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C. Amalvi: Dictionnaire biographique des historiens français et francophones (Markus Bodler)

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Christian Amalvi (Hg.), Dictionnaire biographique des historiens français et francophones. De Grégoire de Tours à Georges Duby

Francia-Recensio 2008/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Christian Amalvi (Hg.), Dictionnaire biographique des historiens français et francophones. De Grégoire de Tours à Georges Duby, Paris (La Boutique de l’Histoire) 2004, XXVI–366 S., ISBN : 2-910828-32-8, EUR 24,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Markus Bodler, Berlin

Biografische Studien sind nicht unbedingt eine Spezialität der französischen Historiografiegeschichte. Mehr liegen ihr da schon die großen Fragen. Portraits einzelner französischer Historiker jedenfalls haben Seltenheitswert, sieht man von einschlägigen Übersetzungen ab. Deutlich beliebter sind hingegen allgemein gehaltene Untersuchungen, etwa zur Stellung der Geschichte als wissenschaftlicher Disziplin oder zur Position der Historiker in der Gesellschaft, desgleichen kritische Essays zur Krise des eigenen Fachs oder weniger kritische zum Aufstieg der eigenen Schule. Angesichts derartiger Vorlieben darf man sich nicht wundern, wenn es in Frankreich länger dauert als in anderen Ländern, bis man auch hier auf ein biografisches Lexikon zurückgreifen kann.

Zwar unternahm bereits in den 1980er Jahren der Sozialhistoriker Christophe Charle erste Versuche, doch präsentierte er nur eine Auswahl an Historikern des 19. und 20. Jhs. Und auch der Herausgeber selbst, Christian Amalvi, hatte sich zuvor mit nur einem Teil der Historikerschaft begnügt, den Verfassern historischer Schulbücher. Nun aber berücksichtigt ein Lexikon zum ersten Mal die gesamte französische Geschichtsschreibung, von Gregor von Tours bis zu Georges Duby – wobei man ersteren freilich kaum als Franzose gelten lassen mag.

Es wäre ein frommer Wunsch, würde man glauben, die Auswahl der Beiträge ließe sich zur Zufriedenheit aller bewerkstelligen. Dessen ungeachtet müssen sich selbst die unzufriedenen unter den Rezensenten eingestehen, dass der Herausgeber sehr um Ausgewogenheit bemüht ist. Gewiss liegt der Schwerpunkt auf den letzten beiden Jahrhunderten; aber ein willkürlicher Akt ist dies nicht, eher eine Folge der allgemeinen historiografischen Entwicklung. Eine bewusste Entscheidung war es dagegen, drei Gruppen unter den Historikern bevorzugt zu behandeln, nämlich die Frauen, die sogenannten Chartisten und weitere frankophone Historiker, in erster Linie Belgier, Schweizer und Kanadier. Dem Lexikon verleiht das eine persönliche Note, ohne deswegen dem eigentlichen Ziel zu schaden, die französische Geschichtsschreibung in ihrer Gesamtheit darzustellen.

Allerdings ist Amalvis Absicht nicht nur, eine möglichst umfassende Übersicht zu geben, er will den Blick auch auf das Gemeinsame aller Historiker lenken, ihre Neugierde auf die Vergangenheit. Seiner Ausbildung nach Chartiste, neigt Amalvi dazu, Geschichte als Handwerk zu verstehen, als ganz unpolitische, unreligiöse und unphilosophische Arbeit. Ähnlich betrachten auch einige deutsche Forscher die Geschichtswissenschaft; sie sehen in ihr ein Metier mit bestimmten Regeln und Vorschriften, das schon immer auf die gleiche Art und Weise ausgeübt wurde. Einer solchen Sicht würden viele widersprechen, unter Verweis auf den wissenschaftlichen Fortschritt oder den Wechsel von Forschungsparadigmen. Aber lassen sich für die biografische Forschung nicht auch ganz andere Kriterien geltend machen? Oder anders gefragt, ist es nicht gerade das Interessante an der Historiografiegeschichte, zumal ihrer biografischen Variante, den Unterschieden zwischen den Historikern nachzuspüren? Ohnehin dürften die Gemeinsamkeiten eines Febvre und eines Lamartine oder eines Labrousse und eines Froissart recht gering sein, nicht zuletzt in politischer und religiöser Hinsicht. In einer seiner Leitfragen fragt dann auch Amalvi nach den persönlichen Überzeugungen der Historiker, ohne sich freilich darüber klar zu werden, dass er genau damit seine These vom Gemeinsamen aller Historiker in Frage stellt.

Die Autoren der einzelnen Beiträge haben indes mit grundsätzlicheren Problemen zu kämpfen. Vor allem fehlt es ihnen an biografischen Vorarbeiten. Das ist, wie eingangs erwähnt, ein generelles Manko der französischen Historiografiegeschichte. Zwar hat sie einige wohl erforschte Landstriche vorzuweisen, viel mehr aber noch unzählige weiße Flecken. Unter ebendiesem Missverhältnis leidet auch das vorliegende Lexikon. Während einige Historiker mit grundlegenden Beiträgen gewürdigt werden, bleibt eine große Zahl der Artikel viel zu sehr an der Oberfläche. So gesehen ist das Lexikon zugleich ein unbarmherziger Spiegel der Forschung - aber auch ein Appell an die Zukunft.

Viele der Beiträge, zumal die, die sich mit Historikern des 20. Jhs. beschäftigen, stützen sich mangels Forschungsliteratur oder anderer Quellen hauptsächlich auf Nekrologe. Nicht selten stimmen sie auch den gleichen sympathieerfüllten Ton an, schlimmer noch, sie verlassen sich auf die dort angegebenen Daten. Viel zu häufig entsteht so ein belangloses Bild, einige Jahreszahlen, ergänzt um eine Aufzählung der Lebensstationen und Werke sowie abschließend ein paar Worte der Würdigung, entsprechend den allgemein anerkannten Tugenden der Historikerzunft.

Dass sich solcherart gern Fehler einschleichen, zeigt auf typische Weise die Kurzbiografie zu Jean Bouvier. Anders als ihr Autor annimmt, war Bouvier nicht Schüler des Wirtschaftshistorikers Labrousse, sondern des inzwischen weitgehend vergessenen Religions- und Politikhistorikers Pouthas. Wie Bouvier im Rückblick schreibt, wäre es ihm als Betrug an der kommunistischen Sache vorgekommen, hätte er sich an den Sozialisten Labrousse gewandt; da ging er schon lieber zu einem Katholiken wie Pouthas. Dem Autor der Notiz wäre solch ein Fehler nie unterlaufen, hätte er seine recht dünne Quellenbasis um die Gattung der autobiografischen Schriften ergänzt. Einfach allerdings war seine Aufgabe trotzdem nicht; denn wissenschaftlich-kritische Texte zu Bouvier sind spärlich gesät.

Manche Ungenauigkeit und manches Unwissen lässt sich somit auch auf klaffende Forschungslücken zurückführen. Tatsächlich ist es nicht immer von Vorteil, wenn sich eine ganze Teildisziplin an der Beantwortung einiger großer Fragen versucht, der Kärrnerarbeit des Historikers und Biografen aber eher entzieht. Bei aller Kritik wäre es indes ungerecht, dem Historiker-Lexikon Amalvis keine Empfehlung auszusprechen. Es reicht vielleicht nicht heran an die ersten Versuche eines Christophe Charle, der für seine biografischen Notizen auch Archivalien heranzog; aber immerhin ist es ein nützliches Nachschlagewerk und zudem eine Pionierarbeit. Zusammen mit dem soliden Lehrbuch von Delacroix, Dosse und Garcia zu den historischen Strömungen im Frankreich des 19. und 20. Jhs., das nun in aktualisierter Auflage vorliegt, bildet es ein informatives Duo. Und wie dieses hätte es eine zweite, verbesserte Auflage verdient.

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C. Amalvi: Dictionnaire biographique des historiens français et francophones (Markus Bodler)
In: Francia-Recensio, 2008-4, 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
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Dokument zuletzt verändert am: 13.02.2009 00:04
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