D. Carraz: L'ordre du Temple dans la basse vallée du Rhône (1124-1312) (Thomas Krämer)
Damien Carraz, L’ordre du Temple dans la
basse vallée du Rhône (1124–1312). Ordres militaires, croisade et
sociétés méridionales. Préface d’Alain Demurger, Lyon (Presses
universitaires de Lyon) 2005, 662 S. (Collection d’histoire et
d’archéologie médiévales), ISBN 2-7297-0781-6, EUR 35,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Thomas Krämer, Berlin
Damien Carraz hat sich in seiner vorl. thèse ein ehrgeiziges Ziel gesetzt. Angesichts der Vernachlässigung der Ritterorden in vielen Werken zur Kirchengeschichte, tritt er an, dieses Manko zu korrigieren. Seine Kernfrage lautet dabei: Was ist denn nun ein Templer oder ein Johanniter? (S. 12). Um sie zu beantworten, untersucht er 15 Templerkommenden am Unterlauf der Rhône.
Nach einleitenden Überlegungen zur Fragestellung, Forschungs- und Quellensituation beginnt die Darstellung allerdings nicht im Jahr 1124 mit der ersten Erwähnung von Templerbesitz auf europäischem Boden, sondern bereits im 8. Jh. (S. 41ff.). Carraz schildert die frühe Sensibilisierung für die Idee des Heidenkampfes durch Sarazeneneinfälle, da sie auch zur Kreuzzugsbegeisterung beigetragen habe. Diese wird u. a. durch die Kreuznahme zahlreicher Adeliger und Prälaten des Midi belegt (S. 69ff.). Der militia Templi wendet sich Carraz zuerst unter dem Gesichtspunkt der Ausbreitung des Ordens im Untersuchungsgebiet zu (S. 85ff.). Er teilt die Expansion des Ordens in mehrere Etappen ein, wobei ihm die Gründungsdaten der Kommenden als Indikator dienen. Die Entstehung von nicht weniger als 15 Kommenden auf relativ engem Raum erklärt er mit der Förderung durch weite Kreise des regionalen, vor allem des ritterbürtigen Adels (S. 108ff.) und des Klerus’ (S. 133ff.) in den ersten Phasen. Als häufigste Form der Protegierung dienten Besitzübertragungen in der Folgezeit als Bindeglied zwischen Orden und sozialer Umwelt und somit zum Aufbau dauerhafter Beziehungen (S. 161ff.)
Im zweiten Teil wendet sich Carraz den Ordensmitgliedern selbst zu (S. 189ff.). Dazu untersucht er zunächst den Erwerb des Ordensbesitzes, seine Verteilung und Bewirtschaftung (S. 234ff.). Die Brüder selbst werden unter den Aspekten Herkunft, Anzahl und ihrer Rolle in der Ordensprovinz beleuchtet (S. 285ff.). Hinsichtlich der familia des Ritterordens wird vor allem die Bedeutung der Seelsorge, der Möglichkeiten zur Affiliierung und zur Bestattung auf einem Ordensfriedhof für die wachsende Integration in die okzitanische Gesellschaft betont (S. 325ff.). Trotzdem, und obwohl Ritterorden und laikale Oberschichten gemeinsame Werte teilten (S. 396 ff.), verschlechterten sich die Beziehungen (S. 370ff.).
Der dritte Teil der Arbeit beschäftigt sich mit den »temps des épreuves« ab 1220 bis zur Auflösung des Ordens (S. 419ff.). Zunächst blieben die als Albigenserkreuzzüge bekannten Kriege im Midi nicht ohne Auswirkungen auf den Orden (S. 428ff.) Auch die Machtübernahme des kapetingischen Königtums und der Anjou stellte die Templer vor Herausforderungen, auch wenn sich gerade zu den angevinischen Grafen enge Beziehungen entwickelten (S. 446ff.). Ein weiterer Problemkomplex ergab sich aus dem chronisch angespannten Verhältnis zum Klerus, insbesondere zum Episkopat, der sich angesichts der umfangreichen Privilegien und Besitzungen des Ordens um einen Teil seiner Einkünfte gebracht sah (S. 462ff.). Mit dem achten Kapitel schließt Carraz an die eingangs gemachten Überlegungen zur Kreuzzugsbegeisterung an (S. 479ff.), indem die Region als Rekrutierungs- und Nachschubbasis für die Kreuzfahrerstaaten im Allgemeinen, nicht nur für die Ritterorden, untersucht wird. Für das 13. Jh. konstatiert Carraz auch für das Midi einen allmählichen Stimmungsumschwung gegenüber den Templern (S. 487ff.), der sich am augenscheinlichsten im Verfall des Ansehens und in einer steigenden Anzahl von Konflikten äußerte, denen meist ökonomische Interessen zu Grunde lagen (S. 512). Ihren Abschluss findet die Arbeit mit einer Beschreibung des Templerprozesses an der unteren Rhône, der in der Übertragung der Ordensgüter an die Johanniter mündete (S. 523ff.). Mehrere Genealogien, eine Übersicht über die verwendeten Archivalien, eine ausführliche Bibliographie und drei Indices schließen den mit zahlreichen Tabellen und Grafiken versehenen Band ab.
Zurecht hebt Alain Demurger in seinem lobenden Vorwort hervor, dass Damien Carraz mit seiner Untersuchung Neuland beschritten hat. Zwar erschien vor wenigen Jahren die Studie Dominic Selwoods1, doch konnten danach weder Thema noch Region als aufgearbeitet gelten. Aufbauend auf einer fundierten Kenntnis der reichen Überlieferung gelingt es dem Autor, bisher vernachlässigte Aspekte der Ordensgeschichte aufzuarbeiten. Da der Forschungsschwerpunkt bisher auf der Besitz- und Wirtschaftsgeschichte des Ordens lag, blieben Verhältnis zu und Einbindung in die Gesellschaft oft im Dunkeln oder wurden pauschalisiert. Carraz beschreibt nun detailliert den Auf- und Abstieg des Ordens und die sich daraus ergebenden – positiven wie negativen – Implikationen. Die profunde Kenntnis der Literatur weit über den regionalen Horizont hinaus hilft ihm, Besonderheiten seiner Region nicht zum Charakteristikum des Gesamtordens zu stilisieren. Wer mag, könnte das Kapitel zu Provence und Kreuzzügen hinterfragen, da es kaum Neues bringt. Es entsprang der Absicht, den Orden eben nicht isoliert, sondern in der Zeit zu betrachten. Inhaltlich ist anzumerken, dass der Ordensklerus eher blass bleibt. Auch mutet es zu intentionalistisch an, wenn hinter der Ausbreitung von Ordensseite ein dezidiert systematisches Vorgehen vermutet wird (S. 85, S. 100). Jedoch vermag Kritik an einzelnen Details den mehr als positiven Gesamteindruck dieser verdienstvollen Arbeit kaum zu trüben. Zu bedauern bleibt lediglich, dass über 1000 Urkunden, die in der maschinenschriftlichen Fassung zumeist kritisch ediert wurden, aus nachvollziehbaren Gründen nicht mit zum Druck gebracht werden konnten. Es steht zu hoffen, dass dieses Material, das die gesamte Überlieferung mehrerer Templerkommenden an der unteren Rhône umfasst, in naher Zukunft der Forschung zugänglich gemacht wird. Eine sowohl hinsichtlich der Dichte als auch des Umfangs bisher einmalige Gelegenheit, die die Ritterordensforschung, gerade mit Blick auf die Editionslage zu den regionalen Johanniterkommenden, sicher enorm bereichern würde.
1 Selwood, Dominic, Knights of the cloister. Templars and Hospitallers in Central-Southern Occitania c. 1100 – c. 1300, Woodbridge 1999.
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