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M. Bur (Hg.): La Champagne médiévale (Frank G. Hirschmann)

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Michel Bur, La Champagne médiévale. Recueil d’articles

Francia-Recensio 2008/4 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Michel Bur, La Champagne médiévale. Recueil d’articles, Langres (Dominique Guéniot éditeur) 2005, 792 S., ISBN 2-87825-311-6, EUR 59,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Frank G. Hirschmann, Trier

Der zu besprechende Band umfasst 45 Aufsätze, die das überaus ertragreiche Forscherleben Michel Burs nahezu vollständig wiedergeben und hier für den Druck teils leicht überarbeitet und insbesondere bei Grafiken und Tabellen modernisiert wurden. Zu Recht betonen die Herausgeber, er solle im Regal neben Burs 1977 erschienener Doktorarbeit »La formation du comté de Champagne (vers 950–vers 1150)« stehen. Beide zusammen geben – basierend auf profunder Kenntnis der Schriftquellen und archäologischen Ergebnissen – das dank des Wirkens M. Burs heute sehr umfangreiche Wissen über die früh- und hochmittelalterliche Champagne nahezu vollständig wieder, wobei das Schriftenverzeichnis Burs (S. 15–23) dessen überaus reiches und vielfältiges Schaffen in den letzten 40 Jahren dokumentiert. Das einleitende Kap. »Les structures féodales« besteht aus dem Aufsatz »Remarques sur la formation des principautés en France (IXe–XIIIe siècles)« (S. 27–41), worin Bur aufzeigt, wie die schwache karolingische Zentralgewalt neue Raumeinheiten entstehen ließ, und zwar zunächst an der Peripherie des Reiches. Diese Fürstentümer stießen an ihre Grenzen durch die Einheit des Reichs unter der Krone, durch die Rolle der Bischöfe, die allerdings nicht mit der des Reichsepiskopats vergleichbar war, sowie durch die sich wieder verfestigende Königsherrschaft spätestens seit Philipp II. August.

Unter der Überschrift »Lignages et parentèles« ist eine Reihe vorwiegend genealogischer und prosopographischer Studien zusammengefaßt, wobei der Autor stets sowohl die kleinräumigen lokalen Verhältnisse als auch die Rolle des französischen Königtums sowie des Reiches in seine Analysen einbezieht. Drei Studien sind dem Selbstverständnis der champagnischen Grafendynastie gewidmet, deren Genealogie der Châlonser Domkantor Guy de Bazoches verfasst hat: »À propos du nom d’Étienne: le mariage aquitain de Louis V et la dévolution des comtés champenois« (S. 47–57), »L’image de la parenté chez les comtes de Champagne« (S. 59–89) sowie »Mémoire des ancêtres et généalogie critique. Les silences de Guy de Bazoches« (S. 91–95). Der Beitrag »Capétiens et Thibaudiens autour de 1198. Neveux ou cousins?« (S. 97–108) zeigt die verwandtschaftlichen Beziehungen des kapetingischen Königshauses und der Grafen von Blois-Champagne mit detaillierten Stammbäumen auf. Der letzte Aufsatz dieses ersten Hauptteils widmet sich unter dem Titel »Une célébration sélective de la parentèle. Le tombeau de Marie de Dreux à Saint-Yved de Braine (XIIIe siècle)« (S. 109–126) einer hohen Adeligen, welche in die Familie der Grafen von Dreux einheiratete und durch die Ikonographie ihrer Grablege ihre Abstammung vom Haus Boruborn betonte. Besonders wertvoll ist dieser erste Hauptteil dadurch, dass die Beiträge alle mit Stammbäumen und Karten versehen sind und auf breiter Kenntnis der regionalen und lokalen Besitzverhältnisse und Beziehungsgeflechte wie auch der großen politischen Zusammenhänge basieren.

Einer der Schwerpunkte der Arbeit Burs befasste sich mit den raumwirksamen Kräften und der Herausbildung des Grenzraumes zwischen der Champagne und Lothringen und somit zwischen dem Königreich Frankreich und dem Reich und wird im vorl. Band unter der Überschrift »Espaces et frontières« zusammengefasst. Der Beitrag »Pour une charte des pagi champenois à l’époque carolingienne (IXe–Xe siècles)« (S. 131–140) kommt auf breiter Datenbasis zu neuen Erkenntnissen über die champagnischen Gaue des 9. und 10. Jh. und setzt diese in eine Karte um. Mit »La frontière entre la Champagne et la Lorraine du milieu du Xe à la fin du XIIe siècle« (S. 141–160) schließt Bur die zeitliche Lücke zwischen den bis dato behandelten Epochen bis 911 und ab 1286, Rolle der Adelshäuser zwischen westfränkisch-französischem und ostfränkisch-deutschem König- bzw. Kaisertum. Daran anknüpfend fokussiert seine Studie »Recherches sur la frontière dans la région mosane aux XIIe et XIIIe siècles« (S. 161–179) die Rolle Friedrich Barbarossas und Philipps des Schönen, dem der erneute Zugriff auf das Barrois gelang. Mit »En marge du rattachement de la Champagne au domaine royal. Les enjeux de la politique territoriale dans les hautes vallées de la Marne, de la Meuse et de la Saône au XIIIe siècle« (S. 181–199) liegt eine Mikrostudie vor, welche die Spielräume und Wirkungsfelder der kleineren Herren, der Grafen von Bar, der Champagnegrafen, des Reiches und des französischen Königtums im Übergangsraum zwischen Champagne, Lothringen und Burgund aufzeigt. Unter dem Titel »Rôle et place de la Champagne dans le royaume de France au temps de Philippe Auguste« (S. 201–218) arbeitet der Verfasser den Rückhalt des Königs durch das Haus Champagne in seinen Auseinandersetzungen mit den Grafen von Flandern und den Plantagenêts als entscheidenden Faktor der starken Königsherrschaft Philipps II. August heraus. In dem Beitrag »De quelques Champenois dans l’entourage français des rois d’Angleterre aux XIe et XIIe siècles« (S. 219–238) zeigt er die teilweise Hinwendung des westchampagnischen Adels zur englischen Krone auf. »Noblesse transfrontalière et succession namuroise. Le comte de Champagne dans le diocèse de Reims au XIIe siècle« (S. 239–256) widmet sich dem gescheiterten Zugriffsversuch Graf Heinrichs II. von Troyes auf die von Barbarossa geschaffene Markgrafschaft Namur. Anschließend richtet sich noch einmal der Blick nach Süden, indem Bur unter dem Titel »Les relations entre la Champagne et la Franche-Comté (Xe–XIIIe siècles)« (S. 257–270) vor allem die Handelsbeziehungen sowie die Beziehungen der Grafenfamilien der Champagne und Burgunds herausarbeitet. Der zweite Hauptteil wird abgeschlossen mit der Studie »Jeanne d’Arc et la chapelle de Bermont. Recherche sur l’origine d’une possession de Bourgueil dans la haute vallée de la Meuse (Xe–XIIIe siècles)« (S. 271–281).

Neben seiner breiten Kenntnis und ebenso akribischer wie neue Wege der Interpretation beschreibender Analyse der Schriftquellen widmete Bur einen großen Teil seines Forscherlebens der Erforschung der Champagne mit dem Spaten, ja, er kann als eigentlicher Begründer der Mittelalterarchäologie in diesem Raum gelten. Die wichtigsten Ergebnisse sind in dem dritten Hauptteil unter der sprechenden Überschrift »Les archives du sol« zusammengefasst, dessen erster Aufsatz »Vers l’an mil. La motte, une arme pour une révolution« (S. 287–302) die enorme Bedeutung der sog. Motten für die Herausbildung der adeligen Grundherrschaften herausstellt und betont, dass vor einer Analyse eine systematische Erfassung und Katalogisierung dieser Wehrbauten zu stehen hat. Genau dies setzt der folgende Beitrag »Essai de typologie de l’habitat seugneurial dans l’Argonne aux XIe–XIIIe siècles, d’après des vestiges relevés sur le terrain« (S. 303–322) um. Er vergleicht die 31 archäologisch noch fassbaren Adelssitze in jenem Höhenzug, der die Champagne von Lothringen trennt, sowie deren Bezeichnungen in den Quellen, ihre Bausubstanz, ihre Bauzeit und ihre Erbauer und gelangt so zu einer Typologie, wobei er insbesondere zwischen den auf einem Sporn ohne direkten Bezug zur Siedlung und den tiefer gelegenen Adelssitzen bei einer Siedlung unterscheidet. Eben diese beiden Typen konnten auch für die frühesten champagnischen Adelssitze des 11. Jh. aufgezeigt und in der Studie »Recherches sur les plus anciennes mottes castrales de Champagne« (S. 323–340) vorgestellt werden, wogegen der Beitrag »Mottes multiples et groupes de mottes, un problème de définition« (S. 341–354) weitere Fragen der Typologie in den Blick nimmt. Eine Bestandsübersicht bietet auch der Artikel »L’habitat médiéval fortifié dans l’Est de la France. Les sites fossoyés de Champagne« (S. 355–369) über die 80 mit Gräben befestigten champagnischen Siedlungen, die anhand der Archäologie und bzw. oder der Schriftquellen nachweisbar sind. Die Mikrostudie über das Tal des Thin im frühen Mittelalter »Histoire et palynologie. Occupation du sol et peuplement dans la vallée du Thin (Ardennes) au haut Moyen Âge« (S. 371–381) schließt den vorwiegend archäologisch geprägten Hauptteil ab.

Burs breit gefächertes Wirken als Landesgeschichtler dokumentieren die unter dem Titel »L’horizon rural et urbain« zusammengefassten Aufsätze. Die Beiträge »Le défrichement et le partage de la forêt du Mans près de Meaux (1150–1250). Contribution à l’étude de Saint-Denis dans la Brie« (S. 387–421) und »Aux origines du fermage. L’exemple du chapitre cathédral de Meaux« (S. 423–441) widmen sich geistlichen Grundherrschaften um die Kathedralstadt Meaux im Westen der Champagne. Ebenjene bis heute schlecht erforschte Stadt steht im Mittelpunkt der Studie »Meaux dans l’histoire de la Champagne du Xe au XIIe siècle« (S. 443–451). Die diplomatische Studie »Diplôme de Charles le Chauve du 22 novembre 864 relatif à la monnaie de Châlons-sur-Marne: un faux« (S. 453–461) erbringt den Nachweis, dass es sich bei dem angeblichen Münzprivileg Karls des Kahlen für Châlons um eine Fälschung des späten 11. Jh. handelt. Grundlegend für wirtschaftsgeschichtliche Fragestellungen des 11. und 12. Jh. sind die drei Beiträge »Remarques sur les plus anciens documents concernant les foires de Champagne« (S. 463–484), »Note sur quelques petites foires comtales de Champagne« (S. 485–497) und »Les ›autres‹ foires de Champagne« (S. 499–514), da sie zusammengenommen erstmals einen Überblick über die Ursprünge der berühmten Champagnemessen, aber auch der sonstigen in jenem Raum abgehaltenen und abgesehen von den Grafen auch von den Bischöfen oder kleineren Herren ins Leben gerufenen Jahrmärkte bieten. Zwei weitere Beiträge widmen sich der Siedlungsgenese: In »Menra, speculum temporis acti« (S. 515–523) beleuchtet Bur die Entwicklung des bereits auf Reichsgebiet im äußersten Norden der Champagne gelegenen Burgortes Manre, der als Sitz einer Burggrafschaft der Grafen von Grandpré im 13. Jh. einen bescheidenen Aufstieg nahm, und mit »De la villa d’Olonne à la ville de Saint-Dizier. Recherches sur le processus d’urbanisation en Champagne du VIIIe au XIIIe siècle« (S. 525–538) zeichnet er den Weg nach, den mehrere geistliche und adelige Grundherrschaften im Marnetal nahmen, die schließlich im 13. Jh. zu dem sich unter den Herren von Grandpré recht dynamisch entwickelnden Mittelzentrum St. Dizier führten.

Nach Prosopographie und Adelsgeschichte, Mittelalterarchäologie und Landesgeschichte dokumentiert der vorl. Band auch Burs Interesse an der Geschichte der Orden und geistlichen Institutionen, hier zusammengestellt unter der Überschrift »Des moines noirs aux trinitaires«. Der Beitrag »Les possessions de Gorze en Champagne. VIIIe–XIIe siècles« (S. 543–557) liefert einen kompletten Überblick über die Besitzungen des bedeutenden lothringischen Reformklosters Gorze in der Champagne. Unter dem Titel »Saint-Thierry et le renouveau monastique dans le diocèse de Reims au Xe siècle« (S. 559–573) betont der Verfasser die Rolle des unweit von Reims gelegenen Klosters St. Thierry für die Reformen des 10. Jh.. Gleich mehrere Studien widmen sich den verschiedensten Aspekten der champagnischen Benediktinerabtei Montier-en-Der: »À propos du chapitre XXXVIII du polyptique de Montier-en-Der. Aperçu sur la structure et le fonctionnement d’un grand domaine du IXe au XIIIe siècle« (S. 575–587), »L’abbaye de Montier-en-Der face aux princes et aux évêques (XIe–XIIe siècles)« (S. 589–610) und »Conclusion du colloque de Montier-en-Der. Sous le baldaquin« (S. 611–615). Die Studie »Le monachisme en Champagne méridionale et dans le nord du diocèse de Langres à l’arrivée de saint Bernard à Clairvaux en 1115« (S. 617–634) zeigt gewissermaßen den monastischen Nährboden auf, auf dem sich Molesme und später Clairvaux entwickeln konnten, und präsentiert den Übergangsraum zwischen Champagne und Burgund als außerordentlich dicht mit Klöstern besetzte Landschaft. Der Aufsatz »Les comtes de Champagne et les templiers« (S. 635–642) bietet einen knappen Überblick über die Geschichte des Templerordens in der Champagne. Schließlich nimmt der Beitrag »Enquête sur Hugues-Félix de Valois. Cofondateur de l’ordre des trinitaires« (S. 643–650) einen von der Ordensgeschichte häufig vernachlässigten Orden in den Blick, nämlich die Trinitarier, einen ihrer Begründer und ihre champagnischen Wurzeln.

Der letzte Hauptteil schließlich widmet sich unter der Überschrift »Reims, ville des sacres et des conciles« der Rolle der Kathedralstadt Reims für die französische Monarchie. Die Studie »Reims, ville des sacres« (S. 655–665) betont insbesondere die Bedeutung, die der Erwerb der Grafenrechte durch Erzbischof Ebles de Roucy 1023 für die Festigung des Krönungsortes Reims unter den frühen Kapetingern hatte. »Aux origines de la ›religion de Reims‹. Les sacres carolingiens et post-carolingiens. Un ré-examen du dossier (751–1131)« (S. 668–693) liefert einen sehr verdienstvollen Überblick über die Krönungsorte der französischen Könige und zeigt dabei auf, wie sich Reims allmählich als unumstrittener Krönungsort etablierte. Der Aufsatz »Saint-Denis et Saint-Remi. À propos d’un livre récent« (S. 695–702) setzt sich mit dem 1983 von H. Beumann herausgegebenen Band »Beiträge zur Bildung der französischen Nation im Früh- und Hochmittelalter« auseinander und konzentriert sich dabei insbesondere auf die Rivalität zwischen St. Denis bei Paris und St. Remi bei Reims. Nach einem kurzen Beitrag zum Thema »L’historiographie à Reims et la Chronique de Mouzon (IXe–XIe siècles)« (S. 703–705) folgt die grundlegende Studie »À propos de la Chronique de Mouzon. Architecture et liturgie à Reims au temps d’Adalbéron (vers 976)« (S. 707–736), in welcher die schillernde Persönlichkeit des Reimes Erzbischofs Adalbero und dessen Impulse für das monastische Leben untersucht werden. Mit dem Beitrag »Léon IX et la France (1026–1054)« (S. 737–761) bietet Bur nicht nur eine Übersicht über das Wirken Papst Leos IX. für und in Frankreich, sondern stellt insbesondere heraus, wie dieser sich unabhängig seiner Herkunft aus dem Reichsepiskopat um eine klare Trennung von Sacerdotium und Imperium bemühte. Als Conclusion »Une mémoire toujours vivante« enthält der Band schließlich noch einen Beitrag über die Geschichte und Bedeutung eines im 19. Jh. errichteten Grabdenkmals Graf Heinrichs I. von Champagne: »A l’ombre d’Urbain II, un mémorial oublié. La statue d’Henri le Libéral à Igny-le-Jard« (S. 765–781).

Alles in allem wird der Band künftig als Standardwerk zu diesem Thema zu gelten haben, zumal es den überaus umfassenden Horizont des Forschers dokumentiert, der die »Archives du sol« ebenso erschlossen hat wie eine Fülle bis dahin unbekannter oder nicht gebührend ausgewerteter Schriftquellen. Alle, die zu diesem Thema arbeiten, müssen das Werk Michel Burs zur Kenntnis nehmen, und hier liegt es konzentriert – und in sehr hochwertiger und ansprechender Aufmachung mit über 80 Karten, Stammbäumen und Illustrationen – vor. Es wird. Umso bedauerlicher ist jedoch, dass dem Band ein Register fehlt. Gerade wegen der Fülle der Themen, Orte und Personen wäre ein solches eigentlich unverzichtbar, denn so bleibt vieles, von dem, was Michel Bur neu aufgezeigt hat, beim ersten Zugriff unerschlossen, und der Wert des Bandes als Ergänzung zu »La fondation de la Champagne« wird erheblich geschmälert.

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Dokument zuletzt verändert am: Feb 28, 2012 09:42 AM
Zugriff vom: May 24, 2012