M.-P. Asquier, É. Broine, F. Delacampagne u.a., Arts funéraires et décors de la vie (Sebastian Brather)
Arts funéraires et décors de la vie.
Normandie XIIe–XVIe
siècle. Étude historique et archéologique de l’abbaye
Notre-Dame-du-Vœu. Comité scientifique et auteurs: Marie-Pierre
Asquier, Éric Broine, Florence Delacampagne u. a., Caen
(Publications du CRAHM) 2006, 72 S., ISBN 2-902685-13-0, EUR 18,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Sebastian
Brather, Freiburg
Das anzuzeigende Heft ist eine Begleitpublikation zu einer Ausstellung in der Abtei Notre-Dame-du-Vœu von Cherbourg-Octeville. Gegenstand der Präsentation waren hoch- und spätmittelalterliche Grabplatten, die aus Keramikfliesen zusammengesetzt sind. Das durchweg farbig illustrierte Bändchen behandelt zwei Aspekte: die Ausgrabungen in der Abtei und deren Geschichte sowie Keramikfliesen als Grabdekor. In den Ruinen des um die Mitte des 12. Jahrhunderts gegründeten Klosters fanden 1994 archäologische Ausgrabungen statt, die Bereiche innerhalb der Kirche und des Kreuzgangs erfassten, aber lediglich 128 m² aufdeckten. Das im Besitz der Stadt befindliche Baudenkmal wird etappenweise restauriert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Den entscheidenden archäologischen Fund stellt das Grab des Priesters Guillaume Argème Derai in der Kirche dar. Es war im Fußboden mit Fliesen auf einer Fläche von 1,02 x 2,18 m abgedeckt: 14 große Platten von 26 x 26 x 4 cm und vier halb so großen von 26 x 13 x 4 cm, an allen vier Seiten umgeben von schmal-rechteckigen Fliesen von 16 x 6 x 3,5 cm mit der Grabinschrift, sowie rechts und links ca. 35 kleinen quadratischen Kacheln von 12 x 12 x 2,5 cm mit Dekor oder Wappen. Alle Kacheln sind zweifarbig inkrustiert und mit einer Bleiglasur bzw. -engobe versehen. Die großen quadratischen Fliesen zeigen den Toten en face unter einem Spitzbogen, der auf Kapitellen und Säulen ruht. Guillaume ist in ein Messgewand gehüllt, hält in der Linken einen Kelch und hat die Rechte mit ausgestrecktem Zeigefinger erhoben. In den Zwickeln des Spitzbogens sitzen zwei Weihrauchbehälter schwenkende Engel, und an floralen Motiven finden sich vierblättrige Blüten um die Engel und Lilien auf dem Priestergewand. Die französisch-lateinische Inschrift ist mit 3 mm deutlich tiefer als die übrigen Verzierungen eingelassen und lautet: CI GIST : MONSEIGNOR [:] GUILLAME : ARGEME : DERAI. IADIS : PRESTRE. DE : QREQEVILLE : DEX. LI [FACE MERCI] [OBIIT? ANNO DO]MINI M° CC° : OCTO[GESIMO] […] AUGUSTI : IN DIE : [NA]TA[LI] : AUG[US]TIINI : ORA : PRO : EO [AVE] MARIA. Die äußeren kleinen Fliesen links zeigen in einem inneren Kreis einen Leoparden und um diesen herum acht sechsblättrige Rosen in einem äußeren Kreis; rechts unten fanden sich noch vier Wappenfliesen der Familien Malet de Graville, Mathan und Bertrand sowie König Ludwigs IX. Drei Aspekte machen die Bedeutung dieses Fundes aus: die weitgehende Erhaltung der Fliesen, moderne Ausgrabung und Analysen sowie die öffentliche Präsentation.
Im frühen Mittelalter hatte es in der Normandie gelegentlich Grabmosaiken gegeben, und im hohen Mittelalter dominierten steinerne Grabplatten, manchmal mit andersfarbigen Steineinlagen für Gesicht und Hände. Seit dem späten 13. Jahrhundert erlaubten Keramikfliesen, bisherige, materialbedingte Begrenzungen zu überschreiten. Zugleich wurde nun der Tote selbst dargestellt, repräsentativ gekleidet und mit friedlicher Miene: Die Abbildungen zielten auf die Erinnerung – einerseits des weltlichen Ruhmes und andererseits des jenseitigen Lebens. Die Grabinschrift umgibt meistens die szenische Darstellung. Die frühesten bekannten Grabfliesen stammen aus Jumièges (neun Abtsgräber), nur wenig jünger sind die Kacheln dreier Gräber in Fontenay. Aus Notre-Dame de Longue liegt eine größere Zahl vor, und in Deux-Jumeaux gibt es 16 Gräber mit Fliesen. Weitere Funde sind hauptsächlich aus Breuil-en-Bessin, Thaon, Gratot, Hambye, Saint-Évroult (Notre-Dame-du-Bois), Évreux, Neufchâtel-en-Bray und Bonport in der Normandie bekannt, außerdem aus Jumièges, der Champagne, Hamburg (zerstörtes Grab Papst Benedikts V.), Fontenelle und Valenciennes. Auch wenn bislang keine Produktionsstätte ausgegraben wurde, deuten alle Indizien auf Molay als wichtigen Herstellungsort, wobei Grabfliesen nur einen kleineren Teil der umfangreichen Produktion von Bodenfliesen ausmachten. In einem abschließenden Ausblick werden »Perspektiven« skizziert, indem die Grabplatten aus Keramikfliesen in einen weiteren kunstgeschichtlichen Zusammenhang gestellt werden.
Das Heft zielt in Inhalt und Aufmachung auf ein breiteres interessiertes Publikum. Eine recht ausführliche Bibliographie ermöglicht weitere Recherchen und macht deutlich, dass die Grabfliesen schon im 19. Jahrhundert Gegenstand kunstgeschichtlicher Forschungen waren. Störend ist die unsystematische Abfolge der Beiträge, die auf den ersten Blick nicht die wesentlichen Zusammenhänge erkennen lässt. Man darf auf weitere Untersuchungen zu dieser interessanten Fundgattung hoffen, die sowohl das umfangreiche Material vorlegen als es auch in einem weiteren historischen Rahmen interpretieren. Nicht minder aufschlussreich wäre jedoch auch das nicht weiter vorgestellte Grab Guillaumes selbst, wie überhaupt Grabausstattung und Grabanlage gemeinsam in den Blick von Archäologie und Kunstgeschichte zu nehmen sind.
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- Zitation
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: Rezension von: In: Francia-Recensio 2009/1 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500) URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2009-1/MA/Asquier_Brather Veröffentlicht am: May 19, 2013 Zugriff vom: May 19, 2013

