O. Wieviorka: Histoire du débarquement en Normandie (Winfried Heinemann)
Olivier
Wieviorka, Histoire du débarquement en Normandie. Des origines
à la libération de Paris 1941–1944, Paris (Éditions
du Seuil) 2007, 448 S., ISBN 978-2-02-052850-4, EUR 24,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Winfried
Heineman, Potsdam
Olivier Wieviorka beginnt selbst mit der Frage, ob zur Invasion nicht schon längst alles gesagt sei. Es geht ihm aber um mehr, als nur für ein breites Publikum den Forschungsstand noch einmal zusammenzutragen. Nein, er hat sich noch einmal gründlich mit den amerikanischen und britischen Akten befasst, mit denen der Militärs, aber auch denen der Diplomaten, der Ökonomen und sogar denen der Ärzte, immer in dem Ziel, eine Gesamtschau des Geschehens zu bieten.
Wieviorka gliedert sein Buch chronologisch. »Des origines« – das sind bei ihm die ersten Kriegskonferenzen des Jahres 1941. Der Band geht den politischen Interessen der Westalliierten und Stalins nach, zeigt auf, wie Roosevelt unter innenpolitischem Druck steht, den Schwerpunkt der US-Kriegsanstrengungen in den Pazifik zu legen. Er stellt Churchills Interesse am Erhalt der britischen Machtposition im Mittelmeer dem sowjetischen Drang zum warmen Wasser entgegen und leitet davon Stalins Drängen auf eine Zweite Front in Frankreich ebenso ab wie Churchills Forderung nach einer Landung auf dem Balkan.
Das alles hat der Fachhistoriker bereits früher anderen Ortes gelesen – aber der Reiz dieses Buches liegt darin, dass es diese politische Sichtweise dann anwendet auf eine Geschichte der militärischen Operationen. Bruchlos geht diese Betrachtungsweise über in die Analyse, warum letztlich wann welche Operation durchgeführt wurde. Hier spielt auch die Ressourcenallokation eine Rolle: Wie viel Stahl, wie viele Arbeitskräfte stehen für den Bau von Landungsschiffen zur Verfügung, wie viele werden statt dessen für den Bau von Flugzeugträgern oder Frachtschiffen benötigt? Welche Erfahrungen ziehen die Alliierten aus den Landungen in Nordafrika, vor allem aber aus den Operationen auf Sizilien und bei Salerno? Wiederum geht es Wieviorka dabei nicht nur um operative Erfahrungen (wie verhalten sich die Wirkungen von Schiffsartillerie und Bombern zueinander?), sondern auch um technologische und logistische (wie verhindert man, dass sich zu viele Truppen und Waffensysteme auf den Landungsstränden stauen?).
Der Probleme waren viele, und Wieviorka breitet sie alle aus, von den politischen Spannungen zwischen Verbündeten bis zu den Geschlechtskrankheiten der US-Stationierungstruppen in Großbritannien. Manchmal stehen so viele Probleme im Raum, dass der Leser sich fragt, wie die Invasion trotzdem klappen konnte. Aber er wird, schon jetzt beeindruckt von Wieviorkas sicherer Hand bei der Führung durch das Labyrinth der Fragen, sich dem Band weiter anvertrauen und dann nicht enttäuscht werden. Jetzt geht es um Fragen der Verluste, an Mannschaften und Gerät, um Probleme einer flexiblen Logistik, und weiterhin um die Große Politik: Warum muss nach der gelungenen Invasion in Nordwestfrankreich noch eine weitere Landung in Südwestfrankreich dazukommen?
Wieviorka schiebt hier ein besonders gelungenes Kapitel ein, das sich mit den psychischen Auswirkungen der Kämpfe befasst. Bereits vorher hat er nachgewiesen, dass die Verluste in den ersten Tagen – außer an einigen wenigen Stränden, an denen Amerikaner gelandet sind – unter den Erwartungen geblieben waren. In der Folgezeit aber, in den Kämpfen im bocage, in der Schlacht um Caen, da treten posttraumatische Stresssymptome auf, wie man sie aus den Grabenkämpfen des Ersten Weltkriegs kannte. Amerikaner, Briten und Kanadier unterschieden sich in ihrer Beurteilung: Krankheit? Feigheit? Evakuieren, auf dem schnellsten Weg? Oder an der Front belassen und so früh wie möglich wieder einsetzen? Gelungen ist das Kapitel vor allem deshalb, weil auch diese Frage nicht losgelöst von der Gesamtdarstellung, sozusagen als Exkurs, behandelt wird, sondern weil auch diese Thematik einen Beitrag zum größeren Geschehen leistet.
Die Darstellung endet mit dem Einzug der Alliierten in Paris. Bis hierhin hat Wieviorka immer eine kleine Schwäche für die Amerikaner und leise Kritik an den Briten bewiesen – das kippt jetzt etwas um. Immerhin behandeln die letzten Seiten die politischen Auseinandersetzungen um die Rolle de Gaulles und seiner Exilregierung in London. Erneut verwebt der Autor operative, strategische und politische Interessen zu einem faszinierenden Gesamtbild, das aber jetzt deutlich gaullistische Züge annimmt (ohne zu einer unkritischen Heldenverehrung zu degenerieren).
So wäre denn ein rundum empfehlenswertes Buch entstanden, wenn es nicht doch einen Wermutstropfen gäbe: Offensichtlich kann der Autor kein Deutsch, und alle Aussagen, die er über den Kriegsgegner trifft, stützt er auf die wenigen deutschen Bücher, die ins Französische übersetzt worden sind: etwa die Memoiren von Rommel, Speidel und Ruge. Dagegen nutzt er (fast) keine deutschen Akten, und auch Standardwerke wie etwa Band 7 des Reihenwerks »Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg« (der seit 2005 in englischer Übersetzung vorliegt) ist ihm entgangen. Das ist schade, weil so an dem Anspruch einer Gesamtschau eben doch Abstriche gemacht werden müssen. Aber es hindert nicht die Anerkennung für ein Buch, das die alliierte Seite des Geschehens umfassend darstellt – ein Beispiel für eine moderne Militärgeschichte, die sich als Teil der allgemeinen Geschichtswissenschaft versteht.
Heinemann: na-rupie.txt: Stand:

