D. Crouch: Tournament (Jan Keupp)
David Crouch, Tournament.
A Chilvalric Way of Life, London (Hambledon Press) 2005, XVI–235
S., 16 Abb., ISBN 1-85285-460-X, GBP 35,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Jan Keupp, München
Tournament – der plakativ-eingängige Titel des Werkes lässt sich ins Deutsche keinesfalls schlichtweg mit »Turnierwesen« übertragen. Denn hinter dem englischen Fachterminus verbirgt sich eine feine, aber konzeptionell folgenschwere begriffliche Verengung: »Tournaments and jousts were not the same thing in the middle ages«, so referiert der Autor seine Binnendifferenzierung des ritterlichen Kampfsportes. Turniere im engeren Sinne bezeichneten dabei Großveranstaltungen, in denen mehrere hundert, wenn nicht gar tausende Ritter innerhalb eines weitläufigen Kampfareals aufeinandertrafen. Davon zu trennen sei der ritterliche Einzelkampf zu Pferd, der seit Beginn des 14. Jhs. weitestgehende Dominanz erlangte.
Folgt man dieser – in der Forschung keineswegs überall geläufigen – terminologischen Auffächerung, so wird die Schwerpunktsetzung des Buches unmittelbar verständlich: David Crouch behandelt das mittelalterliche Massenturnier in einem vom Ende des 11. bis zum beginnenden 14. Jh. reichenden Zeithorizont. An eine Suche nach den Anfängen des ritterlichen Kampfspiels in Europa schließt sich mit dem ersten Hauptteil eine systematische Analyse zentraler Aspekte des hochmittelalterlichen Turniergeschehens an.
Als sportliches Großereignis war der Turnierkampf weit mehr als nur ein Kräftemessen in den ritterlichen Waffen. Bereits um die Mitte des 12. Jhs. erscheint es als Umschlagplatz für Geld, Ehre und soziale Kontakte, eng angebunden an die vorherrschenden sozialen und politischen Strukturgegebenheiten. Ein erster Analyseschritt nimmt daher die Veranstalter, Sponsoren und Mannschaftsführer in den Blick, die durch finanzielle Investitionen und demonstrative Großzügigkeit ihre Position innerhalb der europäischen Adelshierarchie zu festigen und auszubauen hofften. Hinter den imposanten Turnierspektakeln der Zeit um 1200 deckt Crouch ein dichtes Netzwerk aus Patronage, politischen Rivalitäten und finanziellen Interessen auf, die jeweils sorgfältiger Planung und professioneller Helferschaft bedurften. Auf dieser Basis zeichnet der Verfasser anschließend ein facettenreiches Portrait der großen Turnierereignisse: Kapitel über Auswahl und Aufteilung des Kampffeldes, die Ankunft und Aufnahme der Teilnehmer, die Einteilung der Mannschaften und ihre Bewaffnung führen zum eigentlichen Wettkampfgeschehen hin, das in seinen taktischen Finessen und persönlichen Risiken ausführlich beschrieben wird. Ein zweiter, wesentlich kürzerer Hauptteil sucht nochmals weit ausholend die Entwicklung des Rittertums vornehmlich in waffentechnischer Hinsicht nachzuskizzieren und stellt instruktive Überlegungen zum Verhältnis der ritterlichen Gesellschaft zu höfischer Zucht, Gewalt und der Welt der Damen an. Seine Ausführungen weiß Crouch dabei stets durch exemplarisch ausgewählte Episoden und illustrative Quellenzeugnisse zu flankieren. Hierin liegt zweifellos die herausragende Stärke seiner Darstellung: Der Verfasser zeigt sich als wahrer Meister in der Kunst des quellenbasierten historischen Erzählens. Dabei stehen ihm solch elaborierte Turnierschilderungen wie die Lebensgeschichte des William Marshall zu Gebote, dem Crouch bereits ein eigenes biographisches Werk gewidmet hat. Darüber hinaus besticht die mit Akribie zusammengetragene Fülle an Textbeispielen. Dass diese Zeugnisse kaum einmal über den Rhein ostwärts blicken, mag angesichts der Hochblüte des Turnierkampfes in Nordfrankreich und England als unerhebliche Marginalie eines deutschen Rezensenten erscheinen.
Hervorzuheben ist mithin, dass der Verfasser seine Leser an der faszinierenden Farbigkeit und Detailfülle seines Materials teilhaben lässt, indem er im Anhang dreizehn akkurat ausgewählte Quellentexte in englischer Übersetzung präsentiert. Der Nutzen, der sich hieraus insbesondere für den universitären Seminarbetrieb ziehen lässt, wird indes durch das stellenweise lückenhafte Namens- und Sachregister ein wenig beeinträchtigt. Fachkundigen Lesern und interessierten Laien bietet das Werk, das ein versierter Kenner der Materie mit sprachlicher Eleganz und stilistischer Präzision vorgelegt hat, gerade wegen seines breiten Informationshorizonts und seiner konzeptionellen Offenheit ein herausragende Beispiel eines gleichermaßen gelungenen Positivismus und einer geistreichen historischer Analyse.
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