C. Horel, T. Sandu, F. Taubert (Hg.): La Périphérie du fascisme (Albrecht Betz)
La Périphérie du
fascisme. Spécification d’un
modèle fasciste au sein de sociétés agraires. Le cas de l’Europe
centrale entre les deux guerres, sous la dir. de Catherine Horel,
Traian Sandu, Fritz Taubert, Paris (L’Harmattan) 2006, 188 S., ISBN
2-296-01187-X, EUR 18,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Albrecht Betz, Aachen
Als »the new wave«, die neue Welle galt der Faschismus der Zwischenkriegszeit auf dem europäischen Kontinent und seine Propagandisten, auch die am Rande Europas, bekämpften nicht nur die marxistische Linke als existenzbedrohend und einem überholten Materialismus verpflichtet , sondern auch die traditionelle Rechte des je eigenen Landes: als verspätet agrar-aristokratisch, traditionell verflochten mit Kirche und Armee, bürokratisch und unfähig zu einem ›revolutionären‹ Nationalismus auf der Höhe der Zeit.
Der vorliegende Sammelband, der aus einem französisch-ungarischen Colloquium hervorgegangen ist, nimmt den Südosten Europas während der Zwischenkriegszeit ins Visier und spürt den Differenzen der dortigen rechten Strömungen nach: stets im Verhältnis zu den beiden faschistischen »Großen«, Italien und Deutschland. Versucht wird eine Bestandsaufnahme der Forschung seit der Wende von 1989. Die Mehrzahl der überarbeiteten Vorträge ist Ungarn und Rumänien gewidmet, doch werden auch Österreich, Polen und die Tschechoslowakei, Serbien und Griechenland mit unterschiedlich aufschlussreichen Beiträgen bedacht.
Zu Recht betont Fritz Taubert in seinem Nachwort, dass die eigentliche Substanz des Faschismus (der als ideologisches Konglomerat so schwer »idealtypisch« zu definieren ist) – sein Ultranationalismus – schwer zu exportieren war und es zu einer der Komintern vergleichbaren faschistischen Internationale nicht kommen konnte. Die beiden »Modelle«, Italien und Deutschland, ließen sich – wegen der völlig verschiedenen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Vorgaben in den mittel- und südosteuropäischen Ländern – nicht oder nur partiell kopieren. Von Seiten Mussolinis oder Hitlers war wenig solidarische Unterstützung zu erwarten: Beide blieben, in ihrer Außenpolitik, eher konventionell imperialistischen Vorstellungen verhaftet und paktierten lieber mit rechtskonservativen Regierungen als mit unberechenbaren faschistischen Bewegungen. Anders gesagt: Die südosteuropäische Perspektive der beiden Diktatoren war viel zu sehr interessen- und expansionsorientiert, als dass sie ihre außenpolitische Operationsfähigkeit durch ideologische Rücksichtnahmen hätten einengen lassen.
Hinzu kam die von der eigenen Propaganda stets reproduzierte Überzeugung der rassischen Überlegenheit: aus NS-deutscher Sicht waren im Grunde nur die nord- und ein Teil der west-europäischen Länder »blutmäßig« verwandt und assimilierbar. Gegenüber den Bevölkerungsgruppen des Balkans bestanden massive Vorurteile, was nicht hinderte, dass deren faschistische Bewegungen ihrerseits – in unterschiedlich starker Ausprägung – einen »rassischen« Antisemitismus vertraten und für ihre Nation die Schöpfung eines »neuen Menschen« forderten: eine Gesinnungsrevolution, die die Eigentumsverhältnisse vermutlich unberührt lassen sollte (von den Ausgegrenzten abgesehen); auf dieses – im Vergleich mit den marxistischen Revolutionären – zentrale Unterscheidungskriterium wird leider in keinem der Beiträge eingegangen.
Die »Blut- und Boden«-Ideologie, die Agrargesellschaften gleichsam naturgemäß inhärent ist, stützt zunächst mehr die adeligen und bäuerlichen Großgrundbesitzer als die jungen Nationalrevolutionäre, die sich zum Teil noch monarchistisch geprägten Mentalitäten gegenübersehen und sich nicht auf jene Schichten stützen können, auf denen in Deutschland und Italien der Faschismus basierte: Klein- und Großbürgertum und ein erheblicher Teil der Industriearbeiterschaft. Der geringe Grad der Industrialisierung in den Ländern der kontinentalen Peripherie als Hindernis für die radikalen Bewegungen hätte eines stärker – soziologisch und ökonomisch – vergleichenden Blicks der Autoren bedurft. So bleibt es dem Leser überlassen, sich ein Mosaik zusammenzusetzen , wobei ihm nur der einleitende Überblick von Traian Sandu zu Hilfe kommt.
Einigen Fragestellungen hätte man eine durch alle und nicht nur durch einzelne Beiträge gehende Behandlung gewünscht: Welche Faktoren fehlten bzw. entwickelten sich erst im Lauf der zwanzigjährigen Zwischenkriegszeit in den einzelnen Ländern, um die Chance einer faschistischen Machtübernahme realistisch erscheinen zu lassen? – Wie stark hing ein möglicher Massenanhang jeweils von einem charismatischen Führer und einer Einheitspartei ab? – Wie adäquat war die jeweilige Strategie der Machteroberung innerhalb des gegebenen nationalen Gefüges? – Gab es revisionistische Bedürfnisse und/oder expansionistische Fernziele, die zur Motivation eines Massenanhangs beitragen konnten?
Man hätte sich gewünscht, am Anfang einen panoramatischen Überblick über die verschiedenen kuk-Nachfolgestaaten vorzufinden (um die es überwiegend geht), genauer: über die Festschreibung ihrer Gesellschaften im Zustand des Zusammenbruchs von 1918; und die verbissene Verteidigung von Fragmenten eines status quo, der unhaltbar geworden war und dennoch von traditionalistischen bis reaktionären Kräften verteidigt wurde; die rechtsextremen Bewegungen konnten diese zu Feinden erklären oder versuchen, transitorische Kompromisse mit ihnen einzugehen und auf eine günstigere Konstellation hinzuarbeiten .
Wie weit die Weltwirtschaftskrise von 1929/30 und ihre Folgen die Staaten an der östlichen Peripherie berührte, ob sie eine ähnlich starke Zäsur bedeutete wie in Westeuropa und die Zwischenkriegszeit in zwei Hälften teilte, wie weit internationale Krisenphänomene von den faschistischen Bewegungen politisch verwertet wurden, um antiliberale, antimarxistische und antisemitische Propaganda zu legitimieren, bleibt bei den Autoren weithin unerörtert. Hier eröffnen sich Felder künftiger Arbeiten. Anregungen dazu liefert der vorliegende Band in Fülle.
Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

