B. Schnerb: Jean sans Peur (Holger Kruse)
Bertrand Schnerb: Jean sans Peur. Le prince
meurtrier, Paris (Éditions Payot & Rivages) 2005, 825 S.
(Biographie Payot), ISBN 2-228-89978-X, EUR 30,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Holger Kruse, Kiel/Norderstedt
Johann Ohnefurcht, der zweite burgundische Herzog aus dem Haus Valois, hat in Frankreich seit langem einen schlechten Ruf. Spätestens Jules Michelet hat in seiner »Histoire de France« das Bild des selbstsüchtigen, unpatriotischen »Mörderfürsten« geprägt. Für die nationalfranzösische Geschichtsschreibung waren die Burgunderherzöge bis weit in das 20. Jh. hinein eben die Feinde der Krone. Doch das Bild hat sich gewandelt. So sah bereits Paul Bonenfant in Johanns Sohn Philipp dem Guten in erster Linie einen französischen Fürsten, während andere Historiker ihn, der älteren Ansicht Henri Pirennes folgend, vor allem als Imperii Belgici [i. e.: der alten Niederlande] conditor vereinnahmen wollten. Dass auch Johann selbst sich als französischen Fürsten sah, dieser vor allem in Belgien gereiften Erkenntnis möchte Schnerb nun auch in Frankreich zum Durchbruch verhelfen. Einleitend bietet er einen kurzen Überblick über die Beurteilung des Herzogs durch verschiedene französische Historiker. Zutreffend stellt er fest, dass die erste Biographie dieses Herzogs, die den Namen verdient, von einem Engländer stammt, von Richard Vaughan (11966).
Am 28. Mai 1371 in Dijon als erstes Kind Philipps des Kühnen, seit 1363 Herzog von Burgund, und der Margareta von Male, Erbin von Flandern, Artois, Rethel, Nervers und der Freigrafschaft Burgund, geboren, wurde Johann am 5. Juni getauft: Bereits hier zeigt sich der Reichtum der burgundischen (Rechnungs-)Quellen: Man erfährt nicht nur, wer die Paten waren, sondern kennt auch den Namen des Priesters oder der Hebamme, erhält Informationen über Geschenke an Spielleute, über die Feierlichkeiten, über religiöse Stiftungen usw. Auch die »entourage«, die persönliche Umgebung des jungen Fürstensohnes, lässt sich in vielen Einzelheiten rekonstruieren: Zur Amme und zur Gouvernante trat im Laufe der Zeit weiteres, namentlich bekanntes Personal hinzu. Bald hielt man für die Versorgung des Kindes mit Milch eine kleine Herde Kühe. Mit sechs Jahren bekam Johann sein erstes eigenes Pferd. Sehr früh begannen die religiöse Erziehung und die Schulausbildung, die ab 1378 auch die Vermittlung der niederländischen Sprache umfasste. Bereits im Alter von 14 Jahren wurde er mit Margareta, der Tochter Albrechts von Bayern, des Regenten von Hennegau, Holland und Seeland vermählt, während gleichzeitig seine Schwester Margareta dem Bruder der Braut Wilhelm von Bayern angetraut wurde.
Es folgen die ersten Schritte des Fürstensohns in die Politik. Und die politischen Ereignisse bleiben im Folgenden das entscheidende Gliederungselement. Zunächst werden die Ereignisse bis zum Frieden von Chartres (1409) dargelegt, dann werden ausführliche Informationen zum Hof und zur Hofkultur geboten, bevor der Faden der politischen Geschichte bis zum Tod des Fürsten wieder aufgenommen wird. Schnerb ist sich bewusst, dass es für einen einzelnen Historiker unmöglich ist, die immense Menge der Quellen der Zeit Johanns vollständig zu durchforsten. Außerdem hat er die institutionellen Grundlagen des burgundischen Staates selbst bereits ausführlich behandelt (L’État bourguignon, 1999). Er will seinen Schwerpunkt daher auf die »aspects humains« legen (S. 16). Leider gelingt dies nicht im erhofften Maße. Vielmehr bietet Schnerb auf weiten Strecken eine sehr politische Biographie, ja eine politisch-chronologische Geschichte der Zeit aus burgundischer Sicht. Die Darstellung ist in der Regel außerordentlich detailliert, bietet aber auch Informationen, die man in einer Biographie für verzichtbar halten könnte. So werden gleich eingangs im Rahmen der Schilderung des Zuges Johanns nach Nicopolis (1394-1398) einerseits interessante Details über seine ritterliche Ausbildung mitgeteilt, andererseits aber auch lange Ausführungen über europäische Kreuzzugspläne, Geldbeschaffung, den Aufmarsch der Truppen vor Nicopolis oder die Schlacht geboten, die den Rahmen einer Biographie sprengen.
Die Schlacht von Nicopolis geriet für das christliche Heer bekanntlich zum Desaster. Das Schicksal der Gefangenen, die Verhandlungen über den Freikauf Johanns sowie die Beschaffung des Lösegeldes von 200.000 Dukaten (= 710 kg Gold) bei italienischen Kaufleuten können detailreich rekonstruiert werden. Johann galt in der Folgezeit trotz der Niederlage als Kreuzzugsheld. Einige der befreiten Gefangenen von Nicopolis wurden zu seinen wichtigsten Räten. Nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft erhielt Johann einen unabhängigen Haushalt, den Schnerb z. T. aus den Rechnungen rekonstruieren kann.
Bei seinem Herrschaftsantritt fand Johann beträchtliche Schulden vor. Vor allem der König war seinem Vater große Summen schuldig geblieben. Schon deshalb und weil mit dem Tod Philipps die Pensionszahlungen des Königs endeten, musste Johann alles daransetzen, die vormals beherrschende Stellung seines Vaters am Königshof für sich zu erringen. Am Hof aber war jetzt Ludwig von Orléans, der schon von Philipp als Verschwender angeschwärzte Bruder des geisteskranken Königs, tonangebend. Die folgenden innenpolitischen Verwicklungen, die schließlich in der Ermordung Ludwigs einen ersten Höhepunkt fanden, beschreibt Schnerb in allen Einzelheiten. Dabei liefern vor allem die burgundischen Rechnungen immer wieder interessante Details, etwa dass ein groß vorbereiteter Zug Johanns gegen Calais im Frühjahr 1406 nicht deswegen abgeblasen wurde, weil der König den Zug plötzlich verboten habe, wie Monstrelet behauptet, sondern weil Johann die finanziellen Mittel fehlten und er wohl wegen der laufenden Verhandlungen über ein Handelsabkommen zwischen England und Flandern auch nicht wirklich an dieser Auseinandersetzung interessiert war (S. 197).
Großen Raum nimmt sodann die Ermordung Ludwigs von Orléans mit ihren Folgen ein. Schnerb unterstreicht, dass es sich nicht um eine Kurzschlusshandlung handelte, sondern dass die Tat von langer Hand vorbereitet war. Die Täter konnten sich an den burgundischen Hof in Sicherheit bringen. Ausführlich wird dann die Rechtfertigung der Tat durch die burgundische Seite behandelt, die ihren Höhepunkt in der berühmten Apologie des Tyrannenmordes des Jean Petit fand. Der Erfolg der Propagandamaßnahmen, eine siegreiche Schlacht gegen die Lütticher bei Othée (23. Sept. 1408), in der sich Johann seinen Beinamen verdiente und die sogleich zum Gottesurteil umgedeutet wurde, und schließlich der Tod der Valentina Visconti, der Witwe Ludwigs von Orléans, der eine erzwungene Vergebung der Mordtat durch die Kinder des Ermordeten ermöglichte, führten dazu, dass Johann am Ende des Jahres 1408 auf dem Höhepunkt seines Einflusses im Königreich stand. An dieser Stelle unterbricht Schnerb seine Schilderung der politischen Geschichte und beginnt etwas unvermittelt, sich der Umgebung des Herzogs zuzuwenden. Beginnend mit dem Kanzler bietet er teilweise recht ausführliche Angaben zu den wichtigsten Personen am Hof. Genannt werden Adlige, gelehrte Juristen, Theologen und Finanzfachleute, deren Namen mangels überlieferter Hofordnungen mühsam aus Rechnungen und anderen Quellen ermittelt werden mussten.
Für die Rekonstruktion des hôtels, des Haushalts des Herzogs, kann Schnerb auf eine ungedruckte »Mémoire« von M. Gevaert (Uni Gent, 1979) zurückgreifen. Beachtenswert ist vor allem der Befund, dass ein sehr großer Teil derjenigen Personen, die die Rechnungen als Kammerherren, Hofmeister, Schenken usw. bezeichnen, diesen Titel nur ehrenhalber verliehen bekommen hatten und dem Haushalt nicht wirklich angehörten. Ansonsten lässt es Schnerb in der Regel zu jedem Amt bei Zahlenangaben und einigen knappen Bemerkungen zu den Aufgaben beruhen. Ihrer Herkunft nach stammten die Amtsträger meist aus den Landen des Herzogs, einige aus Grenzgebieten wie Pikardie und Boulonnais. Es gab aber auch einige Bretonen sowie Ausländer, darunter 4 Böhmen sowie einige Iberer und Italiener. Nicht überraschend ist der Befund, dass es auch im hôtel Johanns eine Neigung zum Nepotismus gab, dass Verwandtschaft unter Amtsträgern nicht eben selten war. Versorgt wurde das Personal in Naturalien bzw. über Gagen, die, wie Schnerb zu Recht feststellt, allerdings kein Gehalt waren, sondern nur eine Verpflegungspauschale. Die eigentliche Entschädigung für den Dienst erfolgte über Zahlungen aller Art, allen voran Pensionen und Geschenke. Auch an die Altersversorgung nachgeordneter Amtsträger dachte bereits Johann ebenso wie später sein Sohn (vgl. Kruse, Der burgundische Hof, in: Francia 29/1, 2002).
Exemplarisch folgt eine Schilderung der Karriere des Philippe Munier gen. Jossequin. Die Lebensgeschichte und der folgende tiefe Fall dieses Günstlings sind unzweifelhaft interessant, hätten aber ebenso als gesonderter Aufsatz veröffentlicht werden können wie die Beschreibung eines Skandals um den »Raub« einer Hofdame, der im folgenden Kapitel über die Frauen am Hof ausgebreitet wird.
Nach einem Blick auf das geistliche Personal folgen Betrachtungen über die Frömmigkeit bei Hofe – Johanns religiöse Praxis überstieg das von der Kirche Geforderte bei Weitem –, über das intellektuelle und kulturelle Leben – Johann war Liebhaber von Büchern, bestellte Kunstwerke, ließ Bücher kopieren, hatte eine bedeutende Bibliothek, konnte aber aus Geldmangel nicht mit seinem Vater oder seinem Onkel Johann von Berry konkurrieren –, über sein Interesse für Alchimie, Astronomie und Wahrsagerei, über Malerei und Wandteppiche. Als besondere Leidenschaft des Herzogs wird schließlich die Jagd ausgemacht. Auch hier bieten die Rechnungen und andere Quellen interessante Angaben. Allein eine Jagdordonnanz aus dem Jahr 1405 nennt 94 Jagdhunde für verschiedene Verwendungen. Interessanterweise zeigte Johann eine gewisse Vorliebe für die Jagd auf Wölfe. Dabei betrachtete er sich einerseits als Beschützer seiner »pauvres sujets«, andererseits hatte Ludwig von Orléans den Wolf zu seinem Emblem gewählt, eine unglückliche Wahl (S. 480). Entgegen weitläufiger Ansicht war Johann nach Schnerb weder missmutig noch finster. Vielmehr herrschte an seinem Hof fröhliches Treiben mit Musik, Tanz und anderen Vergnügungen. Die Ausgaben hierfür haben in den Rechnungen ihre Spuren hinterlassen. Schnerb kann eine lange Liste von Festen und Turnieren bieten.
Nach diesem langen Blick auf den Hof (Kap. 20–32) wendet sich die Darstellung wieder der politischen Geschichte zu. Die Grundzüge dessen, was jetzt folgt, kann man in jeder Geschichte Frankreichs nachlesen. Deshalb erübrigt es sich hier, näher auf die Wirren der folgenden Jahre, das Hin und Her zwischen »Bourguignons« und »Armagnacs«, einzugehen. Schnerbs Darstellung ist jedenfalls detailreich, und sie versucht, Johanns Handlungen zu erklären und nicht zu verurteilen. Der Herzog wollte das Königreich und vor allem dessen Finanzen reformieren. Von dem Vorwurf, für die Niederlage von Azincourt durch sein Fernbleiben vom Heer mitverantwortlich gewesen zu sein, wird Johann freigesprochen. Auch Elisabeth von Bayern (Isabeau de Bavière), der vor allem in älteren Darstellungen ein durchaus zweifelhafter Charakter zugeschrieben wurde, behandelt Schnerb mit der gebotenen Nüchternheit. Bekanntlich wurde Johann am 10. September 1419 vom Gefolge des Dauphin Karl auf der Brücke von Montereau ermordet. Mit der Darstellung der Tat, der Überführung und Beisetzung des Leichnams in Champmol sowie einem kurzen Blick auf die politischen Folgen dieses Mordes endet das Buch.
Insgesamt kommt Schnerb zu einem recht ausgewogenen Urteil über Johann ohne Furcht. Teilweise dreht er dabei die traditionelle Sichtweise geradezu um. So wenn er den Mord am Herzog von Orléans damit zu erklären versucht, dass Johann sich von seinem Gegenspieler derart bedroht gefühlt habe, dass er ihn schließlich ermorden ließ. Das Buch ist aus reichen Quellen geschöpft, hätte an manchen Stellen aber gekürzt werden können. Äußerst bedauerlich ist, dass dem Werk nur ein Auswahlindex beigegeben ist. Das reiche Material, das Schnerb zu einer Unzahl von Personen, nicht selten im Umfang einer Kurzbiographie, zusammengetragen hat, bleibt so nicht dauerhaft nutzbar, weil es nicht auffindbar ist.
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