F. Calvi, M. J. Masurovsky: Le Festin du Reich (Hanns Christian Löhr)
Fabrizio Calvi, Marc J. Masurovsky, Le Festin
du Reich, Paris (Fayard) 2006, 719 S., ISBN 2-213-62593-X, EUR
27,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Hanns Christian Löhr, Berlin
Vier Jahre lang diente Frankreich den Wünschen der deutschen Besatzungsmacht. Zwischen 1940 und 1944 beteiligten sich viele deutsche Verwaltungsinstanzen daran, das Nachbarland wirtschaftlich auszuplündern. Das Reich entzog dem Land Arbeitskräfte, Rohstoffe, fertige Produkte, Maschinen, Kunstwerke, Geld und Gold, um damit den eigenen Krieg zu finanzieren. Lange Zeit vernachlässigte die Geschichtsschreibung dieses Kapitel der deutschen Besatzungszeit. Der amerikanische Historiker Marc J. Masurowsky und sein französischer Kollege Fabricio Calvi heben in ihrer Studie die Bedeutung dieser Vorgänge während des zweiten Weltkrieges hervor.
Erste Erkenntnisse über die wirtschaftliche Ausplünderung Frankreichs sammelte zwischen 1997 und 2000 bereits eine französische Regierungskommission, die nach ihrem Leiter den Namen »Mattéoli-Kommission« erhielt. Nach deren Erkenntnissen betrug der Schaden, den Frankreich unter der deutschen Besatzung auf wirtschaftlichem Gebiet erleiden musste, rund 8,8 Milliarden Francs. Calvi und Masurowsky nennen zwei Gründe, dass es überhaupt soweit kommen konnte: So gelang es der deutschen Besatzungsmacht in den Waffenstillstandsvereinbarungen den Kurs zwischen Reichsmark und Francs auf das für das Reich sehr günstige Verhältnis von 1 RM zu 20 Francs festzusetzen. Diese künstliche Überbewertung der Reichsmark führte dazu, dass deutsche Dienststellen und Privatpersonen günstig einkaufen konnten und Frankreich so die deutsche Kriegswirtschaft subventionierte. Zudem arbeitete die Regierung von Vichy auf wirtschaftlichem Gebiet eng mit dem Reich zusammen und betrieb energisch die »Entjudung« der französischen Wirtschaft. Jüdische Firmen wurden nach einem Gesetz vom 18. Oktober 1940 unter Zwangsverwalter gestellt und anschließend an nichtjüdische Franzosen verkauft.
Dieses französische Vorgehen geschah parallel zu den deutschen Übergriffen auf das Eigentum von französischen Juden. So übernahm das Devisenschutzkommando, das dem Reichsfinanzministerium unterstand, die in den Banken lagernden jüdischen Depots. Ausländische Devisen und Wertpapiere führte das Devisenschutzkommando an die Reichskreditkasse ab. Die Kontrolle über die »feindlichen Banken« übernahmen dagegen Zwangsverwalter, die der »Kommissarische Verwalter der Feindbanken in Frankreich« einsetzte. Dieses betraf vor allen Dingen englische Banken. Das Amt des kommissarischen Verwalters unterstand dem Militärbefehlshaber in Frankreich und war somit eine militärische Dienststelle.
Daneben war auch die von Hermann Göring geleitete Behörde des Beauftragten für den Vierjahresplan an Raubzügen in Frankreich beteiligt und kaufte über eine Geheimorganisation Rohstoffe auf den französischen Schwarzmärkten ein. Dazu gehörten Textilien, Leder, Alkohol und Edelsteine. Göring war zudem auch noch an der kulturellen Ausplünderung des Landes beteiligt. Zusammen mit dem Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg ließ er Kunstwerke aus jüdischem Besitz im Land beschlagnahmen. Ungewöhnlich waren auch die Praktiken des Sicherheitsdienstes der SS (SD): Dessen Repräsentanten schreckten nicht davor zurück, kriminelle Banden zu beauftragen, für sie Franzosen zu berauben.
Einen großen Schwerpunkt legen die Autoren der Studie auch auf die Geschäfte, die über die Schweiz liefen. Teilweise brachten deutsche Behörden in Frankreich geraubte Güter dorthin, um sie so auf dem internationalen Markt zu verkaufen. Diese Wirtschaftsbeziehungen waren vor allem nach 1945 ein Problem für die Alliierten Mächte: Nach dem Krieg versuchten die USA, alle nationalsozialistischen Wirtschaftsunternehmungen in den neutralen Ländern auszuschalten. Dieses scheiterte jedoch oft an den Widersprüchen innerhalb der Alliierten. So wollten beispielsweise die Briten ihre Einflusszonen in der Welt weiter schützen und lehnten Interventionen ab. Dieses hatte aber zur Folge, so die Autoren, dass in einigen Punkten die Aufarbeitung der Plünderungen in Frankreich verzögert wurde.
Die beeindruckende und zuweilen ausgesprochen spannende Studie der beiden Autoren basiert zum überwiegenden Teil auf französischen Dokumenten und amerikanischen Geheimdienst-Berichten, die nach dem Krieg angefertigt wurden und seit einigen Jahren im Nationalarchiv in Washington zugänglich sind. Einige Dokumente sind im Anhang als Faksimile abgedruckt. Die Berichte des französischen Geheimdienstes »Direction generale des études et recherches (DGER)« konnten die Autoren allerdings nur über die Überlieferungen auswerten, die von diesen in amerikanischen Archiven vorhanden sind. Die Geheimniskrämerei des französischen Staates, der diese Berichte noch immer nicht im vollen Umgang freigibt, führte leider zu einem gewissen Defizit in der Darstellung der Ereignisse. Sehr viel schwerwiegender ist dagegen, dass die Autoren die zahlreich vorhandenen deutschen Dokumente nicht ausgewertet haben, die über die Besatzung in Frankreich im Bundesarchiv Freiburg und im Nationalarchiv Paris liegen. Ebenso zitieren die Autoren keine deutsche Literatur, oder nur solche Werke, die inzwischen in englischer oder französischer Übersetzung vorliegen. Dieses führt dazu, dass die Studien von Götz Aly oder Janis Schmelzer, die von deutscher Seite aus sich dem Problem der Plünderung in Frankreich widmen, nicht erwähnt werden1.
Dies verdeutlicht eine grundsätzliche Schwierigkeit: Die Geschichte des Nationalsozialistischen Krieges ist ein transnationales Problem, dass nur durch Forschungen in allen beteiligten Ländern aufgearbeitet werden kann. Hierbei ist es erforderlich, nicht nur eine Opfergeschichte zu schreiben, sondern auch Täterforschung zu unternehmen. Nur so können die Ereignisse in ihrem ganzen Umfang erfasst werden. Dieses setzt allerdings voraus, sich in der Sprache der Täter bewegen zu können.
1 Götz Aly, Hitlers Volksstaat, Raub Rassekrieg und nationaler Sozialismus, Frankfurt/Main 62005; Janis Schmelzer, Devisen für den Endsieg, Stuttgart 2003.
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