C. Wenzler, H. Champollion: Abbayes et monastères de la France médiévale (Wolfgang Peters)
Claude Wenzler, Hervé Champollion, Abbayes
et monastères de la France médiévale, Paris (Éditions de Lodi)
2005, 304 S., ISBN 2-84690-237-2, EUR 38,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Wolfgang Peters, Köln
Der vorl. Bildband, gestaltet von Cl. Wenzler (Texte) und H. Champollion (Fotos), führt den Leser und Betrachter in die Welt des Mönchtums im mittelalterlichen Frankreich. Der Lebensraum dieses Mönchtums waren die Klöster. Es waren Stätten der Weltentsagung, des Gebetes, der Stille, der Askese und des Gehorsams, aber auch der Wissenschaft und der körperlichen Arbeit. Bestimmt sind Klöster für ein nach strenger Regel geordnetes Leben. Ein Kloster ist demnach sichtbarer Ausdruck dieser Ordnung, seine Bauten erhalten von ihr erst ihre Funktion. In der klösterlichen Baukunst haben die Mönche über Jahrhunderte hinweg Gewaltiges geleistet. Die prachtvollen Farbfotos des vorl. Bildbandes mit ihren beeindruckenden Zeugnissen monastischer Architektur lassen diese mittelalterliche Klosterwelt in Form einer zum Vergleich einladenden Zusammenschau geradezu wieder erstehen. Im Zentrum des Bandes steht ein alphabetisch aufgebauter Bildkatalog, in dem 48 Klöster vorgestellt werden (S. 108–284). Die einleitenden Texte sind knapp, manchmal allzu knapp gefaßt und informieren mosaikartig über Lage, Gründung und Geschichte des jeweiligen Klosters sowie die erhalten gebliebene historische Bausubstanz. Im Folgenden soll dies an einigen Beispielen veranschaulicht werden. Beginnen wir mit Saint-Martin-du-Canigou, im Roussillon gelegen, in der Bergeinsamkeit des Canigou-Massivs Anfang des 11. Jhs. gegründet, dessen wuchtige Bauanlage die vordere Einbandseite des Bildbandes schmückt. Das aus der Vogelperspektive aufgenommene Foto beeindruckt tief, läßt es doch inmitten der Schroffheit der Bergwelt die wagemutige Bauleistung der Mönche auf einem Felsvorsprung in 1100 m Höhe umso deutlicher hervortreten. Anhand von vier Aufnahmen wird das Kloster vorgestellt (S. 234–237). Die Abbildungen zeigen den Innenraum der Oberkirche (11. Jh.), den Kreuzgang (Doppelseite) und Kapitelle des Kreuzgangs (in Einzelaufnahme). Es fehlt ein Blick in die Unterkirche (ebenfalls 11. Jh.). Nach Burgund führt der Abschnitt über das Kloster Vézelay (S. 276–279), im Mittelalter eine wichtige Pilgerstation auf dem Weg nach Santiago de Compostela, aber auch selber ein bedeutendes Wallfahrtszentrum mit dem Grab der hl. Maria Magdalena. Die Kunstgeschichte hat immer schon anerkannt, daß der Bau der Kirche eines der schönsten Beispiele romanischer Architektur und die Reihe der Kapitelle und Tympana neben Autun das großartigste Ensemble mittelalterlicher Bauskulptur darstellt. Diese Ergebnisse werden durch die Fotos überzeugend veranschaulicht. Gezeigt werden das Tympanon des Hauptportals (um 1130) mit Blick zum Chor, das Langhaus nach Osten und der Narthex. Von den vielen sehenswerten Kapitellen sind leider nur zwei (eins davon im Einleitungsteil S. 41: »Die mystische Mühle«) abgebildet. Positiv zu vermerken bleibt, daß durch zwei Fotos auch die besonders schöne Lage der Kirche auf dem Hügel über der Cure eingefangen wird: die kleine mittelalterliche Stadt, die sich den Bergrücken hinaufzieht, und die Offenheit der Landschaft, die vollkommen unberührt, soweit das Auge schauen kann, in einer Wellenbewegung von sanften Hügeln und grünen Tälern einen Eindruck der Harmonie und Ruhe vermittelt.
Unbefriedigend bleiben leider die Bilder, die von Frankreichs bedeutendsten Abteien vermittelt werden. Die Benediktinerabtei Saint-Remi in Reims ist lediglich mit drei Fotos vertreten (S. 216f.; dazu noch im Einleitungsteil S. 52 Abb. eines Kapitells). Die Abtei ist an historischem Prestige durchaus mit Saint-Denis zu vergleichen. Sie ist die Begräbniskirche des hl. Bischofs Remigius, der den Frankenkönig Chlodwig gesalbt hat, wofür ihm nach der Legende eine Ampulle mit Salböl vom Himmel zugetragen wurde. Im 12. Jh. entstand durch die Erbauung eines neuen Sanktuariums und einer neuen Westfassade ein Bauwerk von hohem Rang, das aber leider nur unzureichend dokumentiert wird. Es bleibt bei Abbildungen von der Chorapsis (im Kleinformat) und der Westfassade, dazu einem pflichtgemäßen Blick ins Innere der Kirche, auf eine der Sanktuariumswände. Ähnlich ergeht es Saint-Denis, das im Grunde nur mit einer respektablen Innenaufnahme vertreten ist. Geht man von der Anzahl der Abbildungen aus, dann gehört der Mont-Saint-Michel zu den Favoriten des Fotografen (S. 200–207; weitere Abbildungen S. 4, 67, 80, 83). Das großartige doppelseitige Foto S. 202f. läßt die einzigartige Lage des Klosters auf der Insel Mont-Tombe, einem schroffen Granitfelsen von 80 m Höhe im Wattenmeer, sichtbar werden. Zwischen 1212 und 1228 entstand hier am Nordhang des Felsens die »Merveille«, die zu Recht als eines der schönsten und eindrucksvollsten Beispiele der gotischen Profanarchitektur gilt. Aus diesem Gebäudeensemble werden präsentiert: das Refektorium der Mönche (S. 83) und der Rittersaal, von drei Reihen gedrungener Säulen in vier Schiffe untergliedert (S. 206f.). In Wirklichkeit diente dieser Saal, der größte der »Merveille«, wohl eher als Skriptorium und Wärmeraum der Mönche. Der Kreuzgang, dessen Feinheit und Eleganz schon so oft gepriesen worden ist, kommt leider in einer halbseitigen Aufnahme in seiner Wirkung nur eingeschränkt zur Geltung. Beeindruckend dagegen die Abbildung des spätgotischen Chors der Abteikirche (S. 205), die nicht nur die Architektonik des Raums präzise dokumentiert, sondern ihn zugleich in mystische Sphären hüllt. Der Bildband wird beschlossen mit einem nützlichen Glossar, das hilfreich historische und kunsthistorische Fachbegriffe erklärt, einem Ortsregister und bibliographischen Hinweisen, die ruhig etwas reichhaltiger hätten ausfallen können. Ganz anders dagegen die Einleitung des Bandes (S. 9–106), in der über die Anfänge des abendländischen Mönchtums, die wichtigsten mittelalterlichen Orden, die Strukturen des mönchischen Lebens und vor allem über die bauliche Anlage des Klosters und die Funktion der einzelnen Klostergebäude kurz und anschaulich informiert wird. Wer sich auf diesen opulenten Bildband einläßt, darf nicht nur schöne Augenblicke des Verweilens genießen, er erhält darüber hinaus auch einen fundierten Einblick in den Beitrag Frankreichs zur Klosterbaukunst des Mittelalters.
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