S. Berstein: Léon Blum (Klaus-Jürgen Müller)
Serge Berstein, Léon Blum, Paris
(Fayard) 2006, 842 S., ISBN 2-213-63042-9, EUR 30,00.
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Mit seiner meisterhaften zweibändigen »Historie du parti radical« (Paris 1982) hat sich Serge Berstein, emeritierter Professor am Institut d’études politiques (IEP) von Paris und ehemaliger Präsident der Société d’histoire moderne et contemporaine in die Reihen der großen Kenner der Geschichte der Dritten Republik eingeschrieben. Nunmehr legt er als eine weitere Frucht seiner jahrzehntelangen Forschungen eine große Biographie Léon Blums vor, die den bisherigen Forschungsstand souverän verarbeitet und auch das Archivmaterial auswertet, das erst seit einigen Jahren aus der einstigen Sowjetunion nach Frankreich zurückgeführt worden ist. Léon Blum, diesem brillanten Juristen, feinsinnigen Literaten und bürgerlich wohlhabenden Ästheten gelang es 1936, mitten in den schweren sozialen und ökonomischen Krisenerscheinungen im Gefolge der Weltwirtschaftskrise die erste sozialistisch geführte Regierung der Volksfront auf der Basis einer Koalition seiner SFIO mit den linksliberalen Radikalsozialisten unter Einschluss einiger Splittergruppen zu bilden und, von den Kommunisten toleriert, längst überfällige soziale und wirtschaftliche Reformen durchzusetzen. Historisch gesehen war das die Öffnung des Systems der republikanischen Synthese nach links. Politisch führte es zu einer tiefen Polarisierung de Landes und setzte die sozialistische Bewegung einer Zerreißprobe aus. Blum wurde zur Hassfigur der Rechten, die ihm die Verantwortung für die Niederlage von 1940 zuschrieb. Auf der Linken dagegen wurde er wegen der Nicht- Intervention im spanischen Bürgerkrieg scharf kritisiert.
Indessen wäre unangemessen, Blums historische Bedeutung lediglich auf die Volksfront – Episode zu begrenzen. Ebenso unzutreffend wäre es, Blums Leben und politische Karriere als ein konsequent zielgerichtetes Dasein zu begreifen. Wurde bislang eher der Parteiführer und der Regierungschef Blum in den Mittelpunkt biographischer Arbeiten gestellt, so will Berstein den ganzen Menschen betrachten. Er will im Gegensatz zu manchen anderen Biographen Léon Blum eben nicht vom Höhepunkt der politischen Karriere her, nicht in teleologisch strukturierter Retrospektive darstellen, sondern den Mann in seiner Zeit betrachten, in seiner Milieugebundenheit und unter Berücksichtigung der vielfältigen, seine Handlungsspielräume bestimmenden Faktoren. Er sieht die Vita des Léon Blum nicht als ein homogenes, in sich geschlossenes Leben an. Vielmehr arbeitet er eindrucksvoll heraus, wie Blum zunächst eine literarische Karriere als Autor und Kritiker, dann als hoher juristische Beamter eingeschlagen hat und erst, im vierten Lebensjahrzehnt stehend, sich dem Sozialismus anschloss. Es brauchte dann noch fast ein Dezennium, bis er sich tatsächlich aktiv engagierte. Dann jedoch wurde er in einigen Jahren relativ rasch zum Führer und Inspirator der Partei und schließlich zum Regierungschef.
Das Wesen Blums erschließt sich nach Berstein nicht so sehr aus seinen Handlungen und Taten; es ist eher in der anziehenden, sehr komplexen von Widersprüchen nicht freien Persönlichkeit zu finden, in der sich Zerbrechlichkeit und Festigkeit verbanden. Blums Bedeutung erschöpft sich jedenfalls nicht in seinen politischen Aktivitäten noch in den Spuren, die er in der Geschichte seines Landes hinterließ. Berstein sieht vier herausragende Eigenschaften, die die Persönlichkeit bestimmten und zugleich den Verlauf dieses Lebens erklären: Erstens eine durchdringende analytische Intelligenz, die es ihm ermöglichte, die langfristigen Konsequenzen aktueller Ereignisse klarer zu sehen als seine Zeitgenossen. Seine Rede auf dem Kongress von Tours, mit der er den Bruch mit der kommunistischen Internationale vollzog, sah die totalitäre Entwicklung dieser politischen Kraft voraus. Ebenso hat er in de Gaulles Rede von Bayeux bereits die politische Konsequenzen erkannt, die sich dann lange nach seinem Tod in der Verfassung der V. Republik manifestierten. Zweitens: Mit dieser intellektuellen Schärfe koexistierte in Blums Persönlichkeit ein Bedürfnis nach Liebe und Glück, das sich in seinem Verhältnis zu den drei Frauen, die in seinem Leben eine zentrale Rolle spielten, ebenso zeigte wie in seiner tiefen Menschlichkeit und Menschenfreundlichkeit, die in der Begeisterung, die er bei den Volksmassen auslöste, ihre Erfüllung fanden. Umso mehr musste ihn nach 1936 der Hass seiner Gegner treffen, der für ihn so unerträglich war, dass er nach 1945 jeder Versuchung eines erneuten Griffes nach der Macht entsagte. Als dritten Charakterzug seines Helden sieht Berstein dessen Sinn für Gerechtigkeit, den dieser selbst in seiner jüdischen Herkunft und frühkindlichen Erziehung begründet fand und der sich für ihn auf alle Lebensbereiche von der Politik über die persönlichen Beziehungen bis hin zur Gestaltung der internationalen Politik erstreckte. Viertens sei diesem äußerlich so fragil erscheinenden Mann ein unbestreitbarer physischer und moralischer Mut eigen gewesen. Der befähigte ihn, auch angesichts feindlicher politischen Mehrheiten seiner Überzeugung treu zu bleiben und bei der physischen Attacke im Februar 1936 Haltung zu bewahren.
Trotz der hohen intellektuellen und moralischen Qualitäten Blums erliegt Berstein keineswegs der hagiographischen Versuchung. Er registriert durchaus mit kritischem Unterton, dass Blum im Juli 1940 in Vichy in der von Hass und Leidenschaft erfüllten Debatte des Parlamentes, als über die Vollmachten für Pétain und Laval beschlossen wurde, geschwiegen habe, obwohl doch gerade von ihm erwartet wurde, in jener entscheidenden Stunde den republikanischen Protest gegen die Machtusurpation Ausdruck zu verleihen. Auch vermerkt Berstein, dass Blum, dessen Vision des Sozialismus nicht vom Materialismus oder Klassenkampfideen sondern tief humanistisch geprägt war, dennoch seinen Äußerungen zeitweilig eine »placage marxiste« gab. Vor allem zwischen 1920 und 1935 vertrat er als Führer der sozialistischen Partei im Parlament einen intransigenten Marxismus, gleichzeitig jedoch bereitete er mit Formelspielen wie »exercice du pouvoir, »occupation du pouvoir« statt »conquête du pouvoir«, die Partei darauf vor, jene bürgerliche Gesellschaft zu regieren, welche der Sozialismus eigentlich zerstören wollte. Nach dem Regierungsantritt des von ihm geführten Volksfrontkabinetts verschwanden bei ihm dann sofort und vollständig jegliche Hinweise auf den Marxismus. Die Konzeption eines humanistischen Sozialismus, die sich in seinem Regierungsprogramm vom April 1938 schon andeutete, fand dann im Krieg mit der Schrift »À l’échelle humaine« ihren programmatischen Ausdruck. Diese idealistische, ja hochmoralische Vision einer künftigen Partei, deren Sinn und Ziel die ethische und spiritualistische Regeneration der Nation sein sollte, überforderte nach der Befreiung jedoch die sozialistischen Anhänger. Sie zogen es vor, sich unter das Dach einer durch Guy Mollet wiederbelebten Vorkriegspartei alten Stils zu flüchten.
Nach Berstein hat Blum in einem bestimmten historischen Moment versucht, den französischen Sozialismus zu einer sozialdemokratischen Praxis im Sinne eines nordeuropäischen Sozialismus zu führen, was jedoch von der Partei nie wirklich akzeptiert worden ist. Seine Machtausübung 1936 war, trotz wichtiger sozialer Innovationen, nur kurz und für ihn enttäuschend, aber sie reichte aus, um ihn im Gedächtnis der Nachwelt als ein Beispiel des so seltenen Politikertypus zu verankern, dessen Leistung nicht am Erfolg an der Spitze des Staates bemessen wird, sondern an den Werten, die er in der Politik umzusetzen versuchte.
Mit seinem »Léon Blum« hat Serge Berstein eine große, den Ansprüchen einer modernen Geschichtswissenschaft angemessene Biographie vorgelegt.
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