C. Trautmann-Waller: Aux origines d'une science allemande de la culture (Gabriele Lingelbach)
Céline
Trautmann-Waller, Aux origines d’une science allemande de la
culture. Linguistique et psychologie des peuples chez Heymann
Steinthal, Paris (CNRS Éditions) 2006, 338 S., ISBN
2-271-06435-X, EUR 28,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Gabriele
Lingelbach, Freiburg
Die Pariser Spezialistin für deutsche Kultur- und Wissenschaftsgeschichte Céline Trautmann-Waller hat eine klassische »biographie intellectuelle« des Berliner Sprachwissenschaftlers und Völkerpsychologen Heymann Steinthal (1823–1899) geschrieben. Dabei ist der Autorin ein abgerundetes Bild des vielseitigen Wissenschaftlers gelungen, indem sie die Biographie Steinthals in eine Beschreibung der Genese der Geistes- und Sozialwissenschaften bis knapp zur Jahrhundertwende einbettet und zudem den Kulturtransfer insbesondere zwischen der deutschen und der französischen Wissenschaftslandschaft rekonstruiert.
Zunächst geht die Autorin auf die Ausbildung und den Karriereweg Steinthals ein, wobei sie besonderes Augenmerk auf die intellektuellen Einflüsse legt, die seine akademischen Lehrer, seine Lektürearbeit aber auch sein Freundeskreis und hier besonders Moritz Lazarus auf Steinthal ausübten. Sie unterstreicht die zentrale Rolle, die das Werk Wilhelm von Humboldts für Steinthal spielte. In Humboldt sah dieser ein Vorbild, da es ihm in seinen sprachwissenschaftlichen Untersuchungen gelungen sei, eine empirische Herangehensweise mit theoretischen Reflexionen zu kombinieren. In einem zweiten Kapitel beschreibt die Autorin Steinhalts Aufenthalt in Frankreich von 1852 bis 1856 und zieht diesbezüglich ein zwiespältiges Resümee: Trotz seiner Einbindung in das intellektuelle Milieu von Paris hegte Steinthal weiterhin antifranzösische Vorurteile und erinnerte sich später nur mit Unbehagen an die Jahre in der französischen Hauptstadt zurück. Trautmann-Waller aber schätzt den Einfluss französischer Wissenschaftler auf Steinthal höher ein, als dieser es sich eingestehen wollte.
Das nächste Kapitel ist den Berliner wissenschaftlichen Netzwerken, in die Steinthal involviert war, gewidmet: Hier gelingt Trautmann-Waller eine dichte Beschreibung der vielfachen Verflechtungen zwischen den Protagonisten der verschiedenen wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Vereine, Verlage und Salons der deutschen Hauptstadt in der zweiten Hälfte des 19. Jhs. Ein ebensolches Netzwerk stellte auch die von Steinthal und Lazarus von 1859 bis 1890 herausgegebene Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft dar, mit der sich ein weiteres Kapitel beschäftigt. In diesen beiden letztgenannten Kapiteln analysiert Trautmann-Waller zugleich das sich ausdifferenzierende disziplinäre Feld der verschiedenen Humanwissenschaften, für das die Zeitschrift für Völkerpsychologie – wenn auch vergeblich – ein Syntheseangebot bereitzustellen versuchte.
Ein weiteres Kapitel widmet die Autorin den zentralen Schriften Steinthals, insbesondere seinen Werken zur Ethik, in denen er für eine psychologische Fundierung derselben plädierte, nachdem er bereits einer Verbindung zwischen Psychologie und Sprachwissenschaft den Weg geebnet hatte. Trautmann-Waller analysiert zudem, wie er in seinen Veröffentlichungen auf den wachsenden Antisemitismus reagierte: Steinthal, dem aufgrund seiner jüdischen Herkunft der Aufstieg in eine ordentliche Professur an der Berliner Universität lebenslang verwehrt blieb, bezog im Berliner Antisemitismusstreit gegen Treitschke Stellung, agierte öffentlich gegen religiöse und nationale Vorurteile. In diesem Kapitel wird die erstaunliche Breite seines Schaffens deutlich: Neben seinen sprachwissenschaftlichen Veröffentlichungen finden sich religionsgeschichtliche Untersuchungen ebenso wie Analysen von Mythen, Legenden und Sagen, so wie insgesamt sein Interesse den verschiedenen Formen kollektiver Erinnerung galt. Ein abschließendes Kapitel thematisiert die Rezeption der Schriften Steinthals inner- und außerhalb Deutschlands.
Der Aufbau der Biographie ist damit konventionell ideengeschichtlich angelegt: Es werden zunächst die verschiedenen philosophischen, philologischen und sozialwissenschaftlichen Theorien und empirischen Arbeiten dargestellt, mit denen sich Steinthal während seiner Ausbildungszeit auseinandersetzte, wobei meist von der Lektüre eines Werkes oder dem Besuch einer Vorlesung geschlossen wird, dies habe den jungen Akademiker »beeinflusst«. In einem zweiten Schritt wird nachvollzogen, wie er diese verschiedenen Lektüren verarbeitete und synthetisierte, welche Kritik er an seinen Vorgängern übte und welche Innovationen er hinzufügte, wobei letztere von den Reflexionen anderer zeitgenössischer Geistes- und Sozialwissenschaftler abgegrenzt werden. Ein dritter und letzter Schritt ist dem Nachleben, dem Einfluss des Porträtierten auf den weiteren Verlauf der Ideengeschichte gewidmet. Exkurse etwa zur Berliner Universitätsgeschichte, zu den wissenschaftlichen Verlagen, mit denen Steinthal kooperierte, oder zum Aufstieg des Antisemitismus in Deutschland komplettieren das Bild (wenn hier auch nicht immer die aktuellen deutschsprachigen Forschungsergebnisse berücksichtigt werden). Der Dreischritt ermöglicht eine stringente Darstellung, doch bleiben einige Aspekte unterbeleuchtet: Aus geschichtswissenschaftlicher Sicht hätte man gerne mehr über das Funktionieren sozialer Netzwerke unter Wissenschaftlern erfahren, etwa hinsichtlich der Akquisition von Beiträgen für die Zeitschrift für Völkerpsychologie; ebenso bleibt beispielsweise die Lehrtätigkeit Steinthals etwas zu sehr im Hintergrund. Da vor allem die intellektuelle Entwicklung und Leistung des Porträtierten behandelt werden, sind den »Produktionsbedingungen« von Wissenschaft, das heißt dem institutionellen Umfeld, dem Alltag wissenschaftlichen Arbeitens, den Hierarchisierungen im wissenschaftlichen Feld usw. vergleichsweise wenig Seiten gewidmet, wohl auch, weil die Autorin für ihre Darstellung ausschließlich auf veröffentlichtes Material zurückgreift. Somit werden auch die gesellschaftlichen Ursachen, die zur schnellen Ausdifferenzierung der humanwissenschaftlichen Disziplinen während der zweiten Hälfte des 19. Jhs. führten, nur kurz ausgeleuchtet. Dies ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass Trautmann-Waller das Verdienst zukommt, mit Heymann Steinthal eine bislang in der Forschung zu Unrecht eher vernachlässigte, doch zentrale Figur für die Entwicklung der Humanwissenschaften kenntnisreich porträtiert zu haben.
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