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L. Fowler-Magerl: Clavis Canonum (Lotte Kéry)

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Linda Fowler-Magerl, Clavis Canonum. Selected Canon Law Collections Before 1140. Acces with data processing

Francia-Recensio 2008/4 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Linda Fowler-Magerl, Clavis Canonum. Selected Canon Law Collections Before 1140. Acces with data processing, Hannover (Verlag Hahnsche Buchhandlung Hannover) 2005, 282 S., 1 CD-ROM (Monumenta Germaniae Historica. Hilfsmittel, 21), ISBN 3-7752-1128-4, EUR 25,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Lotte Kéry, Bonn

Mit diesem Band 21 der Hilfsmittel-Reihe der MGH bietet Linda Fowler-Magerl einen Zugang zu den Kanonessammlungen, die vor 1140, also vor dem Decretum Gratiani, entstanden sind – und zwar in doppelter Ausführung, in Form eines Buches und einer Datenbank. Der gedruckte Teil ihres Werkes enthält kurze Porträts der wichtigsten kirchenrechtlichen Sammlungen der vorgratianischen Zeit, beginnend mit einem Überblick über die ältesten Kanonessammlungen des Lateinischen Westens. Es folgen in chronologischer Anordnung Artikel über eine Reihe von Sammlungen, die jeweils auf dem neuesten Forschungsstand kurz und pointiert vorgestellt werden und mit einer bibliographie raisonnée – ebenfalls mit Schwerpunkt auf den neuesten Publikationen – versehen sind, wobei auch die Verbindungslinien zwischen den einzelnen Sammlungen aufgezeigt werden.

Die Beschreibungen der Sammlungen sind in erster Linie als Orientierungshilfen für die Benutzung der Datenbank gedacht und sollen keinesfalls, wie die Verfasserin selbst betont, eine vollständige Geschichte der kirchlichen Rechtsammlungen bieten. In aller Kürze und ohne alle überlieferten Handschriften der jeweiligen Sammlungen vollständig aufzuführen1, bieten sie einen sehr informativen Überblick über die Eigenart der Sammlungen und ihre Einordnung in die (Literatur-)Geschichte des kanonischen Rechts. Die Darstellung der ausgewählten Sammlungen beschränkt sich jedoch nicht auf die Wiedergabe des jeweiligen Forschungsstandes, sondern die Verfasserin liefert als hervorragende Kennerin der vorgratianischen Sammlungen auch Einsichten und Erkenntnisse, die neu und zudem methodisch lehrreich sind. Als Beispiel sei hier nur die Einordnung der 74-Titel-Sammlung angeführt, eine der einflussreichsten und, was ihre Herkunft angeht, rätselhaftesten Sammlungen der Gregorianischen Reformzeit (S. 110–119) – ein Beispiel, das zudem zeigt, dass die Beschäftigung mit kanonistischen Quellen auch spannende Detektivarbeit sein kann. Nach der kritischen Bewertung der bisherigen Entstehungs- und Herkunftsthesen kommt Linda Fowler-Magerl hier mit Hilfe der Prämisse, dass die Erreichbarkeit ungewöhnlicher Texte eine bessere Methode für die Lokalisierung anonymer Kanonessammlungen darstellt (S. 113) als etwa die Suche nach dem besten Text, zu einem eigenen Vorschlag, indem sie eine Reihe von Hinweisen für die Herkunft solcher in die 74-Titel-Sammlung aufgenommener Texte aus Lotharingien und der Nähe von Köln zusammenstellt.

Danach entstand die Collectio 74 titulorum nicht, wie lange vermutet, in Montecassino, wo die beste Handschrift zu finden ist, sondern westlich des Rheins, möglicherweise in der Nähe von Köln, wo Hildebrand (später Papst Gregor VII.) sich lange Zeit, zunächst in Begleitung Papst Gregors VI., aufhielt, nachdem dieser auf der Synode von Sutri (1046) abgesetzt worden war2. Diese Kontakte nach Köln bestanden wohl noch, als er sich als Papst über den Mangel an kanonistischen Sammlungen beklagte, die man als Instrument der Reform einsetzen könne. Die Collectio 74 titulorum, die, wie schon Horst Fuhrmann gezeigt hat, mit den Zielen Gregors VII. nicht besonders gut übereinstimmt, sondern offenbar nur die bestmögliche Sammlung darstellte, die ihm in den 1070er Jahren erreichbar war, enthält hingegen eine Vielzahl von Texten, die darauf hindeuten, dass die Diversorum patrum sententie dem Papst von Mönchen vorgelegt wurden, die mit ihrer Hilfe die monastische Freiheit gegenüber bischöflichen Übergriffen sichern wollten.

Die CD-Rom der Clavis canonum, die das Buch begleitet, liefert die Datenbank für ca. 100 000 Canones, die nach Incipit, Explicit, Rubriken und Inskriptionen aufgeschlüsselt werden, eine Datenbank, die auf allen systematisch geordneten kirchenrechtlichen Sammlungen in lateinischer Sprache vor 1140 beruht. Darüber hinaus wurden die Canones einiger chronologisch angelegter Sammlungen zur besseren Orientierung aufgenommen, da sie die Texte meist in quellengetreueren Versionen enthalten. Das Programm für die Datenbank wurde in Java geschrieben und kann auf allen Computern installiert werden, die über Windows-, Linux- oder Macintosh-10+-Betriebssysteme verfügen. Auf der CD findet sich zudem eine spanische Übersetzung der Instruktionen für den Gebrauch der Clavis canonum, die wohl zu einem Standardwerk für jeden werden wird, der sich mit den vorgratianischen Quellen des kirchlichen Rechts beschäftigen möchte. Das vorliegende Hilfsmittel erleichtert nicht nur die rasche Orientierung über die einzelnen Sammlungen, sondern erlaubt mit Hilfe der CD auch eine weiträumige und schnelle Erfassung kirchlicher Rechtsvorschriften. Aus Sicht der Benutzer ist allein zu bedauern, dass nicht noch mehr Sammlungen berücksichtigt wurden.

Linda Fowler-Magerl hat mit diesem Werk ein Standardwerk für die Beschäftigung mit dem vorgratianischen Kirchenrecht geschaffen. Ihr sicheres Urteil, das dank ihrer profunden Kenntnis der Sammlungen auch vor weitergehenden Schlussfolgerungen nicht zurückzuschrecken braucht, erleichtert sowohl dem Anfänger als auch dem Kenner die Orientierung im Dschungel der zahlreichen noch gar nicht oder zumindest nicht nach modernen Editionskriterien gedruckten Sammlungen und bietet damit auch zahlreiche Hilfestellungen und Neuansätze für weitere Forschungen.

1 Vgl. dazu Lotte Kéry, Canonical Collections of the Early Middle Ages (ca. 400–1140). A Bibliographical Guide to the Manuscriptes and Literature (History of Medieval Canon Law, ed. by Wilfried Hartmann and Kenneth Pennington, Washington 1999.

2 Uta-Renate Blumenthal, Gregor VII. Papst zwischen Canossa und Kirchenreform, Darmstadt 2001, S. 63–65. Hildebrand kehrte erst gleichzeitig mit Leo IX. zurück, der Anfang Februar 1049 in Rom einzog. Blumenthal betont auch die »besondere Verbundenheit« Gregors VII. »mit dieser Stadt oder vielmehr ihrer Kathedrale», ibid., S. 65. Zu seiner Tätigkeit als Legat in Deutschland, ibid., S. 79–85.

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L. Fowler-Magerl: Clavis Canonum (Lotte Kéry)
In: Francia-Recensio, 2008-4, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2008-4/MA/fowler_kery
Dokument zuletzt verändert am: Feb 27, 2012 11:12 AM
Zugriff vom: May 24, 2012