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M. Goullet, M.Parisse: Traduire le latin médiéval (Heinz Erich Stiene)

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Monique Goullet, Michel Parisse, Traduire le latin médiéval. Manuel pour grands commençants

Francia-Recensio 2008/4 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Monique Goullet, Michel Parisse, Traduire le latin médiéval. Manuel pour grands commençants, Paris (Picard) 2003, ISBN 2-7084-0696-5, EUR 23,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Heinz Erich Stiene, Köln

Das hier anzuzeigende Buch setzt das zuerst 1996 erschienene Übungsbuch »Apprendre le latin médiéval. Manuel pour grands commençants« fort. M. Goullet und M. Parisse haben es als anspruchsvolleren Schritt zwischen einer elementaren Stufe der Spracherlernung und der intensiven Beschäftigung mit lateinischen Texten des Mittelalters konzipiert. Das Buch gliedert sich in eine Einleitung und drei aufeinander aufgebaute Übungsteile, die von der Erfassung einfacher, isolierter Sätze zur Beschäftigung mit zusammenhängenden Texten führen.

In der gedankenreichen Einleitung (S. 9–20) erläutern die Verfasser die Absicht ihres Buches: die Lernenden – gemeint sind vornehmlich französischsprachige Studenten der Geschichtswissenschaft – nach chronologisch angeordneten Textsorten mit den vielfältigen grammatikalischen, lexikalischen und semantischen Schwierigkeiten der mittelalterlichen Latinität vertraut zu machen und sie zu einer selbständigen Übersetzung mittellateinischer Texte anzuleiten. Behutsam führen Goullet und Parisse ihre apprentis historiens von Stufe zu Stufe und handeln aus reicher Erfahrung und mit bemerkenswertem Gespür von den Problemen, vor die mittellateinische Texte einen Übersetzer stellen. Wie lässt sich die zuweilen schwierige lateinische Wortstellung in den Griff bekommen, wie erfasst man den Gedanken eines Autors, wie ist ein lateinischer Wortlaut in der Übersetzung stilistisch ansprechend zu vermitteln, ohne dass der Inhalt verfälscht wird? Einen Seitenblick werfen Goullet/Parisse auch auf die Poesie, die im Mittelalter bekanntlich quantitierend oder akzentrhythmisch sein kann. Bibliographische Hinweise auf einige grundlegende mittellateinische Wörterbücher beschließen die Einleitung (S. 17–19). Hier blicken die Verfasser auch einmal über die Grenzen des französischen Sprachgebietes hinaus. Allerdings fehlen in der Aufstellung so unentbehrliche Hilfsmittel wie das recht weit fortgeschrittene »Dictionary of Medieval Latin from British Sources« (Oxford 1975ff.) und das mittlerweile abgeschlossene »Lexicon Latinitatis Nederlandicae Medii Aevi« (Amsterdam 1970–1975, Leiden 1977–2005), welches mit seinem reichen spätmittelalterlichen Fachvokabular aus Verwaltung, Jurisprudenz, Handwerk und anderen Bereichen gerade für Historiker von hohem Interesse sein dürfte. Ergänzt sei zu Seite 19, dass J. F. Niermeyers »Mediae latinitatis lexicon minus« seit 2002 auch in einer zweibändigen Ausgabe mit deutschen Interpretamenten vorliegt. Im Übrigen erscheint der »Thesaurus linguae latinae« seit 1900, nicht erst seit 1940 (S. 18).

Der erste Übungsteil, die »Première partie« (S. 21–50), umfasst zehn nach bestimmten grammatikalischen Kategorien zusammengestellte Kapitel und dient der Auffrischung elementarer Kenntnisse aus dem Buch »Apprendre le latin médiéval«. Dazu stellen die Verfasser Sätze aus mittelalterlichen Texten ohne Quellennachweis isoliert vor und versehen sie mit Erklärungen zu einzelnen Wörtern oder Namen sowie mit Hinweisen zu grammatikalischen Bezügen. Auch eine Reihe von metrischen Versen haben M. Goullet und M. Parisse eingestreut, allerdings ohne sie eigens als solche zu kennzeichnen. Seine eigene Übersetzung der Kapitel 1 bis 9 kann der apprenti historien im hinteren Teil des Buches (S. 142–153) mit der von den Verfassern vorgelegten Übersetzung vergleichen. Das 10. Kapitel, das vier Beispiele für den Gebrauch der indirekten Rede vorstellt, bietet die französische Übersetzung gleich an Ort und Stelle.

Erläuterungen und Übersetzungen sind durchweg sehr zuverlässig. Die wenigen Irrtümer, die dem Rezensenten aufgefallen sind, können rasch abgehandelt werden. Kapitel 3, Nr. 4 (S. 28): Acuit ingenium vinum moderamine sumptum, absque modo sumptum perdit cum robore sensum. Der erste dieser beiden leoninisch gereimten Hexameter (der Verscharakter bleibt wie gesagt unerwähnt) beginnt mit einer prosodischen Unregelmäßigkeit, die ein Historiker vielleicht mit Gleichmut übergehen darf: Das eigentlich kurze A- ist hier gedehnt; vgl. dazu »Mittellateinisches Wörterbuch« I, Sp. 144, Z. 7, ibid. Z. 5–6 auch zur verschiedentlich in den Handschriften begegnenden Schreibung acc-, die in einem poetischen Text eine Positionslänge bewirken würde. Unrichtig ist auf jeden Fall die Behauptung, bei cum robore stehe der präpositionelle Ausdruck für den instrumentalen Ablativ. Keineswegs, denn die Präposition hat ihre volle Bedeutung. Der Sinnspruch besagt, dass in Maßen genossener Wein den Verstand schärfe, maßlos genossener hingegen den Verstand mitsamt der Kraft, also Verstand und Kraft, raube. Die Übersetzung S. 144 »pris sans mesure, par sa force il fait perdre la tête« geht in die Irre. Zum Vers vgl. etwa Jakob Werner, Lateinische Sprichwörter und Sinnsprüche des Mittelalters aus Handschriften gesammelt»«, 2., überarb. Aufl. von Peter Flury (Darmstadt 1966), S. 20, Nr. 26. – Kapitel 4, Nr. 2 (S. 32): Mochte die Prosodie bei acuit noch zu vernachlässigen sein, so ist sie in diesem Pentameter entscheidend für die Bedeutung: Astu vincit homo cuncta creata solo. M. Goullet und M. Parisse sehen in solo ein von seinem Beziehungswort weit gesperrtes Adjektivattribut zu astu (»on notera la disjonction«) und übersetzen S. 145: »Par sa seule ruse l’homme l’emporte sur toutes les créatures«. Tatsächlich kommt solo hier natürlich nicht von solus, a, um »allein«, dessen Anfangssilbe ja lang ist. Vielmehr ist die Form, woran die kurz gemessene erste Silbe keinen Zweifel lässt, der Ablativ von solum, i n. »Boden«, »Erde«, hier in lokaler Funktion: Mit Geschick macht sich der Mensch alles untertan, was auf der Erde geschaffen ist. Zum Vers vgl. Werner, S. 24, Nr. 131.

Übungsteil II umfasst die Kapitel 11 bis 38. Gegenüber den isolierten Sätzen im ersten Teil stellen die Verfasser hierin nach einer kurzen Einleitung längere Abschnitte aus meist erzählenden historiographischen Quellen vor und erreichen damit eine weitere Stufe auf dem Weg zur selbständigen Übersetzung. In den Kapiteln 11 bis 26 folgt auf den gewählten Textabschnitt ein umfänglicher Zeilenkommentar. Jeder Satz wird noch einmal einzeln aufgeführt und gründlich nach sprachlichen und sachlichen Kriterien analysiert. Die Kapitel 27 bis 38 bieten demgegenüber einen reduzierten Kommentar. Hier erscheinen die zu erläuternden Wörter oder Junkturen fett im Text; die Erläuterungen folgen am Ende des Textes. Bei einer vom Okzitanischen beeinflussten Urkunde von 1046 (Kap. 36, S. 134) hätte man sich einen Hinweis auf die Junktur in loco, ubi vocant Tras Pivo gewünscht. Nach J. B. Hofmann, A. Szantyr, Lateinische Syntax und Stilistik (München 1972), S. 210 findet sich dieses ubi bei Ortsbenennungen schon in der Naturalis historia Plinius’ des Älteren, danach »erst wieder in der spätesten Zeit« und »sehr häufig im Mittellatein«. Bei Wege zu korrigieren sind Kap. 35, S. 132 (Isidor, etym. V 31) die Druckfehler Contiscere (lies Conticescere) und per actus humano (lies humanos).

An Teil II schließt sich S. 141–177 der Übersetzungsteil für die Kapitel 1 bis 38 an. Mit Übungsteil III (S. 179–237, Kapitel 39–51) ist die höchste Stufe in diesem Buch erklommen. Hier bieten M. Goullet und M. Parisse einen lateinischen Text mit paralleler Übersetzung, während sich die unbedingt nötigen Anmerkungen auf die Fußnoten verteilen. Die Studierenden werden ermuntert, die vorgestellten Texte selbständig zu übersetzen und die von den Verfassern beigegebene Übersetzung nur zur Kontrolle der eigenen Leistung zu benutzen. Zwei Druckfehler, die mir bei Wege aufgefallen sind: Kap. 42 (S. 194): nommant korrigiere zu nominant; Kap. 43,7 (S. 198): statt e contratio lies e contrario.

Ich komme zum Schluss. Man kann die beiden Autoren nur zu ihrem Buch beglückwünschen. Es ist mit klugem System und großer Umsicht aufgebaut und wird hoffentlich viele französische Studenten der Geschichtswissenschaft anregen, sich den Quellen des lateinischen Mittelalters neugierig zu nähern. Für die Studierenden in den deutschsprachigen Ländern würde man sich ein ähnlich gestaltetes Lehrbuch wünschen.

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M. Goullet, M.Parisse: Traduire le latin médiéval (Heinz Erich Stiene)
In: Francia-Recensio, 2008-4, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
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Dokument zuletzt verändert am: Feb 27, 2012 01:28 PM
Zugriff vom: May 24, 2012