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A. Clavien, N. Valsangiacomo (Hg.): Les Intellectuels antifascistes dans la Suisse de l'entre-deux-guerres (Reinhard Schiffers)

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Les Intellectuels antifascistes dans la Suisse de l’entre-deux-guerres. Sous la dir. d’Alain Clavien et Nelly Valsangiacomo

Francia-Recensio 2008/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Les Intellectuels antifascistes dans la Suisse de l’entre-deux-guerres. Sous la dir. d’Alain Clavien et Nelly Valsangiacomo, Lausanne (Éditions Antipodes) 2006, 147 S., ISBN 2-940146-58-6, CHF 29,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Reinhard Schiffers, Bonn

Die Geschichte der antifaschistischen Intellektuellen in der Schweiz als eine Geschichte der Besiegten zu schreiben ist das erklärte Ziel der acht Beiträger, überwiegend Lehrende und Studierende an den Universitäten Fribourg, Genf und Lausanne. Alle gehören dem Groupe de recherche en histoire intellectuelle contemporaine(GRHIC) an, der 2001 gegründet, seinen Sitz an der Universität Fribourg hat und Forscher aus allen drei Landesteilen vereint.

Sie wollen die Kämpfer gegen den Faschismus zwischen 1930 und 1945 wieder zu Wort kommen lassen, nachdem diese in gewisser Weise dreimal besiegt worden seien, nämlich nach 1930, dann 1945 und erneut in den Jahrzehnten danach.

Tatsächlich fanden diese Intellektuellen in der Schweiz der 1930er Jahre kaum Gehör, weil der im Europa der Zwischenkriegszeit dominierende hierarchisch-korporative Staatsgedanke auch das geistige und politische Leben der Schweiz erfasst hatte. 1945 sahen sich die antifaschistischen Streiter zwar in ihrer Kritik bestätigt, ihr wurde aber die Geltung abgesprochen, weil sie sozusagen die Kehrseite der Kompromissbereitschaft eines großen Teils der Führungselite gegenüber den Achsenmächten darstellte. Damals und in den folgenden Jahrzehnten wirkte im schweizerischen Selbstverständnis das alle umschließende Konzept der »Geistigen Landesverteidigung« nach, das abweichende Positionen als quantitité négligeable erscheinen ließ. Hinzukommt, dass die Schweizer politische Kultur mit ihrer Wertschätzung des Milizsystems, d.h.des ehrenamtlichen Engagements der Bürger in vielen Bereichen, antielitär wirkt und eine Definition des Intellektuellen erschwert.

Vorgestellt wird zunächst eine Vereinigung für politische und kulturelle Erwachsenenbildung im Tessin, die Associazone Romeo Manzoni (1929–1930). Sie entstand aus dem Zusam­menwirken von Tessinern und politischen Flüchtlingen aus Italien, den fuorusciti.

Ziel war eine von faschistischem Einfluss freie und einem breiteren Publikum zugängliche Erwachsenenbildung. Ebenso farbig wie dieser Berichte sind die Präsentationen der west­schweizerischen Blätter »La Bise« (1932–1933), »Le Canard libre« (1936–1938), »Le Journal des Nations« (1931–1938) und »Le Moment« (1933–1934), wobei 12 Titelblätter bzw. Karika­turen aus den beiden zuerst genannten Zeitungen das hier vorgestellte Buch illustrieren. Alle Blätter waren der Initiative von zwei- oder mehrsprachigen Emigranten oder Schweizern zu verdanken, die auf diese Weise die totalitären Ideologien von recht und von links ins Visier nahmen. Dies schloss Kritik an der Innen- und Außenpolitik der Schweiz ein, so z.B. an der Einschränkung der Pressefreiheit und an dem Fehlen einer klaren Positionierung gegenüber den Achsenmächten. Die Kurzlebigkeit des Tessiner Instituts und der politischen Blätter war nicht etwa einem Mangel an Originalität oder Qualität zuzuschreiben, sondern vielmehr innen- und außenpolitischen Pressionen und finanziellen Problemen.

Eine Sonderstellung unter den Beiträgen nimmt das Porträt von Carl Albert Loosli aus Bümpliz (Bern) ein. Es ist der einzige Beitrag in deutscher Sprache (mit einem Résumé auf Französisch) und enthält die bewegte Lebensgeschichte eines umstrittenen Journalisten und freien Schriftstellers. Er beeindruckte durch seine Bekämpfung des Antisemitismus bereits seit 1927 und durch sein humanitäres Engagement, insbesondere zugunsten der in Lagern untergebrachten Flüchtlinge. Looslis rigider, für viele nicht nachvollziehbarer Nonkonformismus hatte indessen zur Folge, dass er trotz zahlreicher Kontakte und Veröffentlichungen ein Außenseiter blieb und wenig Gehör fand.

Ein weiterer Beitrag fragt nach den Einflüssen der italienischen Emigranten auf die Kultur des Aufnahmelandes Schweiz. Aus einer Reihe von Gründen gelang den fuorusciti nicht der be­absichtigte politische und kulturelle Brückenschlag zu der großen Kolonie der aus wirtschaft­lichen Gründen eingewanderten Italiener. Immerhin bot die Tessiner Zeitung »Libera Stampa« ähnlich wie das sozialdemokratische Blatt »Volksrecht« (Zürich) antifaschistischen Emigran­ten ein Forum der Kommunikation und gesellschaftlichen Beachtung. Aus den hier nur knapp gewürdigten Forschungsergebnissen wird deutlich, dass der Mehrzahl der kurzlebigen »Fronten« in der Schweiz ein Mehrzahl ebenso kurzlebiger antifaschistischer Initiativen gegenüberstand. Diese zum größten Teil erstmals ins Licht gerückt zu haben ist das Verdienst der lesenswerten Beiträge.

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A. Clavien, N. Valsangiacomo (Hg.): Les Intellectuels antifascistes dans la Suisse de l'entre-deux-guerres (Reinhard Schiffers)
In: Francia-Recensio, 2008-4, 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2008-4/ZG/clavien_schiffers
Dokument zuletzt verändert am: Jan 24, 2012 02:56 PM
Zugriff vom: May 24, 2012