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Ch. Freigang, J.-Cl. Schmitt (Hg.): Hofkultur in Frankreich und Europa im Spätmittelalter / La culture de cour en France et en Europe à la fin du Moyen-Âge (Holger Kruse)

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Hofkultur in Frankreich und Europa im Spätmittelalter/La culture de cour en France et en Europe à la fin du Moyen-Âge, hg. von Christian Freigang und Jean-Claude Schmitt, unter Mitarbeit von Chrystèle Blondeau, Antje-Fee Köllermann, Laetitia Steens-Vauxion und Sabine Witt. Mit einem Vorwort von Werner Paravicini

Francia-Recensio 2008/4 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Hofkultur in Frankreich und Europa im Spätmittelalter/La culture de cour en France et en Europe à la fin du Moyen-Âge, hg. von Christian Freigang und Jean-Claude Schmitt, unter Mitarbeit von Chrystèle Blondeau, Antje-Fee Köllermann, Laetitia Steens-Vauxion und Sabine Witt. Mit einem Vorwort von Werner Paravicini, Berlin (Akademie Verlag) 2005, 453 S. (Passagen / Passages, 11), ISBN 3-05-004105-6, EUR 49,80.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Holger Kruse, Kiel/Norderstedt

Der Titel des Bandes macht zunächst einmal neugierig. Er scheint dem Leser ein weitgespanntes Spektrum von Beiträgen europäischer Dimension zu verheißen. Diese Erwartung wird nicht eingelöst. Die Ernüchterung des Rezensenten wäre sicherlich geringer gewesen, wenn man den Band »Beiträge zu einer Geschichte der Hofkultur in Frankreich und Burgund mit Ausblicken auf England« (o. ä.) genannt hätte. Das wäre zwar sperriger, aber zugleich ehrlicher gewesen, denn, wie Werner Paravicini treffend in seinem Geleitwort schreibt (S. 2), für diesen Band trugen »französische, belgische und deutsche Forscher, jüngere Leute, [...] Einzelstudien vor und nahmen ihren Stoff hier aus einem Roman, einer Chronik, einer besonderen Handschrift oder einer ganzen Büchersammlung, dort aus Skulptur, Malerei, Architektur und Musik«.

Als Abschluss des Studienzyklus’ 2002/03 des Deutschen Forums für Kunstgeschichte in Paris mit dem Thema »Künste und symbolische Präsentationsformen an den spätmittelalterlichen Höfen, insbesondere, aber nicht ausschließlich Frankreichs« fand am 6. und 7. Juni 2003 ein Kolloquium statt, dessen Beiträge hier gedruckt werden (S. 8, 15). Nach einigen plausiblen Überlegungen Christian Freigangs zu der Frage, warum Huizingas »Herbst des Mittelalters« zwar einerseits von der historischen Forschung inzwischen überholt ist, andererseits aber dennoch lesenwert bleibt, denen einige knappe Gedanken über »symbolische Repräsentation« (S. 11), angehängt sind, gibt Jean-Claude-Schmitt eine Vorschau auf die folgenden Beiträge. Diese sind in vier Gruppen gegliedert. Unter der Überschrift »I. Inszenierung der Macht – Zeremoniell« befasst sich zunächst Martine Clouzot mit der »Trilogie« von Narren, wildem Mann und Fürsten am französischen und burgundischen Hof des 14. u. 15. Jhs. Sie unterscheidet den geisteskranken vom »weisen« Narren und spürt Zahlungen für Kleidung für Narren in burgundischen Rechnungen auf. Narr und wilder Mann werden naheliegenderweise als Antinomien des idealen Fürsten interpretiert, die Eigenschaften repräsentieren, die der gute Fürst nicht in sich tragen sollte: Narrheit und Bestialität. Zugleich sieht Clouzot aber den Narren, der am Hof ohne offensichtliche Funktion Kosten verursacht, als Repräsentanten der Schwachen, deren Schutz dem Fürsten obliegen soll. Die fürstliche Großzügigkeit gegenüber dem Narren wäre somit ein Akt der Barmherzigkeit. Der wilde Mann hingegen könnte als Sinnbild des Unzivilisierten und Unchristlichen eine Ventilfunktion gehabt haben.

Laetitia Steens-Vauxion geht der Frage nach, ob Musik und Inszenierung der Macht in England am Ende des Mittelalters burgundisch beeinflusst waren. Da in England eine der burgundischen vergleichbare Hofhistoriographie fehlt, stützt sich Steens-Vauxion auf den Bericht Gabriel Tetzels über die Reisen des Léo von Rozmital, der die Zeremonien am englischen Hof 1466 als über alle Maßen glanzvoll beschreibt, obwohl er zuvor am burgundischen Hof geweilt hatte. Dabei übersieht Steens-Vauxion aber leider die historische Ausgangslage, denn 1466 war der burgundische Hof im Umbruch begriffen, da Philipp der Gute praktisch abgedankt hatte, sein Sohn Karl der Kühne aber wegen der gerade überstandenen »Guerre du Bien publique« und des zu erwartenden Todes seines Vaters sicherlich mit anderen Dinge beschäftigt war als mit dem Zeremoniell. In England erlebte Rozmital hingegen die zeremonielle Erhebung der Königin aus dem Wochenbett mit, ein mehr als außergewöhnliches Ereignis. Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen! Auch die folgenden Ausführungen zu burgundischem Einfluss auf Zeremoniell, Organisation und Prachtentfaltung am englischen Hof können nicht überzeugen.

Brigitte Büttner, deren Text nur in einer Zusammenfassung gedruckt ist, setzt das Raumprogramm des Louvre unter Karl V., eine Miniatur, auf der Pierre Salmon König Karl VI. seine »Dialogues« übergibt, und den Brauch Neujahrsgeschenke, die sog. étrennes, zu machen, in einen Zusammenhang und interpretiert sie als Ausdruck neuer zeremonieller Erfordernisse. Mit der bildlichen Darstellung dreier festlicher Einzüge von Fürst(innen)en in Städte befasst sich Dagmar Eichberger. Die Stadt Brüssel ließ anlässlich des Einzuges der künftigen Gemahlin Philipps des Kühnen, Johanna von Kastilien (1496), Schaubühnen aufstellen. Das Ereignis wurde in einer illustrierten Handschrift, die neben wichtigen Teilnehmergruppen vor allem auch die ephemeren Bauwerke im Bild zeigt, verewigt. Die Handschrift machte die Stadt der Königstochter zum Geschenk. Beim Einzug des späteren Kaisers Karls V. in Brügge 1515 war es hingegen die Herrscherfamilie selbst, die das Ereignis sowohl in einer Prunkhandschrift als auch in einem Druck dokumentieren ließ. Die Stadt hatte dem jungen Regenten ihre wirtschaftliche Notlage nach erfolgreicherer Vergangenheit eindrücklich in Schaubildern dargestellt und hoffte auf dessen wirtschaftliche und politische Unterstützung. Dies ließ die Herrscherfamilie außenwirksam dokumentieren. (Kleine Bemerkung am Rande: »Liège«, das S. 82 zwischen Gent und Brügge als aufständisch genannt wird, heißt auf deutsch Lüttich und gehörte zum gleichnamigen Fürstbistum, hier waren die Burgunder nicht »Souverän«.) Drittes Beispiel ist der Krönungszug Kaiser Karls V. durch Bologna von 1530, über den Robert Péril im Auftrag der Margarete von Österreich eine Holzschnittfolge herstellte: Ausdruck des Bemühens der Habsburger, die Kaiserkrönung als ein von breiter Unterstützung getragenes Ereignis darzustellen. Als viertes Beispiel wird schließlich der fiktive Triumphzug Maximilians I. herangezogen.

Die zweite Gruppe von Aufsätzen, die den Titel »Auftraggeber, Mäzene, Sammlungen« trägt, eröffnet Anne-Marie Legaré, die sich mit der Bibliothek der Charlotte von Savoyen (ca. 1442–1483), der Gemahlin König Ludwigs XI., befasst. Legaré zählt einleitend das Wenige auf, das man über das bescheidene Leben der Königin weiß. Zu den raren Vergnügungen, die Charlotte sich gönnen konnte, gehörte das Lesen. Die Bibliothek der Königin enthielt überwiegend Werke moralischen, asketischen und spirituellen Inhalts. Mit dem auch für Charlotte tätigen Maler Jean Poyer aus Tours, ihm zuordbaren Werken und seinen Auftraggebern befasst sich Mara Hofmann, die Poyer als Vorreiter des Manierismus kennzeichnet. Sabine Witt beschreibt die Stiftungen Jean Langrets, Jean Chevrots und Jean Chousats, dreier wichtiger Amtsträger der burgundischen Herzöge, in der zu Beginn des 15. Jhs. neu errichteten Stiftskirche Saint-Hippolyte in Poligny (Franche-Comté) als hochrangige Werke in der Nachfolge Claus Sluters. Brigitte Kurmann-Schwarz beschäftigt sich mit Glasfenstern »commandités par la cour«. Sie weist auf die Bedeutung dieser Kunstwerke hin, waren sie doch das Erste, was ein Besucher einer unbeleuchteten Kirche wahrnehmen konnte. Exemplarisch werden die von Johann von Berry gestifteten Fenster der Sainte-Chapelle in Bourges, ein von Karl VI. gestiftetes Fenster in der Kathedrale von Évreux und die von Jacques Cœur gestifteten Fenster seiner Kapelle in der Kathedrale von Bourges behandelt. Kurmann-Schwarz versucht u. a. zu ergründen, warum die Glasmalerei die gleichzeitigen Entwicklungen der Tafelmalerei nicht mitgemacht hat, selbst wenn beide Gattungen vom selben Künstler stammen. Die Erklärungsversuche sind lesenswert, können hier aber nicht in ihrer Ausführlichkeit wiedergegeben werden.

Den dritten Teil »Bildwelten, Vorbilder, Referenzen« eröffnet Chrystèle Blondeau. Sie geht der Frage nach, inwieweit die Verbreitung der Übersetzung der »Historia Alexandri Magni« des Quintus Curtius Rufus durch Vasco de Lucena am burgundischen Hof als Imitation des Fürsten zu werten sei. Aus dem ausgehenden 15. Jh. sind 34 Handschriften bekannt. Etwa 15 Ursprungsbesitzer sind sicher identifiziert. Die Handschriften wurden einerseits zwischen 1470 und 1485, andererseits in einer zweiten kleineren »Welle« einige Zeit danach hergestellt. Blondeau hält die Verbreitung der Handschrift für eine Folge der Widmung des Werkes an Herzog Karl den Kühnen und der Tatsache, dass der Herzog selbst ein Exemplar orderte. Mehrere Exemplare wurden in denselben Werkstätten in Brügge illuminiert. Weil Lucena keinen Alexanderroman bot, sondern sich wie Curtius um Geschichtsschreibung bemühte, musste für die Illustrationen ein anderes Bildprogramm entworfen werden als für frühere Werke über Alexander. Wunder und Ungeheuer fehlen. Allerdings zeigen verschiedene Illustrationen unterschiedlich tiefes Textverständnis. Einige Illustrationen einiger Handschriften gehen am Inhalt völlig vorbei. Insgesamt charakterisiert Blondeau den Besitz der Handschriften als Ausdruck adliger Lebensform, mit dem sich die Besitzer bewusst auf den Fußspuren des Herzogs bewegten.

Christian Freigang befasst sich in seinem umfangreichen Beitrag mit dem »Livre du Cuer d’amours espris« des »Guten Königs« René von Anjou nach einer knappen Inhaltswiedergabe vor allem mit dem in der Wiener Nationalbibliothek verwahrten Exemplar und dessen eigentümlichen Bildgestaltungen. Freigang interpretiert dieses Werk ebenso wie andere Renés nicht als »verspätetes Propagieren eines dem Untergang geweihten Rittertums« sondern als »Selbstvergewisserung höfischer Idealität« und damit als Ausweis einer »Politik, die auf eine seit dem späten 14. Jahrhundert sich zuspitzende Infragestellung und Kritik der höfischen Gesellschaft reagierte« (S. 231). Karen Straub befasst sich mit einer Sammlung von Briefen und allegorischen Versdichtungen, die seit dem 19. Jh. als »Les Douze Dames de Rhétorique« bezeichnet wird. Es handelt sich um siebzehn Briefe, die um 1463/64, z. T. über zwei Vermittler zwischen Jean Robertet und Georges Chastellain, also Angehörigen des bourbonischen und des burgundischen Hofes, ausgetauscht wurden, und die, da die Briefe dem jeweiligen Herzog vorgelegt wurden, also keineswegs privat waren, als eine »kulturelle Debatte zwischen beiden Höfen« (S. 248) gedeutet werden. Jean-Claude Mühlethaler beschäftigt sich mit der Schrift »Le séjour d’honneur« des Octovien de Saint-Gelais«, die bereits knapp 10 Jahre nach ihrer Vollendung erstmals (1503) und dann wiederholt gedruckt wurde. Octavien setzt sich mit der Problematik des Hoflebens für einen Geistlichen auseinander, der am Hof eine Rolle spielen möchte, zugleich aber seine Ideale nicht preisgeben will.

Den vierten Teil »Mémoria« eröffnet Markus Schlicht, der sich mit den Eingriffen Philipps des Schönen in die Architektur des 1304 gegründeten, heute nicht mehr existierenden Dominikanerinnenkonvents Saint-Louis de Poissy befasst. Er versucht, die Auffassung zu widerlegen, dass die Architektur der Kirche »retrospektiv« sei, also die Architektur der Zeit des Heiligen Ludwig nachahme. Vielmehr fänden sich vergleichbare Formen an zahlreichen zeitgleichen Kirchen in Nordfrankreich. Deswegen verneint Schlicht die Frage, ob es sich bei Saint-Louis de Poissy um einen Repräsentanten einer speziellen Hofkunst handele. Dennoch ist die Kirche ein außerordentliches Bauwerk, da ihre Architektur alle Regeln, die für den Bau von Dominkanerkirchen galten, außer Acht lässt. Architektur und Skulptur finden Vorbilder in den Kathedralen von Paris und Rouen. Die Initiative zur außerordentlich reichen Architektur schreibt Schlicht direkt dem Gründer Philipp dem Schönen zu. Der Bau sei in zweierlei Hinsicht »skandalös«gewesen: einmal im Vergleich zu anderen Orden und den Domkapiteln, weil hier ein Bettelorden eine solch pompöse Kirche erhielt, andererseits auch innerhalb des Ordens, weil die Kirche alle anderen des Ordens überstrahlte: eine Bettelordenskirche im Stil einer reichen Kathedrale, in der für das Heil des Königsgeschlechts gebetet wurde.

Grabkapellen des 14. Jhs. im Querhaus von Saint-Denis, namentlich die Marienkapelle der Johanna von Évreux, die Michaelskapelle der Margarete von Flandern, die Hippolyt-Kapelle, in der Johanna von Valois bestattet wurde, und die Johanneskapelle, in der sich zuerst Karl V. bestatten ließ, sind Thema des Beitrags von Eva Leistenschneider. Antje Fehrmann befasst sich mit den Grabmälern Heinrichs V. und Heinrichs VI. von England. Vor allem die Ausgestaltung des Grabmals Heinrichs V. mit »selektiver Aneignung französischer Herrscherikonographie« interpretiert sie als Versuch der Legitimation seines Anspruchs auf den englischen und den französischen Thron. Ein Missale der Karmeliter von Nantes, in dem sich das enge Verhältnis des Ordens zum bretonischen Herzogshaus im 14., aber auch im 15. Jh. widerspiegelt, ist Thema des Beitrags von Antje-Fee Köllermann. Christoph Brachmann befasst sich mit der Memoria für die Schlacht von Nancy (5. Jan. 1477) und deren große Bedeutung für die lothringische Identität. Das besondere Augenmerk gilt dem »Songe du Pastourel« des Jean de Prier.

Insgesamt umfasst der Band ein weites Spektrum kleiner Beobachtungen, die in sich durchaus ihren Wert haben. Wenn man allerdings vom hochtrabenden Titel des Bandes ausgeht, muss man leider von einer Buchbindersynthese sprechen. Negativ fallen außerdem viele zu klein geratene Abbildungen, die z. T. auch noch von schlechter Qualität sind, und die den Beiträgen nachgestellten Anmerkungen auf. Erfreulich und keineswegs selbstverständlich ist, dass der Band ein Register besitzt.

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