P. Riché: Grandeurs et faiblesses de l'Eglise au Moyen Âge (Stefan Burkhardt)
Pierre Riché, Grandeurs et faiblesses de
l’Église au Moyen Âge, Paris (Les Éditions du Cerf) 2006, 334 S.
(Histoire), ISBN 2-204-07738-0, EUR 28,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Stefan Burkhardt, Heidelberg
Auf den ersten Blick scheint das Vorhaben vermessen, 1500 Jahre Kirchengeschichte auf etwas mehr als 300 Seiten behandeln zu wollen. Pierre Riché ist es jedoch gelungen, eine ausgewogene Überblicksdarstellung vorzulegen, die den Leser durch Höhen und Tiefen der kirchlichen Entwicklung leitet. Mit dem genannten Umfang ist das Buch angenehm leicht, aber kein Leichtgewicht. Ein bestimmtes Grundwissen und die Fertigkeit, Quellenstellen und Gedankengänge der Sekundärliteratur auch ohne exakte Zitation aufzufinden, werden von Riché vorausgesetzt. Dennoch ist das Werk auch als Einführung gut geeignet. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass der Autor das Thema aus immer neuen Perspektiven betrachtet und die verschiedenen Ansätze – wie etwa politische Geschichte, Strukturgeschichte und Geistesgeschichte – in einer klar verständlichen Sprache nahtlos zu verbinden weiß.
Dabei gliedert der ausgewiesene Kenner der Materie – Emeritus der Universität Paris X-Nanterre und dem deutschsprachigen Publikum vor allem als Autor von Werken über die Karolinger ein Begriff – seinen Text in fünf größere Kapitel, die gleich den Bögen eines Kirchenbaus den weiten Raum ebenmäßig überspannen, während in den jeweiligen Unterkapiteln einzelne Themenbereiche dem farbigen Licht der Kirchenfenster ähnlich aufscheinen.
Das erste Kapitel trägt den bezeichnenden Titel »L’Église passe aux Barbares«. Nach einer Ergründung der reichskirchlichen Strukturen in der verblassenden Spätantike und der Schilderung der Schwierigkeiten, die sich aus den Wellen der »invasions« ergaben, wendet sich Riché der Darstellung der kirchlichen Offensive, der »évangélisation«, zu. In drei weiteren Unterkapiteln betrachtet er die Rolle, die Bischöfe, Mönchtum und Päpste in diesem Prozess spielten. Das zweite Kapitel widmet sich dem Themenbereich »L’Église et les princes carolingiens«. Während sich die ersten Unterkapitel mit der Rolle der fränkischen Herrscher beschäftigen, leitet die Darstellung des Zusammenwirkens von Bischöfen und Päpsten zu einer eher sozial- bzw. kulturgeschichtlich orientierten Analyse in den folgenden Abschnitten über. Insbesondere das Unterkapitel »Les lumières de l’Église carolingienne« eröffnet eine reizvolle Perspektive auf die zivilisatorische Wirkung, die eine sich verfestigende Pastoralorganisation entfalten konnte.
Kapitel drei behandelt »Difficultés et crises de l’Église« im 10. und 11. Jh., also jenes Zeitalters, das man mitunter gerne unter das Signum des »ottonisch-salischen Reichskirchensystems« stellte. Indem Riché jedoch eine gleichsam »gesamteuropäische« Perspektive wählt, relativiert, aber akzentuiert er auch diesen deutschen »Sonderweg« der Strukturen einer kirchlich-weltlichen Symbiose. Darüber hinaus finden in den anderen Unterabschnitten dieses Kapitels wieder kulturelle Phänomene – wie die neu erstarkenden Themenkomplexe »Frieden« und »Heiligkeit« – Berücksichtigung. Mit dem vierten Kapitel erklimmt der Leser den »Apogée de l’Église médiévale«. Ausführlich werden die zu theokratischen Tendenzen führenden Reformbemühungen und ihre politischen Implikationen geschildert, die von Innozenz III. bis zu Bonifaz VIII. führten. Die andere, weniger glanzvolle Seite dieser theokratischen Medaille stellte jedoch die über Ausgrenzung bis mitunter zur Vernichtung reichende, abnehmende Integrationsfähigkeit der Papstkirche dar, die Riché bildhaft im Unterkapitel »Les quatre cavaliers de l’Apocalypse« (Juden, Häretiker, Kreuzzüge und Weiblichkeit) bannt.
Im letzten Kapitel folgt eine Darstellung der Epoche »De la fin de la théocratie à la fin de la chrétienté médiévale«. An den großen Marksteinen dieses Zeitalters – der »babylonischen Gefangenschaft« des Papsttums in Avignon, dem Großen Abendländischen Schisma und dem stark an Bedeutung gewinnenden Konziliarismus – vorbei leitet Riché in eine konzise Schilderung der kraftvoll hereinbrechenden vergeistigt-geistlichen Erneuerungsbewegung, der »nouvelle spiritualité«, über. Mit der Rückkehr des Papstes nach Rom endet dieser Gang durch die mittelalterliche Kirchengeschichte. Den Band selbst beschließen anstelle eines Anmerkungsapparates eine kapitelbasierte, knappe Auswahlbiographie und ein Personenregister.
Sicherlich kann Riché auf dem begrenzten Raum nicht alle Themenbereiche, geschweige denn Forschungsdiskussionen und abweichende Meinungen ausführlich referieren. Ein solches Vorhaben hätte aber auch eine ganz andere Form erfordert und möglicherweise der harmonischen Gesamtheit der kaum in einem Band unterzubringenden Einzelteile geschadet und den Leser davon abgehalten, das Buch immer wieder gerne zur Hand zu nehmen. Als Einführung und eine der konzisesten auf dem Markt befindlichen Überblicksdarstellungen zur mittelalterlichen Kirchengeschichte ist dem Buch der Weg in die Literaturlisten herzlich zu wünschen.
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