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B. P. McGuire: Jean Gerson and the Last Medieval Reformation (Jürgen Miethke)

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Brian Patrick McGuire, Jean Gerson and the Last Medieval Reformation

Francia-Recensio 2008/4 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Brian Patrick McGuire, Jean Gerson and the Last Medieval Reformation, Pennsylvania (Pennsylvania State University Press) 2005, XVI–441 S., 17 Abb., ISBN 0-271-02706-1, USD 30,00.

rezenziert von/compte rendu rédigé par

Jürgen Miethke, Heidelberg

B. McGuire, Professor an der Universität von Roskilde und am Center for Medieval Studies in Kopenhagen, hat sich schon häufiger mit Fragen der mittelalterlichen Spiritualität, mit Mystikern und Autoren der monastischen Frömmigkeit beschäftigt. Auch zu Jean Gerson hat er bereits mehrere Studien vorgelegt, u. a. auch einen Band mit englischen Übersetzungen der Frühschriften Gersons (Jean Gerson, Early Works, transl. B. P. McGuire, New York 1996); für 2006 ist bei Brill einer der in der angelsächsischen Welt so beliebten »Companions« zu dem bedeutenden Theologen des 15. Jhs. unter seiner Herausgeberschaft erschienen (A Companion to Jean Gerson, Leiden 2006). Bereits in den ersten Zeilen des Vorworts (S. XI) teilt der Verfasser mit: »Using the life-and times formula and avoiding any fashionable theoretical approach, I have sought to place Gerson within the context of his age«. Natürlich hat dieses Programm den Autor nicht der methodischen Überlegung enthoben, wie er sich seinem Gegenstand nähern solle. Er entschied sich, vor allem die reiche schriftliche Hinterlassenschaft Gersons heranzuziehen, seine Briefe, seine Traktate, seine Predigten und Gedichte in lateinischer und in französischer Sprache, die von Palémon Glorieux (1960–1973) in 11 stattlichen Bänden weniger kritisch ediert als gesammelt vorgelegt worden sind. Aus dieser Binnenperspektive, die eher das »Leben« als die »Zeiten« des Helden zu schildern erlaubt, werden hier die zeitgenössischen Erfahrungen in den Langzeitstrukturen und in den dramatischen Wendungen (wie dem Hundertjährigen Krieg, dem Großen Abendländischen Schisma und dem Konstanzer Konzil) gewertet, immer wieder fragt das Buch hartnäckig und hellhörig die Texte Gersons abklopfend nach der Zeitgenossenschaft Gersons und seinen feststellbaren Aktivitäten und Stellungnahmen in seiner Umwelt, die dann ihrerseits vor allen im Verweis auf wichtige andere Forschungen angeleuchtet wird. Dieses Vorgehen führt naturgemäß zu einer gewissen Dramatisierung des Lebenslaufes, auch wo eine wirklich dramatische Wende nicht unbedingt in die Augen springt. Die möglichen Brüche oder doch die – bisweilen nur vermuteten – Scharnierstellen der Biographie werden hier zwangsläufig stärker beachtet und entsprechend unterstrichen.

Die Kapitelgliederung folgt den Lebensabschnitten chronologisch. Kindheit und Jugend, Studium und erste Schriften, dann in Epochenschnitten einander folgend: 1394/1399, 1399/1400, 1400/1403, 1403/1408, 1409/1415, 1415/1418, 1418/1429, überschrieben mit knappen Charakteristiken, die sich allesamt auf die Innenperspektive Gersons beziehen (z. B. »Guiding and Controlling, 1403–1408«, S. 159–196, wo insbesondere der Kampf gegen die Tyrannenmordschrift des Jean Petit berichtet wird; oder besonders bezeichnend: »Losing Control and Finding a Loving Man, 1409–1415«, S. 197–239, wo das Konstanzer Konzil im Mittelpunkt stehen muss), schließlich ein zusammenfassendes Kapitel: »The Legacy of Jean Gerson«. In dichter Folge werden ausführlich die Äußerungen des Pariser Theologen referiert, belegen seine erbaulichen, didaktischen, asketischen Traktate und Predigten, mit denen er seine Zuhörer und Leser zu einem frommen Leben aufrief, den inneren Zustand ihres Autors (bisweilen bei aller Vorsicht doch recht spekulativ, wenn etwa öfter das topische »Ich kenne einen Mann, der…« als Selbstbekenntnis des Predigers genommen wird). Die Schriftstücke werden nach Möglichkeit und nach den Ergebnissen der vorliegenden Literatur chronologisch eingeordnet, ohne freilich im einzelnen die Argumente für solche Einordnung ausdrücklich zu nennen oder gar zu diskutieren. Sorgfältig findet man hier auch Anhaltspunkte für das jeweilig adressierte Publikum verzeichnet, so dass Gersons Umwelt sichtbar bleibt. Mit breitem Pinsel und großer Geduld wird das ausgemalt. Bei diesem Verfahren wird der Leser unvermeidlich verschiedenen Sachbetreffen mehrmals in unregelmäßigen Abständen begegnen, haben sie doch Gerson verschiedentlich und unvorhersehbar unterschiedlich beschäftigt. Vorteil dieses Vorgehens ist eine feinere Nuancierung seiner durchaus unterschiedlichen Positionen nach Zeit und Umständen, Nachteil die Unübersichtlichkeit des entstehenden Bildes.

Auf diese etwas umständliche Weise erfahren wir etwa von der Entwicklung der vorsichtigen Haltung Gersons zu dem von ihm immer wieder beklagten Schisma. Zunächst lehnte er jeglichen Zwang gegen den (eigenen avignonesischen) Papst Benedikt XIII. ab und hielt strikt an der via cessionis fest, die er theoretisch zunächst den Päpsten beider Obödienzen abverlangte. Eine respektable Position, doch, wie sich immer deutlicher zeigte, kein politisch erfolgversprechender Weg. Die an der Pariser Universität und am französischen Königshof entwickelte Radikalisierung dieses Programms zu einer via subtractionis oboedientiae (die alle Päpste, auch den der eigenen Partei, gewissermaßen aushungern wollte, um sie zur Zession zu bewegen) machte Gerson zunächst nicht sichtbar mit, kritisierte dieses Programm vielmehr mehrfach und hielt sich auch vorsichtig abseits der Pariser Klerusversammlungen. Dem Drängen seiner radikaleren Humanistenfreunde (wie Nicolas von Clamanges) oder seiner theologischen oder kanonistischen Kollegen (wie Jean Courtecusse oder Simon de Cramaud) wollte der wichtige Amtsträger der Universität nicht selbst entsprechen. Freilich hatte er persönlich in Paris auch nur eine sehr schwache Position: er besaß keine seinem Amt entsprechende Pfründe, wohnte zunächst weiterhin im Collège de Navarre und lässt sich in den Quellen (abseits seiner lange Zeit vergeblichen Bemühungen um eine auskömmliche Versorgung) nicht allzu häufig wiederfinden. Auch das ist zeittypisch, was bei McGuire nicht allzu deutlich wird. Selbst an dramatischen Entscheidungen seiner Universität hat sich ihr Kanzler nicht sichtbar beteiligt – und weil in seinen Schriften nicht belegt, wird davon hier auch nicht berichtet. Von Gerson ist etwa unter den 293 namentlich und eigenhändig unterzeichneten cedulae aus dem Hochsommer des Jahres 1398, auf denen Pariser Kleriker ihre Stellungnahme zur Subtraktionsfrage für den königlichen Hof in großer Vielfalt schriftlich niedergelegt haben, kein eigenes Statement erhalten (vgl. Hélène Millet, Emmanuel Poulle, éd., Le vote de la soustraction d’obéissance en 1398, Bd. 1, Paris 1988). Das hätte vielleicht doch Erwähnung verdient! Wir werden auch ausführlich über die nicht erfolgreichen Reformaktivitäten Gersons am Orte seiner zunächst wichtigsten Pfründe als Dekan des Kollegiatstifts St. Donatien in Brügge (die er dem Herzog von Burgund verdankte) informiert und über die Schwierigkeiten und Hindernisse, auf die seine Bemühungen um Ordnung und Gottesdienst, moralische Sauberkeit und nachprüfbare katechetische Korrektheit stießen (S. 97–102). Gerson blieb aber Paris nicht längere Zeit fern. Anderthalb Jahre später finden wir ihn hier wieder, beschäftigt vor allem mit moraltheologischen Traktaten, Predigten und Ermahnungen seiner Zuhörer und Briefempfänger (darunter seiner Geschwister). Gerson schärft unermüdlich ein rigides christliches Lebensprogramm ein. Der Sexualmoral und fromme Lebenspraxis seiner sechs Schwestern glaubte er mit der strikten Aufforderung, ja Vorschrift zu dienen, zu Hause gemeinsam unverheiratet, aber ohne Ordensgelübde zusammenzuleben. Nur eine von ihnen, die älteste Marion, entzog sich dem Regime des Bruders, wie sich auch die beiden jüngeren Brüder Gersons aus seiner anscheinend drückenden Aufsicht unter den Schirm des regelstrengen Celestiner-Ordens flüchteten. Das wird von McGuire an den monastischen Frömmigkeitsprogrammen vor allem seit dem 12. Jh. gespiegelt, während man vom durchaus verwandten spätmittelalterlichen »Semireligiosentum« der Beginen und Devoten wenig hört. Die ausführlichen und präzisen Ratschläge Gersons für den Beichtstuhl, für das Pfarrkind und vor allem für den Beichtiger, werden uns eingehend nahegebracht; nicht immer überzeugen dabei die auf die Person des Theologen selbst gezogenen Schlussfolgerungen. Vor allem wird Abstand oder Nähe zu den zahlreichen Beichtsummen und Beichtratschlägen anderer Autoren der Zeit nicht energisch genug geprüft. Es ist vor allem wiederum auf die Tradition seit dem 12. Jh. geachtet. Gerson erscheint als ein von sexuellen Versuchungen verfolgter Seelsorger und Prediger, der die Menschen seiner Zeit immer wieder gestreng mit Höllenstrafen bedroht und mit der Aussicht auf mystische Kontemplation lockt, dabei aber pragmatisch jeder Rigorosität fern bleibt. In taktvoller Darstellung gewiss, doch mit auktorialer Selbstgewissheit wird das alles vorgetragen; die mystischen, kontemplativen, affektiven Schwerpunkte, die Gerson in seiner praktischen Theologie setzt, werden in aller Klarheit deutlich.

In der zweiten Hälfte des Buches folgen, der inzwischen erreichten Position Gersons entsprechend, neben der Fortsetzung der Berichte zu religiöser Erbauung, Moral-Lehre, Sexualanleitung, Kirchenreformvorstellungen und kontemplativer Instruktion auch jene Schriften, die das Auftreten des Pariser Kanzlers auf der national-französischen und europäischen Bühne beleuchten und die dementsprechend bisher bereits sein Bild in Geschichtsdarstellungen bestimmt haben. Gersons »Konziliarismus« und seine Position im Streit der Fakultäten zwischen Theologen und Kanonisten werden klar gezeichnet: auf mehrfachen Reisen mit Gesandtschaftsgruppen im Auftrag von Universität und Königshof an die Kurien der Schismapäpste (die zeitüblich auch von päpstlichen Gunsterweisen begleitet wurden, welche dann freilich, wiederum zeittypisch, kaum je den Streit um konkrete Pfründen allein zu entscheiden vermochten), seine zunehmende Festigkeit bei der Forderung, den Rücktritt der Päpste notfalls durch ein papstloses Konzil zu erzwingen, seine Parteinahme für den Pisaner Papst (dem Konzil selbst war er fern geblieben, wahrscheinlich wegen seiner Pfründprobleme), all das ist eingehend nachzulesen. Dazu auch die erst relativ spät einsetzenden (weil zunächst gleichfalls von Pfründproblemen und den Pariser Wirren unter den Cabochiens, in denen sogar Gersons Leben bedroht schien, unterbrochene und überlagerte) Stellungnahmen zu dem Mord am Bruder des Königs Herzog Louis d’Orléans (1407), den dessen Vetter, der Herzog Burgunds Jean Sans Peur in Auftrag gegeben hatte. Hier tat sich auf längere Dauer ein weites Feld für Gerson auf, nachdem er (nach dem Verlust seiner burgundischen Pfründe in Brügge der burgundischen Sache ohnedies entfremdet) die schamlose Verteidigungsschrift des Pariser Theologen Jean Petit immer deutlicher in Sermonen verurteilte und mehrere Thesen des 1411 verstorbenen Theologen von der theologischen Fakultät und auf einer Pariser Synode 1413/1414 verurteilen ließ. Sein weithin sichtbarer Auftritt auf dem Konstanzer Konzil, wo es Gerson, in der französischen Nation als Vertreter des französischen Königs seit 1415 in Konstanz anwesend, trotz seiner andauernden Kooperation mit Pierre d’Ailly aber nicht gelang, alle seine Meinungen (insbesondere die zum Tyrannenmord) auch zuverlässig in Konzilsbeschlüsse umzumünzen, all das erfährt geduldige, wenn auch unterschiedlich tiefenscharfe Aufhellung von den Schriften Gersons her. Das den Titel des Buchs bestimmende Verständnis von »Reform« bei Gerson freilich erfährt trotz mancher eher unentschiedener Konfrontation mit Luther einerseits, den monastischen Reformern seit dem Hochmittelalter andererseits im Verlauf des Buches keine eigentliche Aufhellung. Dem Rezensenten ist nicht deutlich geworden, was der Vf. als Chance dieser angeblich »letzten« Reformation des Mittelalters sieht, die doch den Zielen, Absichten und Beschlüssen etwa des Basler Konzils ein Menschenalter später und den Reformbemühungen im Anschluss daran durchaus entspricht und also kaum als »letzte Reformation« gelten darf.

Den Schluss der Studie bilden die letzten Jahre Gersons nach dem Konstanzer Konzil, die er aus Furcht vor dem Herzog von Burgund fern von Paris in Rattenberg am Inn, in Melk und in Lyon verbrachte, nicht ohne wiederum zahlreiche Schriften zu schreiben. Dass dem Buch der übliche wissenschaftliche Nachweisapparat beigegeben ist, versteht sich. Neben einer ausführlichen Bibliographie (deutsche Titel sind hier rar) finden sich auch eine ausgedehnte chronologisch-biographische Tabelle, ein knapper Forschungsbericht, ein leider nur selektives Personen- und Sachregister, das jeweils nicht sämtliche Belegstellen anführt. Unter den im Band verstreuten Abbildungen finden sich auch rätselhafte (wie S. 243 Abb. 10 oder S. 292 Abb. 12). Man wird dem Band zugestehen dürfen, dass die Person und die Schriften Gersons in origineller empathetischer Nahsicht und in seltener Vollständigkeit präsentiert werden. Zeitumstände und die Probleme der Welt des Pariser Theologen bleiben dagegen eher im Hintergrund. Das jedoch kann eine nachdrückliche Empfehlung des Buches nicht eigentlich einschränken. Es sollte in keinem historischen oder kirchengeschichtlichen Seminar fehlen.

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Dokument zuletzt verändert am: Feb 10, 2012 11:16 AM
Zugriff vom: May 24, 2012