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A. Jouanna, La Saint-Barthélemy (Christiane Coester)

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Arlette Jouanna, La Saint-Barthélemy. Les mystères d’un crime d’État, 24 août 1572

Francia-Recensio 2009/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Arlette Jouanna, La Saint-Barthélemy. Les mystères d’un crime d’État, 24 août 1572, Paris (Gallimard) 2007, 411 S., ISBN 978-2-07-077102-8, EUR 26,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Christiane Coester, Paris

Was haben die Bartholomäusnacht, die Kaiserkrönung Karls des Großen und die Maikrise 1958 gemeinsam? Sie gehören alle zu den »Journées qui ont fait la France«, einer Buchreihe des Verlags Gallimard, welche es sich zur Aufgabe gemacht hat, die als Brüche empfundenen Ereignisse in der Geschichte Frankreichs darzustellen. Nun ist die Bartholomäusnacht eines der besser untersuchten Themen der französischen Geschichte, und man könnte meinen, mit den Arbeiten von Denis Crouzet und Janine Garrisson sei das Thema erschöpfend behandelt. Doch ist es gerade der durch die Reihe vorgegebene Fokus auf die Nachwirkungen und die Frage nach der Bartholomäusnacht als einer »journée qui a fait la France«, welche die Bedeutung des Buches ausmacht. Im Vordergrund steht nicht die Suche nach dem oder den Verantwortlichen, sondern die Erörterung der kurz- und langfristigen Folgen der »Bluthochzeit« für die Geschichte des französischen Königtums und Entwicklung von Staat und Staatsräson in Frankreich. Besondere Bedeutung wird dabei der gründlichen Arbeit an den Quellen beigemessen, welche die Autorin in modernen und zeitgenössischen Editionen sowie in Archiven und Bibliotheken in Frankreich und der Schweiz eingesehen hat.

Die im Untertitel des Buches genannten mystères bilden den roten Faden der Darstellung. Drei große Rätsel (énigmes) sind es vor allem, die weder von den Zeitgenossen noch von den Historikern der folgenden Jahrhunderte gelöst werden konnten: Wie konnte es nach der explizit als Friedensfest begangenen Hochzeit von Heinrich von Navarra mit Margarete von Valois zu den Massakern kommen? Wie passen der offensichtliche Wunsch Karls IX. nach Ruhe im Königreich und seine Bemühungen zur Durchsetzung des Friedensedikts von Saint-Germain mit seiner Entscheidung zur Eliminierung der Anführer der französischen Reformierten zusammen? Wie konnte sich schließlich der Mord an einigen einzelnen Führern der Protestanten innerhalb kürzester Zeit zu einem Massaker ausweiten, das rasch das gesamte Königreich erfasste und für dessen Dauer, Brutalität und systematisch organisierte Durchführung bis heute keine wirklich befriedigende Erklärung gefunden wurde?

Der erste Teil ist der Vorgeschichte der Bartholomäusnacht gewidmet. Dem König und seiner Mutter, die sich mit allen Mitteln bemühten, Frieden in ihrem Reich zu schaffen, standen die Teile des französischen Adels gegenüber, die zu einem Frieden nicht oder nur bedingt bereit waren. Vor diesem Hintergrund verortet Jouanna den Anschlag auf Coligny, wobei sie bestreitet, dass zwischen dem Attentat und dem zwei Tage später beginnenden Massaker zwingend ein Zusammenhang bestanden habe, wie die Zeitgenossen und die folgenden Historikergenerationen annahmen. Auf erfrischende Art und Weise verweigert sich die Autorin auch der Suche nach den Auftraggebern des Mordanschlags. Zwar nennt sie alle möglichen Theorien, wer hinter dem auf Coligny abgefeuerten Schuss stehen könnte, angefangen bei den Guise und Madame de Nemours über Katharina von Medici und Karl IX. bis hin zum spanischen König, und jede dieser Annahmen wird gründlich gewogen, am Ende aufgrund der allzu lückenhaften Quellenlage aber stets als zu leicht befunden. Die einzige Möglichkeit, sich einem nur ungenügend überlieferten Sachverhalt zu nähern, sei nämlich das Argument der Plausibilität. Da eine Auftraggeberschaft aber für keinen der Genannten plausibel erscheine, bliebe am Ende nur die Annahme, dass der Anschlag eben nicht von einem Großen des Hofes oder der europäischen Hocharistokratie in Auftrag gegeben worden sei, sondern dass die »fureur meurtrière« der radikalsten unter den Pariser Katholiken als Anstachelung für die Tat genügt habe.

Im zweiten Teil beschäftigt sich Jouanna zunächst mit der Ermordung der Anführer der Hugenotten auf Geheiß des Königs. Karl IX., der sich durch die Protestanten in seiner souveraineté angegriffen und nach eigenen Worten nicht mehr als Roy absolu im eigenen Königreich gefühlt habe, ließ den Hinrichtungen die Verurteilung folgen und vereinte so wieder den roi absolu mit dem roi de justice, der er sein wollte. Die Massaker der »zweiten« Bartholomäusnacht müssen laut Jouanna hingegen im Kontext der irrationalen Angst gesehen werden, in welche sich die Pariser Katholiken durch ihre protestantischen Nachbarn versetzt fühlten. Hinzu kam die (falsche) Überzeugung, gemäß dem königlichen Wunsch zu handeln, religiöser Enthusiasmus sowie die Möglichkeit, private »Rechnungen« zu begleichen. Eine Stärke der Darstellung liegt dabei in dem Fokus, den Jouanna immer wieder auf die Opfer richtet sowie in der Darstellung der Geschichten einzelner Personen. Im Ausland riefen die Ereignisse erhebliche Reaktionen hervor, und Karl IX. und seine Mutter schickten ein Heer von Diplomaten an die europäischen Fürstenhöfe, um die Legitimität des königlichen Vorgehens zu erklären. Die Rechtfertigungsschriften bestritten dabei stets eine religiöse Motivation: Der König habe die Entscheidung zur Exekution der Hugenottenführer allein zum Wohle des Staates getroffen. Jouanna sieht in dieser Argumentation einen wichtigen Schritt in der Entwicklung der Idee von »Staat« und Staatsraison, da hier dem König als oberste Aufgabe die Sorge um den bien public, nicht die Verteidigung einer religiösen Wahrheit zugewiesen und zugleich klargestellt würde, dass abweichende konfessionelle Überzeugungen die Untertanen nicht von der Treue ihrem König gegenüber entbänden.

Im letzten Teil geht die Autorin den unterschiedlichen Versuchen der Zeitgenossen nach, das Geschehen zu erklären und ihm einen Sinn zu geben. Je nach konfessioneller Überzeugung wurden die Morde als gerechte Strafe oder aber als Instrument Gottes zur Prüfung seiner Auserwählten gesehen. Gleichzeitig wurde die Bartholomäusnacht aber auch als Ausdruck eines größeren, politischen Problems verstanden, als Zeichen dafür, dass das althergebrachte Zusammenspiel von König, Institutionen und Gesetzen in Frankreich nicht mehr funktionierte. Von einem Teil des Adels wurden die Ereignisse als Versuch Karls IX. interpretiert, die großen Familien Frankreichs, egal ob reformiert oder katholisch, zu schwächen, was schließlich zu einer Annäherung der gemäßigten Teile beider Lager mit dem Ziel der Verteidigung des bien public und einer politischen Reform des Königtums führte. Ein Teil des französischen Adels nahm die Bartholomäusnacht somit zum Anlass für einen gemeinsamen Kampf gegen die Auswüchse eines als absolut verstandenen Königtums. Die einzige Möglichkeit, die Monarchie zu verteidigen und die königliche Autorität gegenüber den Untertanen beider Konfessionen zu stärken, war die Sakralisierung der Person des Königs, wie sie Heinrich IV. schließlich erfolgreich und mit den bekannten Folgen für das französische Königtum des 17. Jhs. zu vermitteln wusste.

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A. Jouanna, La Saint-Barthélemy (Christiane Coester)
In: Francia-Recensio, 2009-1, Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2009-1/FN/Jouanna_Coester
Dokument zuletzt verändert am: Jan 24, 2012 03:25 PM
Zugriff vom: May 24, 2012