You are here: Home content Publikationen Francia-Online Francia-Recensio 2008-4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine E. Béhague: Le théâtre dans le réel (Franziska Schößler)
Personal tools
Navigation
 

E. Béhague: Le théâtre dans le réel (Franziska Schößler)

— filed under:
Emmanuel Béhague, Le théâtre dans le réel. Formes d’un théâtre politique allemand après la réunification (1990–2000)

Francia-Recensio 2008/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Emmanuel Béhague, Le théâtre dans le réel. Formes d’un théâtre politique allemand après la réunification (1990–2000), Strasbourg (Presses universitaires de Strasbourg) 2006, 382 S. (FAUSTUS/Études germaniques), ISBN 2-86820-275-6, EUR 24,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Franziska Schößler, Trier

Seit Mitte der neunziger Jahre dominieren auf den deutschsprachigen Bühnen soziale Themen wie Arbeitslosigkeit und Familiendesaster. Marius von Mayenburg, Thomas Jonigk, Oliver Bukowski, Falk Richter, Gesine Danckwart, Theresia Walser, Dea Loher und andere, sie alle versuchen in ihren Texten – so hat es Thomas Ostermeier, der Intendant der Berliner Schaubühne, formuliert – eine »Nabelschnur zur Wirklichkeit« zu legen und das kritische Zeitstück wieder zu beleben.

Über dieses neue Theater hat Emmanuel Béhague nun eine umfassende Studie vorgelegt, eine Studie, so lässt sich vorwegnehmen, die durch ihre Informiertheit beeindruckt und einen plausiblen Begründungszusammenhang für die Politisierung des Theaters in der letzten Dekade entwickelt. Zweifeln deutschsprachige Theaterwissenschaftler zuweilen an, dass die Wende 1989 einen Einschnitt in der Theaterszene markiere – Hans Thies-Lehmann beispielsweise gesteht dem politischen Großereignis keinerlei ästhetische Konsequenzen zu –, so vermag die Untersuchung von Béhague schlüssig zu zeigen, dass der Fall der Mauer eine fundamentale ästhetische wie institutionelle Krise ausgelöst hat. Seine These ist, dass mit der Fusion der zwei Staaten und den damit verbundenen ökonomischen Engpässen das Theater seinen repräsentativen Status, der ihm im deutsch-deutschen »Kulturkampf« vor 1989 zukam, einbüßte, zumal es durch die zentrale Bedeutung der Regie in den siebziger und achtziger Jahren und die Vorliebe für Klassiker-Inszenierungen seine soziale Legitimation verloren hat. Dieser Legitimationsverlust wird nach 1989 mit einer Repolitisierung des Theaters und der Dramenstoffe beantwortet, mit einem politischen Drama und Theater, das sich folgender Aufgabe stellt: »le théâtre doit retrouver un lien avec la réalité sociale vécue par le public« (S. 49).

Was diese Studie auszeichnet, ist die gelungene Verbindung von Institutionengeschichte und Ästhetik. Anders als in deutschsprachigen Untersuchungen, die Theater- und Dramengeschichte gemeinhin voneinander abgrenzen, vernetzt Béhague die beiden Aspekte in einem überzeugenden Erklärungsmodell, das auch die Formensprache der zeitgenössischen Stücke schlüssig zu beschreiben vermag. Der Begriff des politischen Theaters wird dabei nicht etwa terminologisch fixiert, sondern der Autor steckt das »ideengeschichtliche Koordinatensystem« der neunziger Jahre ab, um aus der generellen Verabschiedung der »grands récits« das neue Profil eines politischen Theaters zu entfalten. Nach dem Ende des Subjekts, der Geschichte und der großen Erzählungen kommt dem Politischen ein ganz anderer Stellenwert und eine andere ästhetische Form zu, als sie beispielsweise noch im kritischen Volksstücks der siebziger und achtziger Jahre auszumachen sind. Die Dramen der neunziger Jahre zeichnen sich, so lässt sich cum grano salis sagen, durch ihre begrenzte Perspektive aus, durch ihre Fragmentarisierung von Wirklichkeit, ihre spezifischen Milieubefragungen und einen mikroskopischen Blick, der keine Totalisierung des Erzählten zur Ideologie zulässt, ebenso wenig »Weltmodelle« erarbeitet, wie sie Peter Handke und Botho Strauß in ihren Dramen vorlegen. Im Zentrum steht die Repräsentation von Wirklichkeit und Wahrnehmung selbst, die über komplexe Formen befragt wird.

Béhague liest die Form der Stücke im Anschluss an Peter Szondi als unmittelbaren Ausdruck einer Wahrnehmungsproblematik, wie sie bereits die Dramen um 1900 reflektieren und die Theatertexte der neunziger Jahre radikalisieren. Politisches Theater lässt sich mithin nicht über Themen definieren, sondern ist (ähnlich wie Lehmann in »Das Politische Schreiben« ausführt) als Unterbrechung der Repräsentation, als Zertrümmerung herrschender, routinierter Diskurse zu beschreiben, wie sie in den zeitgenössischen Stücken tatsächlich stattfindet. Béhague legt im zweiten Teil seiner Arbeit minutiöse Lektüren zu einzelnen Texten vor, die er unter drei großen Perspektiven bündelt: Er spricht erstens von einem Theater der »monstration«, des Zeigens und Demontierens (u. a. Helmut Krausser, Marius von Mayenburg, Dirk Dobbrow), zweitens von einem Theater zwischen Geschichte und Geschichten, das die Frage nach der Repräsentation von Zeit, von Vergangenheit stellt (u. a. Heiner Müller, Dea Loher, Albert Ostermaier) und behandelt drittens ein Theater der politischen Wahrnehmung (Oliver Czeslik, Rainald Goetz). In dieser Partie führt Béhague schlüssig am konkreten Material vor, was er im ersten Teil als Poetik der Fragmentarisierung und des mikroskopischen Blicks beschreibt.

Die Arbeit zeichnet sich insgesamt durch eine sorgfältige Historisierung aus: Béhague verfolgt die Geschichte des dezentralisierten deutschen (Hof-)Theaters bis ins 17. Jh., rekonstruiert die Kulturpolitik vor 1989 in beiden deutschen Staaten und lässt die Varianten des politischen Theaters Revue passieren, also Piscator, Brecht und das Dokumentartheater. Er berücksichtigt die juristischen Veränderungen (beispielsweise des Urheberrechts) ebenso wie die modifizierten Berufsprofile (die Professionalisierung des Intendanten zum Manager), vor allem aber die neue Nähe von zeitgenössischem Autor und Theater. Zu Beginn der neunziger Jahre wird der Autor – unter anderem durch die zahlreichen Festivals – zum zentralen Bestandteil des theatralen Ensembles, ohne allerdings die Suprematie des Textes im plurimedialen Verbund zu behaupten. Es zeichnet sich mithin keine Reliterarisierung des Theaters ab, eher eine Entmystifizierung der Autorbegriffs, beispielsweise durch die Auftragsarbeiten. Die zahlreichen Kooperationen bringen es mit sich, dass die Texte enger an die konkrete Aufführungssituation gebunden sind, ihr Verhältnis zum Theater reflektieren und sich als Kritik, als Angebot und Material verstehen.

Wer sich also über das deutsche Theater der neunziger Jahre umfassend informieren möchte, der sollte unbedingt Béhagues ausgezeichnete und überaus kenntnisreiche Studie zur Hand nehmen: Sie liefert nicht nur statistisches Material und eine kleine Geschichte der Institutionen, präsentiert Festivals und weitere wichtige Einrichtungen, sondern glänzt auch durch überzeugende Lektüren und Thesen.

Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

Document Actions
Zitierhinweis
Empfohlene Zitierhinweise:
E. Béhague: Le théâtre dans le réel (Franziska Schößler)
In: Francia-Recensio, 2008-4, 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2008-4/ZG/behague_schoessler
Dokument zuletzt verändert am: Feb 14, 2012 01:49 PM
Zugriff vom: May 24, 2012