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F. Dessberg, F. Thébault (Hg.): Sécurité européenne (Winfried Heinemann)

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Sécurité européenne. Frontières, glacis et zones d’influence. De l’Europe des alliances à l’Europe des blocs (fin XIXe siècle–milieu XXe siècle), sous la dir. de Frédéric Dessberg et Frédéric Thébault

Francia-Recensio 2008/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Sécurité européenne. Frontières, glacis et zones d’influence. De l’Europe des alliances à l’Europe des blocs (fin XIXe siècle–milieu XXe siècle), sous la dir. de Frédéric Dessberg et Frédéric Thébault, Rennes (Presses universitaires de Rennes) 2007 (enquêtes & documents. Centre de recherches des écoles militaires de Saint-Cyr-Coëtquidan, 34), ISBN 978-2-7535-0359-5, EUR 16,00

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Winfried Heinemann, Potsdam

Der Kernbegriff des vorliegenden Sammelbandes ist: »Grenzen«. Grenzen trennen, Grenzen verbinden – vor allem aber sind Grenzen historisch bedingt und keineswegs unveränderlich. Wie wirken sich Grenzziehungen, Grenzbefestigungen auf das Leben in Grenzregionen, aber auch auf das politische, sicherheitspolitische und militärische Denken aus?

Jean-Pierre Bois erarbeitet in seiner Einführung nicht einfach einen Fragenkatalog – er zeigt auf, dass die Vorstellung einer »Grenze« an sich schon historisch bedingt ist. Im Personenverbandsstaat, in dem die territoriale Zuordnung sekundär war, war die Vorstellung einer territorialen Grenze kaum verbreitet. Der Mitherausgeber Frédéric Dessberg schildert sodann das Interesse der französischen Regierungen der Zwischenkriegszeit an einer Erhaltung der bestehenden Grenzen in Ostmitteleuropa. Dabei geht es nicht nur um die allseits bekannte Stabilisierung der Pufferstaaten zwischen Deutschland und Sowjetrussland, sondern auch darum, wie dieses Kernanliegen durch Grenzstreitigkeiten aller Art zwischen diesen Staaten in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts kompliziert wurde.

Philippe Garraud nähert sich fast dem gleichen Problem, aber aus der Sicht des Geographen. Stalin hat nach 1945 die Grenzen in seinem Machtbereich willkürlich gezogen, und die genaue Abgrenzung etwa zwischen den drei baltischen Staaten schien angesichts ihrer Zugehörigkeit zur Sowjetunion eher unwichtig. Heute aber ist die Grenze dieser Länder zu Weißrussland zugleich die Außengrenze der Europäischen Union, und die ungelösten Grenzkonflikte können gut und gern eines Tages ein Problem der Gemeinschaft werden. Zugleich fragt der Autor angesichts der historischen Bedingtheit (um nicht ebenfalls zu sagen Willkürlichkeit) der Grenzen etwa zwischen Griechenland und der Türkei, mit welcher Berechtigung man hier politisch die Grenze zwischen Europa und nicht-Europa verorten will.

Militärhistorisch besonders interessant ist der Beitrag von Philippe Garraud, der den Bau der Maginot-Linie in das außenpolitische Konzept der französischen Politik einordnet. Dass sich die Republik selbst einmauerte, schwächte naturgemäß die Glaubwürdigkeit ihrer Sicherheitsgarantie für Polen und die Tschechoslowakei – auf deren Bündnistreue wiederum das französische Sicherheitskonzept eigentlich beruhte. Garrauds Ausführungen zur Rolle der Maginot-Linie während des Zweiten Weltkriegs leiden aber darunter, dass dem Autor wesentliche (und auch auf Französisch zugängliche) deutsche Literatur nicht bekannt zu sein scheint.

Der Beitrag von Pierre Journoud führt zurück in eine Gegend, wo Grenzen als Konzept bis vor relativ kurzer Zeit fremd waren. Erst die französische Kolonialherrschaft hat Indochina starre Grenzziehungen beschert, und Journoud zeigt auf, wie die Selbstbindung der westlichen Mächte Frankreich und USA an die Grenzen etwa zwischen Vietnam und den lange Zeit nicht-kriegführenden Staaten Laos und Kambodscha deren operativen Möglichkeiten verringerte.

Immer wieder wechselt der Blick zurück auf das deutsch-französische Sicherheitsverhältnis zwischen den Weltkriegen und in der Zeit danach. François Pernot etwa fragt nach der Rolle Belgiens, des zeitweise angedachten Rheinstaats oder des »Reichslands Rhein-Ruhr-Saar« danach, wie Frankreich im 19. und 20. Jh. seine Sicherheit vor Deutschland geographisch strukturieren wollte. Der Metzer Historiker François Cochet dagegen stellt sich die Frage, wie die Spitzen der französischen Armee ihrer Öffentlichkeit und ihrer Regierung in den Zwischenkriegsjahren den Krieg an der deutsch-französischen Grenze dargestellt haben. Welche Auswirkungen würde ein Krieg um die Grenzziehung auf die Menschen in der Region, auf das Land als Ganzes haben? Marie Ducet-Huillard wiederum schildert, wie sich in den Jahren zwischen 1945 und 1963 in der französischen Perzeption die Darstellung des Rheins als Grenzfluss von einer scharfen Trennlinie zwischen »denen« und »uns« wandelte hin zu einer völkerverbindenden Funktion – ein Fluss, der zwei Ufer miteinander in Beziehung setzt.

Es ist hier nicht der Ort, alle Beiträge gleichermaßen zu würdigen. Der von Martin Motte etwa über die Geschichte der Geopolitik als »Wissenschaft« im 20. Jh. birgt manche neue Erkenntnis. Sollte jemand sich fragen, wie Kyrillos Nikolaou Bosnien-Herzegowina, Zypern und den Südkaukasus in einer Aufsatzüberschrift unterbringen konnte – man würde ihm guten Gewissens empfehlen, den darunter stehenden Beitrag über Grenzziehungen und das verfallende Osmanische Reich mit Interesse zu lesen.

Die Herausgeber sind nicht der Versuchung erlegen, eine Sammlung von Aufsätzen abzudrucken, die letztlich nur vom Einband zusammengehalten werden, ganz im Gegenteil. Jean-Pierre Bois schließt dieses vielseitige und faszinierende Buch mit einer »Conclusion«, in der er noch einmal auf die anfangs aufgeworfenen Fragen eingeht. Er diskutiert abschließend die Bedeutung geographischer Faktoren für die Grenzziehung, ihre statischen und dynamischen Eigenschaften, ihre demografische Bedeutung, und nicht zuletzt geht er auf jene Grenze ein, die in dem Buch etwas zu kurz gekommen ist: »die Grenze«, eben die zwischen Ost und West, zwischen Thüringen und Hessen, zwischen Neukölln und Treptow, jene Grenze, die wie keine andere befestigt war, an der ungezählte junge Männer Wachdienst leisten mussten, und deren Wegfall den Zerfall der zweiten deutschen Diktatur bedeutete. Aber das ist eine andere Geschichte, vielleicht zu komplex, als dass sie hier erzählt werden könnte.

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F. Dessberg, F. Thébault (Hg.): Sécurité européenne (Winfried Heinemann)
In: Francia-Recensio, 2008-4, 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2008-4/ZG/dessberg_heinemann
Dokument zuletzt verändert am: Apr 26, 2009 11:22 PM
Zugriff vom: Feb 08, 2012