F. Delpla: Les administrations nationales et la construction européenne (Annette Weinke)
Francois Delpla, Nuremberg face à
l’histoire, Paris (Archipel) 2006, 352 S., 1 CD-ROM, ISBN
2-84187-781-7, EUR 23,95.
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Mit dem Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher des »Dritten Reiches« haben sich seit 1945 schon ganze Heerscharen von Wissenschaftlern und Publizisten beschäftigt. Jedes Dezennium, das seit dem »Jahrhundertprozess« vergeht, vergrößert den Literaturkorpus zu diesem Thema um ein Vielfaches. Vor diesem Hintergrund stellt sich angesichts jeder weiteren Publikation zwangsläufig die Frage nach dem damit verbundenen Neuigkeitswert bzw. nach der Originalität des Ansatzes. Francois Delpla, ein französischer Schriftsteller und Publizist, der sich seit einigen Jahren mit Erfolg im expandierenden Bereich des histotainment tummelt, hat nun ein weiteres Buch zum Nürnberger Internationalen Militärtribunal (IMT) vorgelegt, das von seinem Anspruch her noch deutlich über diese Messlatte hinaus zielt: Angekündigt wird laut Klappentext nicht nur eine nahezu lückenlose Chronologie des Prozesses, sondern versprochen werden außerdem neue Quellen und eine multiperspektivische Sicht auf das Prozessgeschehen – letztere orientiert an den nationalen Wahrnehmungen der vier beteiligten Siegermächte.
Delplas Buch setzt sich aus 32, jeweils nur wenige Seiten umfassenden Kapiteln zusammen. Im Anschluss an eine – leider äußerst knapp gehaltene – Einleitung widmet sich der Autor im ersten Abschnitt der politischen Vorgeschichte des Prozesses. Ausgehend von der »St. James Declaration« von 1942 über die 1943 gemeinsam verkündete Moskauer Erklärung der »Großen Drei« zu den Kriegskonferenzen von Jalta und Potsdam werden die wesentlichen Stationen des politischen Entscheidungsfindungsprozesses geschildert, die im August 1945 zur Unterzeichnung des Londoner IMT-Statuts führten. Obwohl die geschichtswissenschaftliche Forschung insbesondere in diesem Bereich während der letzten zehn Jahre einen enormen Sprung nach vorn getan hat, geht Delpla auf diese Diskussionen mit keinem Wort ein. Stattdessen setzt er sich ausführlich mit dem britischen Autor Martin Allen auseinander, einem etwas schillernden Geschichtsforscher, der in den letzten Jahren mit sensationalistischen Thesen zum England-Flug von Rudolf Hess und zum angeblich vertuschten Mord an Heinrich Himmler auf sich aufmerksam gemacht hat.
Die folgenden Kapitel beschäftigen sich – überwiegend in ähnlich oberflächlicher Weise – mit einzelnen Episoden des Prozessgeschehens. Es entspricht der journalistischen Herangehensweise dieses Autors, dass er dabei keinen eigenen Zugang zu der Materie entwickelt, sondern sich streng an der Chronologie der Nürnberger Gerichtsverhandlung orientiert. Anders als etwa die britischen Journalisten Ann und John Tusa, die bereits Anfang der 1980er Jahre ein spannend geschriebenes Buch zum IMT vorgelegt haben, das zudem streckenweise von durchaus hohem Informationswert ist1, hat sich Delpla gar nicht erst die Mühe gemacht, nach neuen Themen und Quellen Ausschau zu halten. Vielmehr bieten seine Ausführungen zu den Plädoyers der Anklage, der Verteidigungsstrategie der Angeklagten und den Bewertungen der Richter in der Regel Altbekanntes, das er mit Funden aus der Literatur und diversen Internetseiten aufzufrischen sucht. Einen roten Faden sucht man inmitten dieser Ansammlung von Anekdoten, nicht nachgewiesenen Literaturzitaten und wörtlich abgedruckten Gerichtsprotokollen vergebens. Eine Grundthese, die die einzelnen Kapitel in irgendeiner Form zusammenhält, ist nur insofern zu finden, als Delpla des Öfteren die Perspektive des amerikanischen Gerichtspsychologen Martin Gilbert einnimmt, dessen Aufzeichnungen er in Vorbereitung auf sein Buch intensiv ausgewertet hat.
Die Schwächen von Delplas Arbeitsweise treten insbesondere in denjenigen Kapiteln zu Tage, in denen er ausnahmsweise versucht, seinen Forschungsgegenstand zu historisieren. So setzt er sich mit der unter anderem von Arieh Kochavi, Jeffrey K. Olick und Annette Wieviorka vertretenen These auseinander, der Genozid an den europäischen Juden sei in dem Verfahren auch deshalb an den Rand gedrängt worden, weil eine Anerkennung des Straftatbestandes der »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« nur in Verbindung mit »Kriegsverbrechen« erfolgte (S. 314). Delpla ist hingegen der Auffassung, der Prozess habe sehr wohl grundlegende Erkenntnisse zur Genese der Judenvernichtung hervorgebracht. Zur Begründung verweist er zum einen auf die Aussagen des ehemaligen Eichmann-Mitarbeiters Dieter Wisliceny und die darin enthaltenen Angaben zur Datierung der »Endlösung« (S. 286). Zum anderen hebt er die Leistungen der am IMT beteiligten Staaten an der Aufklärung des Judenmords hervor, und würdigt in diesem Zusammenhang insbesondere das Centre de documentation juive contemporaine (CDJC), das die Verbrechen gegen die Juden akribisch dokumentiert habe (S. 287).
Auf die herausragende Bedeutung von Wislicenys Zeugenaussagen und schriftlichen Erinnerungen für die »Holocaust«-Forschung hat vor kurzem erneut Dan Michmann aufmerksam gemacht2. Worin die eigentliche Relevanz dieser Dokumente liegt, erfährt man jedoch bei Delpla nur ansatzweise, da er diese gemäß seiner personalisierenden Erzählweise vor allem dazu benutzt, um den Bogen zu Wiscliceny’s Vorgesetztem Adolf Eichmann schlagen zu können (S. 144f.). In seiner Bewertung des von Isaac Schneersohn und Léon Poliakov begründeten Pariser CDJC folgt Delpla kritiklos der Selbstdarstellung auf der Homepage des Zentrums, in der sowohl die Interessenkonflikte als auch die Konvergenzen zwischen Historikern und Juristen weitgehend ausgeblendet bleiben3. Dass deren Verhältnis jedoch keineswegs unproblematisch war und die »Nürnberg-Historiographie« langfristig zu einer anhaltenden Marginalisierung der jüdischen Opferperspektive geführt hat, bleibt daher in seiner Darstellung unberücksichtigt4. Auch die Frage, wie die spezifische Repräsentation bzw. Nichtrepräsentation des Judenmords in dem beigefügten sowjetischen Dokumentarfilm »Der Prozess von Nürnberg« zu erklären ist, wird von Delpla nicht weiter vertieft.
Alles in allem ist mit diesem Buch eine Chance vertan worden, die ältere und jüngere Forschung zu Nürnberg zu einer lesenswerten Synthese zusammenzufügen, auf deren Grundlage das Thema der Nachkriegsprozesse in Geschichtsseminaren und in der politischen Bildung behandelt werden kann. Auch wenn hier und da Ansätze zu einer seriösen Auseinandersetzung mit der Materie erkennbar sind, fehlt es der Darstellung grundsätzlich an der nötigen Systematik und Konsistenz. Somit stellt sich das, was vielleicht als nützliche Handreichung für Studenten und zeitgeschichtlich interessierte Laien hätte dienen können, in seiner Gesamtheit eher als abschreckendes Beispiel für die zunehmende »Wikipediasierung« von zeitgeschichtlichem Wissen dar.
1 Ann Tusa, John Tusa, The Nuremberg Trial, London 21995.
2 Dan Michmann, Täteraussagen und Geschichtswissenschaft. Der Fall Dieter Wisliceny und der Entscheidungsprozess zur »Endlösung«, in: Jürgen Matthäus, Klaus-Michael Mallmann (Hg.), Deutsche, Juden, Völkermord. Der Holocaust als Geschichte und Gegenwart, Darmstadt 2006, S. 205–219.
3 Vgl. <http://www.memorialdelashoah.org/b_content/getContentFromTopNavAction.do;jsessionid=1A0A8FB051B4DFDB2286E9CC63192293?navId=118>.
4 Vgl. Donald Bloxham, Genocide on Trial. War Crimes Trials and the Formation of Holocaust History and Memory, Oxford 22003, S. 202f.
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