Sie sind hier: Startseite content Publikationen Francia-Online Francia-Recensio 2008-4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine B. Lachaise, G. Le Béguec, F. Turpin (Hg.): Georges Pompidou, directeur de cabinet du général de Gaulle (Veronika Heyde)
Benutzerspezifische Werkzeuge
Navigation
 

B. Lachaise, G. Le Béguec, F. Turpin (Hg.): Georges Pompidou, directeur de cabinet du général de Gaulle (Veronika Heyde)

— abgelegt unter:
Bernard Lachaise, Gilles Le Béguec, Frédéric Turpin (dir.), Georges Pompidou, directeur de cabinet du général de Gaulle. Juin 1958 – Janvier 1959

Francia-Recensio 2008/4 19./20. Jahrhundert – Histoire conteporaine

Bernard Lachaise, Gilles Le Béguec, Frédéric Turpin (dir.), Georges Pompidou, directeur de cabinet du général de Gaulle. Juin 1958 – Janvier 1959, Brüssel, Bern, Berlin u. a. (Peter Lang) 2006, 183 S., 1 Abb. (Collection Georges Pompidou – Études), ISBN 90-5201-316-0, CHF 33,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Veronika Heyde, München

Auf dem Weg Georges Pompidous zur Präsidentschaft zieht die kurze Phase der letzten Regierung der IV. Republik immer wieder die Aufmerksamkeit der Historiker auf sich. Charles de Gaulle lässt sich am 1. Juni 1958 von Staatspräsident René Coty als Ministerpräsident nominieren und für sechs Monate mit den weitreichenden Notstandsmachtbefugnissen ausstatten. Zu seinem Kabinettchef bestimmt er Pompidou, der daraufhin sieben Monate – von Juni 1958 bis Januar 1959 – dem Regierungsoberhaupt bei der Bewältigung der sich ihm stellenden Aufgaben zur Seite steht. Frankreich braucht eine neue Verfassung, der Algerienkonflikt muss gelöst, die ehemaligen Kolonien durch Assoziationsverträge an die Metropole gebunden, eine neue Außen- und Europapolitik entworfen, die Wirtschaft und der Franc saniert und der Gemeinsame Markt voran getrieben werden. Pompidou ist de Gaulles Vertrauter in dieser Zeit des Umbruchs. Der General bespricht sich täglich mit ihm und beauftragt ihn mit der Durchführung seiner Entscheidungen, was dazu führt, dass Pompidous eigentliche Aufgaben weit über die eines Kabinettchefs hinausgehen. Zum Beispiel vertritt er De Gaulle während dessen häufiger Auslandsreisen in der Regierung und übernimmt so mehr und mehr die Funktionen eines Premierministers.

Der von Bernard Lachaise, Gilles Le Béguec und Frédéric Turpin herausgegebene Band untersucht das Schaffen und den Einfluss Pompidous während seiner siebenmonatigen Tätigkeit als Kabinettchef des damaligen Ministerpräsidenten de Gaulle. Er fasst historische Beiträge und Berichte von Zeitgenossen des am 9. Februar 2005 von der Association Georges Pompidou in der Stiftung Simone et Cino del Duca organisierten Studientages zusammen und ist in drei Teile untergliedert: zuerst wird die Funktion und die Entwicklung der Rolle des Regierungskabinetts an sich beschrieben, dann die personelle Zusammensetzung erläutert und schließlich der Einfluss des Kabinetts bei der Gründung der V. Republik betrachtet

Nach dem Urteil von Serge Berstein sind die ersten Monate des Amtsantritts de Gaulles zugleich außergewöhnlich und paradox, was sich zum Beispiel darin zeigt, dass de Gaulle sich 1958 unerwartet an der Spitze einer Regierung wieder findet, die zum großen Teil aus Repräsentanten des »Parteienregimes« besteht, das er stets verachtet hatte. Doch bald wird das Parlament sine die vertagt und die Regierung besitzt alleinige Souveränität. Die Autorität liegt dabei ungeteilt in den Händen des Generals. Dies zeigt sich vor allem darin, dass die drei Hauptgeschäftsbereiche – die Innen- und Außenpolitik und die Verteidigung – nicht von Politikern, sondern von so genannten Technikern betreut werden, die treu de Gaulles Wünsche umsetzen. Zudem sind die anderen Minister nicht in der Lage dem Regierungschef zu widersprechen, wenn dieser es für notwendig erachtet auch für Ihre Bereiche zu entscheiden. Während der sechs Monate seines Vorsitzes über die zum Tode geweihte IV. Republik, verfügt de Gaulle demzufolge über größere Macht als jeder seiner Vorgänger. Die Rolle des Kabinetts ist dabei von ähnlich großer Bedeutung und nicht selten wird dessen Direktor Pompidou mit dem Spitznamen der »éminence grise« bedacht. Pompidou ist auch maßgeblich für die Zusammensetzung des Kabinetts verantwortlich, in das er ehemalige Mitglieder der 1946 von de Gaulle gegründeten Partei RPF (Rassemblement du peuple français) und damit viele Widerstandskämpfer und Gefährten aus der Zeit der »France libre« sowie einige Hohen Beamten der Staatsverwaltung beruft. Die Präsenz vieler alter »compagnons« de Gaulles im Kabinett trägt zur guten Zusammenarbeit und zur außergewöhnlich guten Atmosphäre bei (Bernard Lachaise).

Die Kabinettsmitglieder, die jeweils für einen speziellen Bereich zuständig sind, agieren mit derselben Diskretion wie ihr Direktor. Die verschiedenen Probleme werden entweder mit den Kollegen der zuständigen Ministerien oder mit den Ministern selbst besprochen. So sind z. B. die Kabinettsmitglieder Olivier Guichard und Raymond Ganot anwesend, als Michel Debré dem General den Fortschritt der Verfassung unterbreitet. Roger Goetze bereitet mit seinem Team von Wirtschafts- und Finanzexperten des Kabinetts de Gaulle den Sanierungsplan der französischen Wirtschaft vor, den Antoine Pinay politisch verantworten wird, obwohl er kaum seinen eigenen Prinzipien entspricht.

Diese Regierung des letzten Halbjahres 1958 kann bereits als Grundlage des zukünftigen politischen Systems betrachtet werden. René Coty ist zwar noch Staatsoberhaupt, doch er repräsentiert die Schwäche der IV. Republik. Offiziell noch Chef der Regierung ist de Gaulle im Grunde bereits Präsident der Republik, die im Januar 1959 offiziell eingeführt wird. Das von Pompidou geformte und geführte Kabinett ist eine Vorstufe für das äußerst gut strukturierte Kabinett der Experten um Geoffroy de Courcel und René Brouillet, das zum großen Teil aus Mitgliedern des Kabinetts der Regierung von 1958 besteht und auf das sich de Gaulle als neuer Staatspräsident stützen wird.

Auch wenn sich Pompidou 1959 aus dem politischen Leben zurückzieht, so sind doch seine Tätigkeiten als Kabinettchef bereits das Fundament für seine Funktion als Premierminister, die er 1962 von Michel Debré übernimmt. Die Minister wenden sich in der Tat oft zuerst an ihn, bevor sie mit de Gaulle sprechen.

Die im Buch zu Wort kommenden Zeitzeugen weisen immer wieder auf das große Geschick Pompidous hin, seine Ruhe, seine Intelligenz und Verbindlichkeit und seine große Treue zu de Gaulle, in dessen Sinne er stets handelte. Pierre Lefranc, der ehemalige Kabinettchef de Gaulles des Jahres 1958, geht sogar soweit von einer »Osmose« zwischen den Beiden zu sprechen. Der Einfluss Pompidous auf de Gaulle ist dabei wohl sehr groß.

Das Buch ist gut gegliedert und vor allem durch diese »Témoignages« sehr lebhaft gestaltet. Die Funktionsweise des Kabinetts Pompidou wird auf einprägsame Weise geschildert. Allerdings sind die Debatten auch von einigen Wiederholungen geprägt und es wäre wünschenswert gewesen, hier noch einige weitere Informationen zu erhalten. So kommt zwar zum Ausdruck mit wie viel Geschick und Ruhe Pompidou sein Kabinett leitet, doch wäre es interessant die Dinge auch etwas mehr aus Pompidous eigener Sicht zu beleuchten und zu erfahren wie er selbst sein Amt wahrgenommen hat. Natürlich ist dies aufgrund der Archivlage eine sehr schwierige Aufgabe. Den Zeitzeugenberichten wird insgesamt etwas zu viel Platz eingeräumt. Da die Spezialisten der großen Politik wie Jacques Foccard und Olivier Guichard bereits verstorben sind, kommen hauptsächlich die Finanz- und Wirtschaftsexperten zu Wort, was dazu führt, dass die Analyse der politischen Seite ein wenig zu kurz kommt.

Der erste Beitrag von Gilles Le Béguec beschäftigt sich mit der Frage nach dem Einfluss der Position des Kabinettchefs an sich und dessen Entwicklung im Lauf der Jahre. Seit der III. Republik hat das Amt des Kabinettchef ständig an Bedeutung gewonnen, so dass Michel Debré (Ministerpräsident von 1959 bis 1962) 1959 feststellt, das Kabinett im Hôtel Matignon sei zur »Institution« geworden (S. 34).

Isabel Boussard untersucht anschließend die Rolle, die Pompidous als Kabinettchef spielt und betont, wie viel Verantwortung ihm von de Gaulle übertragen wird.  So kümmert er sich nicht nur um die Ernennung der Regierungsmitglieder und die Reform der Verfassung, sondern auch um das Algerienproblem und das Vorantreiben des Gemeinsamen Marktes. Seine Funktionen reichen so weit, dass Pompidou eigentlich eher die Rolle eines Premierministers oder Vizepremierminister spielt, als die eines Kabinettchefs.

Bernard Lachaise widmet seine Studie den Mitgliedern des Kabinetts und unterstreicht wie sehr sich diese ihrem Direktor verbunden fühlen. Zumeist sind es Männer, die schon lange de Gaulle folgen, woraus sich auch die relativ große politische Homogenität erklärt. Die einzige Frau im Kabinett, Simonne Servais, wird von Pompidou aufgrund ihrer hohen persönlichen Kompetenz und langjährigen Erfahrung ausgewählt. De Gaulle hat Vertrauen zu seinen ehemaligen Mitstreitern, was zum Beispiel daran deutlich wird, dass er Pompidou, Foccard und Guichard, seine treuesten Anhänger in der sogenannten "traversée du désert", bei seiner Wiederwahl mit hohen Ämtern betraut. Die Tatsache, dass auch die anderen Kabinettsmitglieder bereits durch langjährige freundschaftliche Beziehungen miteinander verbunden sind, trägt zur guten Arbeitsatmosphäre bei.

Im dritten Teil widmet sich Simonne Servais der Analyse der öffentlichen Meinung zur Zeit des erneuten Regierungsantritts de Gaulles. Die Franzosen haben, genau genommen, keine oder kaum Zeit nachzudenken, denn die Ereignisse überstürzen sich. In nur zwei Wochen gelangt de Gaulle ins Hôtel Matignon und wird vom Parlament mit der Vollmacht (Notstandsvollmachten) ausgestattet, eine neue Verfassung zu kreieren.

In nur zwei Tagen formt er sein Ministerium, das nicht nur aus »Gaullisten« sondern auch aus Männern der IV. Republik besteht und beruft Pompidou zum Kabinettchef. Es ist die Zeit des »no comment« in der Presse.

Der Kabinettchef verhält sich in gewisser Weise bereits wie ein Regierungschef; die Minister wenden sich oft zuerst an ihn, bevor sie mit de Gaulle sprechen und oft spielt er die Rolle eines Vermittlers. Pompidou tauscht sich täglich mit dem General aus, übermittelt dem Kabinett dessen Instruktionen und überwacht deren Durchführung.

Als Vertrauter und damit nächster Mitarbeiter de Gaulles zeigt er die gesamte Palette seiner politischen Geschicklichkeit. Trotzdem sein Amt als Kabinettchef ihn verpflichtet, sich in Diskretion zu hüllen, spielt Pompidou im Schatten des großen Generals eine außergewöhnliche Rolle.

Insgesamt gesehen ist der Band gut aufgebaut und stellt eine interessante Mischung aus historischen Studien und authentischen Beiträgen der Zeitzeugen dar, die es dem Leser erlauben, die Rolle Pompidous als Kabinettchef de Gaulles besser zu verstehen und zu würdigen. Pompidous Persönlichkeit, seine Arbeitsweise und eigene Einschätzung seines Amtes und seiner Verpflichtungen werden nicht sehr eingehend untersucht. Dies muss wie schon erwähnt der Archivlage zugeschrieben werden, die nur wenig Aufschluss gibt über Pompidou als Person. Die Tatsache, dass der Leser gerne mehr über Pompidou erfahren möchte, spricht jedoch nur für die Qualität des Bandes.

Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

Artikelaktionen
Zitierhinweis
Empfohlene Zitierhinweise:
B. Lachaise, G. Le Béguec, F. Turpin (Hg.): Georges Pompidou, directeur de cabinet du général de Gaulle (Veronika Heyde)
In: Francia-Recensio, 2008-4, 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2008-4/ZG/lachaise_heyde
Dokument zuletzt verändert am: 12.02.2009 23:57
Zugriff vom: 07.02.2012