J.-P.- Abbé, À la conquête des étangs (Uta Lindgren)
Jean-Loup Abbé, À la
conquête des étangs. L’aménagement
de l’espace en Languedoc méditerranéen (XIIe–XVe
siècle), Toulouse (Presses universitaires du Mirail) 2006, 331 S.,
ISBN 2-85816-829-6, EUR 30,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Uta
Lindgren, München
Das Luftbild der Felder und Wiesen zwischen den kleinen Orten Montady und Colombiers (zwischen Béziers und Narbonne), wo von einem zentralen, kreisförmigen Kanal die Entwässerungsgräben und -kanäle strahlenförmig – wie Sonnenstrahlen – ausgehen, ist ein großartiger Blickfang auf dem Buchdeckel der vorliegenden Untersuchung, die Teil einer in Toulouse verteidigten Habilitationsschrift ist. Der Verfasser lieferte schon einen Beitrag zu dem Aufsehen erregenden Werk »Les territoires du médiéviste«, das Mireil Mousnier und Benoît Cursente herausgegeben haben, die wiederum in dem erwähnten Habilverfahren Vorsitzende der Kommission und Betreuer waren. Ausgangspunkt für die Untersuchung des Trockenlegens und Urbarmachens von Teichen und kleinen Seen - die meisten unter 50 ha, nur zwei über 1000 ha – waren Luftaufnahmen und Katasterpläne, auf denen Flurnamen noch auf die ehemaligen Wasserflächen hinweisen. Dazu kommt die im Languedoc reiche urkundliche Überlieferung der Besitzverhältnisse. Unter den 73 dokumentierten, trockengelegten Teichen im Tiefland des Languedoc zwischen Rhônedelta und Pyrenäen ist die Sonnenform des Neulandes von Montady die Ausnahme, denn ausschlaggebend für die Entwässerungskanäle waren Bodenrelief und -neigung. Bei abflusslosen Senken im karstigen Gelände sind mehrfach Tunnel mit Schächten zur Sicherung des Wasserabflusses geschaffen worden.
Jean-Loup Abbé hat die komplexe Problematik auf sehr umsichtige Weise zeitlich seit den antiken Anfängen, physisch von den geologischen, hydrologischen und klimatischen Bedingungen her, mit Blick auf die rechtlichen, politischen und wirtschaftlichen Interessen und gelegentlichen Konflikte, und die Leistung der Trockenlegung selbst untersucht. Auch die Frage nach Misserfolgen und nach der Dauerhaftigkeit der Erfolge bleibt nicht unbeantwortet. Die ältere, weitverbreitete These der Annales-Schule, dass die Manipulation des Wassers eine Aufgabe für einen starken Staat oder zumindest für reiche Grundbesitzer war, hatte sich schon durch ein den Qanaten gewidmetes Annales-Heft 2002 relativiert, wenn auch reiche Bürger umliegender Städte noch bei Abbé als Kapitalgeber herumspuken, was aber mangels jeglicher Quellen bezüglich der Kosten Spekulation bleibt. Besser belegt sind Mitsprache und Beteiligung der Kommunen. Aber auch weiter entfernte Grundbesitzer treten in den Quellen auf, wenn sie Befürchtungen artikulieren, das abgeführte Wasser könne Schäden anrichten durch Überfluten von agrarisch genutztem Land oder von trockengelegten Sümpfen, oder gar der Salzproduktion schaden. Eine Begründung für die Trockenlegung hat der Verfasser in den Quellen nicht gefunden. Solche Trockenlegungen, die im 13. und 14. Jh. ihren Höhepunkt fanden, hat es in ganz Europa gegeben. Hinweise darauf, wie der Unterhalt des Kanalnetzes organisiert worden ist, fehlen im Languedoc. Auch die eigentliche technische Leistung ist nicht belegt. Es bleibt daher Hypothese, ob die Gräben und Kanäle von Bauern und ihren Knechten ausgehoben wurden, die Tunnel von benachbarten Bergarbeitern aus dem Gestein gehauen und durch Mauern stabilisiert wurden. Nur die Planung tritt etwas deutlicher aus den Quellen hervor: die Dokumentation führten Notare durch, Grenzen resp. Verlauf von Kanälen bestimmten Vermesser (»agrimensores seu mensuratores»«), von denen einer zwar unbekannt, aber namentlich genannt ist und den Magistertitel trägt. Hier greifen also zwei Berufe mit universitärer Ausbildung in das Geschehen ein.
Wenn der Autor allerdings in der Zusammenfassung versucht, als globale Bilanz die beginndende Überwindung des Gegensatzes von Stadt und Land feststellen zu können, so bleibt doch fraglich, ob seine Unterlagen für derartige Schlüsse ausreichen. Trockenlegung ist ja keine genuin städtische Technologie, und ob überhaupt Handwerker beteiligt waren, ist nicht bekannt. Dagegen ist das Hinzuziehen von Notaren und Vermessern mehr ein Zeichen für die zunehmende Verbreitung der universitären Bildung. Die vorbildliche Arbeit ist durch Karten und Tabellen, ein Glossar, Orts-, Personen- und Sachregister, Literaturliste und Abbildungsbeispiele (jeweils Luftbild und Katasterplan) aufbereitet. Entscheidende Quellen sind im Anhang abgedruckt. Das Thema ist wissenschaftlich sehr akurat ausgearbeitet und ausgesprochen lesenswert. Es gehört in jede historische, landeskundliche und technikhistorische Bibliothek.
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- Zitation
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: Rezension von: In: Francia-Recensio 2009/1 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500) URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2009-1/MA/Abbe_Lindgren Veröffentlicht am: May 19, 2013 Zugriff vom: May 19, 2013

