M. Agulhon, A. Becker, É. Cohen (Hg.): La République en représentations (Angela Taeger)
Maurice
Agulhon (dir.), La République en représentations.
Autour de l’œuvre de Maurice Agulhon, Paris (Publications de la
Sorbonne) 2006, 432 S. (Histoire de la France aux XIXe
et XXe
siècles, 64), ISBN 978-2-85944-546-1, EUR 30,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Angela
Taeger, Oldenburg
Wer glaubte, nach Lektüre der zentralen Veröffentlichungen Maurice Agulhons, »Marianne au combat« (1979), »Marianne au pouvoir« (1989) und »Les Métamorphoses de Marianne« (2001), hinreichend informiert zu sein über Entstehung und Geschichte, Wesen und Wirkung der französisch-republikanischen Symbol- und Integrationsfigur schlechthin, der irrt. Historiographisch betrachtet ist Agulhon der erste Rang auf dem von ihm erschlossenen Feld nicht streitig zu machen: Er hat forschungsprogrammatisch und methodisch Pionierarbeit geleistet. Der herkömmlichen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit politischer Geschichte hat er neue Wege nicht nur aufgezeigt, sondern ist diese selbst etappenweise, schließlich flächendeckend abgeschritten. Über mehr als zwei Jahrhunderte, von 1792 bis in die Gegenwart, ist er der »imagerie et la symbolique républicaines«, so der Untertitel seiner empirischen Arbeiten, nachgegangen. Agulhon hat schulenbildend gewirkt; auf den Doyen einer Forschungsrichtung, die sich der Allegorisierung des Politischen allgemein, insbesondere der Bannerträgerin der französischen Republik widmet, geht das hier zu besprechende Buch zurück – in mehrfacher Hinsicht: Um den Nestor fanden sich Mitte Februar 2004 in Paris Forscherinnen und Forscher zusammen, um damit ihre Verbundenheit zu der von ihm initiierten Forschungsrichtung zu dokumentieren. Von dem Urheber der Mariannen-Forschung wurde die Tagung begleitet, kommentiert und zusammenfassend gewürdigt (Postface, S. 405ff.). Agulhon selbst hat bei der Publikation der Tagungsbeiträge mitgewirkt.
Nein, wer sich allein durch die Schriften des (Alt-)Meisters umfassend informiert glaubt, der erweist sich als vorschnell befriedigt oder genügsam. Das hebt der betroffene Geehrte in seiner Bilanz der Tagungserträge, gelegentlich allzu selbstkritisch, hervor. Nun liegt dies einerseits in der Natur der Sache, konkret: an dem Erkenntnisfortschritt, den eine kontinuierlich geführte wissenschaftliche Diskussion im Idealfall mit sich bringt. Wer kann sich schon den Verweis auf eigene, weiterführende Erkenntnisse entgehen lassen, liegen diese, bei weitgehend identischer Forschungsorientierung von anleitendem Vor- und gewissenhaft Nachdenkendem gemeinhin auch eher im Detail. Beiträge, die, den Vorgaben Agulhons basal verpflichtet, dessen Perspektiven lediglich um Nuancen verschieben oder erweitern, sind im ersten Teil des Buchs unter der Überschrift »La représentation en politique« versammelt. Andererseits heben die zur Teilnahme an der Tagung herausfordernden, sie vorab strukturierenden Fragen nachdrücklich auf die Ränder und mögliche respektive nötige Weiterungen des von Agulhon ursprünglich abgesteckten Claim ab, und die große Mehrheit der Beitragenden setzt sich – programmgemäß – weniger mit Desideraten der Agulhon’schen Forschung, als mit Variationen seines Forschungsansatzes auseinander. Die mit Abstand größte Resonanz fand die Frage nach der Ausbaufähigkeit und dem Ertrag interdisziplinärer, die Politikgeschichte und die Kunstgeschichte zusammenführender Studien (Kapitel »Figures, symboles et représentations« und »Marianne et l’histoire d’art«). Abstrakt, die heuristische Seite solcher Unternehmungen beleuchtend, mochte sich zwar niemand ausführlich einlassen, die Breite des Objektbereichs bereits laufender einschlägiger Analysen (Denkmäler, Schulbücher, Karikaturen, Postkarten, Werbeplakate) spricht jedoch für große Potentiale und hohe Produktivität in diesem Bereich. Ob denn die Mariannen – Forschung auch etwas für die Frauengeschichte und zur Geschlechterproblematik hergebe, fragten die Organisatorinnen der Tagung – eines vielstimmigen Echos gewiss. Neben Marianne, speziell der von Agulhon ausführlich gewürdigten, kommen im vierten Kapitel (»Marianne et le Gender«) einige Marien und andere Jungfrauen, aber auch betont kämpferische Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts, Athene etwa oder Jeanne d’Arc, sowie das Mariannen-Pendant jenseits des Rheins, die Germania, zur Sprache. Schließlich sollte die Tagung Klarheit in der Frage schaffen, ob international vergleichende Forschungen zur politischen Symbolik erhellend seien. Unter der vagen Überschrift »Marianne et le Monde« finden sich nur vier Beiträge. Deren inhaltliche und methodische Heterogenität macht deutlich, dass es sich hier um eine noch im Aufbau befindliche Forschungsrichtung handelt.
Dies und das »autour de l’œuvre de Maurice Agulhon«. Der für Assoziationen, für Referenzen und Ergänzungen den Beteiligten an der Tagung freigegebene Raum um das Werk des spiritus rector ist großzügig, ja, so weit bemessen, dass sein Mittelpunkt zuweilen aus dem Blick gerät.
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