geary zufolge wird so die Einführung fürstlicher Herrschaft mit einer Rückkehr zur göttlichen Ordnung gleichgesetzt. Die dazu im Widerspruch stehenden positiven Züge in der Charakterisierung Libušes, die als gerechte Richterin und Seherin auftritt, erklären sich für ihn mit einer Wertschätzung weiblicher Führungsqualitäten, die auf Cosmas’ Anerkennung der Leistungen Mathildes von Tuskien sowie das positive Verhältnis zu seiner Frau zurückgehen.
Auch die folgende Auseinandersetzung mit genealogischen Darstellungen vermittelt am Beispiel der Welfen und der Grafen von Flandern, dass die Rolle von Frauen beim Aufstieg adliger Familien in der historischen Tradition in den Hintergrund gedrängt wird. Wieder begründet Geary diese Verdrängung mit einer Reaktion auf mächtige Fürstinnen der Zeit. Nun geht er jedoch von einer Kritik aus und stellt die Verfasser der Familiengeschichten in Verbindung zu Männern, die Angst um ihre Autorität haben. Das im letzten Abschnitt besprochene einzige Beispiel für den Aufstieg einer Frau, die Stellung Marias in der Genealogie Jesus’, erhält damit den Status eines abschreckenden Beispiels. Nach Geary führt die Aufwertung Marias zu einer Abwertung Josephs, dem die Rolle eines gebrochenen Mannes oder Narrens zufällt. Insgesamt zeichnet sich damit ein Prozess der Verdrängung ab, der auf die männliche Angst vor Autoritätsverlust zurückgeht.
So faszinierend die Verbindung von Text- und Sozialgeschichte gerade im großen Überblick ist, bei näherem Hinsehen stellt sich die Frage, ob die Grundthese einer weiblichen Marginalisierung den interpretatorischen Rahmen nicht zu eng steckt. Textkritisch betrachtet übergeht Geary, dass die weiblichen Rollenverstöße in einer ganzen Reihe von Erzählungen nicht auf männliche Schwäche, sondern auf männliche Gewalt zurückgehen. Die gotischen Frauen werden zu Amazonen, weil sie durch den Tod bzw. die Abwesenheit ihrer Männer schutzlos geworden sind und von anderen Männern angegriffen werden. Auch Lukretias Selbstmord, der bei Livius den Übergang zur Republik begründet, geht auf eine Vergewaltigung zurück, und die Heirat der Richterin bei Cosmas reagiert auf die Infragestellung ihres gerechten Urteils durch einen Mann, der seine Verurteilung nicht anerkennen will. Trägt man der Rolle männlicher Gewalt Rechnung, verweisen diese Geschichten auf eine Schwachstelle der patriarchalischen Ordnung: Sie setzt voraus, dass Ehemänner ihren Frauen beistehen und andere Männer diese Zuordnung respektieren. Damit scheint weniger die Unterordnung der Frauen als der mangelnde Respekt der Männer ihnen bzw. den ihnen zugeordneten Männern gegenüber problematisch.
Ähnlich eindimensional erscheint die sozialgeschichtliche Rückführung auf das Verhältnis der männlichen Autoren zu den Frauen ihrer Zeit. Beispielsweise spielen bei der Verdrängung der über Frauen vermittelten Heiratsverbindungen mit Mächtigen in den Familiengeschichten sicherlich auch die Unabhängigkeitsbestrebungen der Auftraggeber eine Rolle. Nicht zuletzt beeinflusst die Auswahl der Texte den Befund. Zwar erwähnt Geary die frommen Ehefrauen zugeschriebene Bekehrung ihrer Männer in der fränkischen und polnischen Geschichte, aber er nimmt keine dieser Geschichten in seine Untersuchung auf. Der hier greifbar werdende Einfluss der Ehefrauen stellt die Frage, ob die Alternative einer Unterwerfung des einen durch das andere Geschlecht, mit der Geary die Angst der Männer begründet, nicht eine zu starke Polarisierung vornimmt.
Betrachtet man das Buch als historischen Essay, tun die Engführungen seinem Wert keinen Abbruch. Indem es einen zeitenübergreifenden Horizont aufspannt, regt es zum Kulturvergleich an. Darüber hinaus belegt die Untersuchung die Bedeutung eines Ansatzes, der nach dem Sinnhorizont historiographischer Erzählungen fragt. Geary betrachtet die Texte zudem nicht isoliert, sondern ordnet sie Traditionen zu. Daher steht der jeweilige Entwurf nicht für sich, sondern gewinnt als Auseinandersetzung mit anderen Deutungen an Profil. Das größte Verdienst des Buches liegt jedoch zweifelsohne darin, dass es einen Fundus von Texten erschließt, die die Geschlechterordnung begründen und problematisieren. Sie können Ausgangspunkt für eingehendere Untersuchungen sein und zu einer Analyse weiterer Texte anregen. Gearys Werk und die hier entwickelte pointierte These einer weiblichen Verdrängung wird dann zu einer Herausforderung, die einen Raum der Diskussion eröffnet.
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