J. Berlioz (Hg.): Stephani de Borbone, Tractatus (Wendelin Knoch)
Stephani de Borbone,
Tractatus de diversis materiis predicabilibus. Tertia
pars, cura et studio Jacques Berlioz, Turnhout (Brepols) 2006,
XXVIII–686 S. (Corpus christianorum. Continuatio Mediaeualis, 124
B), ISBN 2-503-04245-7, EUR 310,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Wendelin Knoch, Bochum
Stephan von Bourbon, wegen seines Geburtsortes Belleville-sur-Saône (Diözese Lyon) auch Stephan von Bellavilla genannt, ist um 1180 bzw. 1190/95 geboren und in Lyon ca. 1261 verstorben. Zu seiner Ausbildung gehört auch der Besuch der Pariser Universität (seit 1231). Prägend allerdings wurde sein Eintritt in den Dominikanerorden 1223 in Lyon. Gemäß den Zielen des Ordens hat er fast 30 Jahre als Prediger gewirkt, zudem um 1235 das Amt des Inquisitors in der Diözese von Valence innegehabt, wobei seine Tätigkeit hier vor allem gegen die Waldenser gerichtet war. Die Tätigkeit Stephans von Borbone ist also dem Wirken der Inquisition eingefügt, die – zunächst als Disziplinarverfahren bei der Klerusreform im 12. Jh. eingeführt – seit dem 13. Jh. als Instrument der Ketzerverfolgung diente (siehe dazu den Ordo Processus Narbonensis von 1244). Der verfahrensrechtlich klar strukturierte Prozeß hat dann in Frankreich in der Mitte des 13. Jhs. eine deutliche Verschärfung erfahren, indem in einer summarischen Prozeßform dem Angeklagten kaum mehr Verteidigungsmöglichkeiten eingeräumt waren1. Stephan hat als engagierter Inquisitor und bekannter Prediger in den letzten fünf Jahren seines Lebens als Hauptwerk den Tractatus de diversis materiis predicabilibus verfaßt.
Der Tractatus reiht sich ein in die zahlreichen Hilfsmittel, die den Predigern jener Zeit zur Verfügung standen. Nicht nur auf die Predigt selbst, sondern auch auf die Weiterbildung der Prediger ausgerichtet, relatiert Stephan in diesem Traktat Väterzitate, Texte aus Florilegien und sonstige thematisch passende hagiographische und historiographische Quellen2. Stephan intendiert, mit Hilfe seines Traktates die christliche Moral zu stärken. Deshalb strukturiert er sein Werk nach einem klaren Schema, das zugleich den anderen Titel erklärt, unter dem sein Tractatus zitiert wird: De septem donis Spiritus Sancti.
J. Berlioz, auf dem Feld der mediävistischen Predigtforschung mittlerweile ein vielfach ausgewiesener Autor, kann mit der vorzustellenden Edition an ein Thema anknüpfen, das ihn bereits im Rahmen seiner Pariser Doktoratsstudien beschäftigt hat. Mit der nun fertiggestellten tertia pars des Tractatus findet das Gesamtprojekt seine erfreulich rasche Fortsetzung. Der Conspectus Materiae (S. 683f.) erschließt den Inhalt des vorliegenden Bandes, der bewährten Editionskriterien folgt. Der Herausgeber folgt konsequent der Linie, im Text von Stephan ausgewiesene Zitate in »antikisierender« Textgestalt wiederzugeben, also das »v« der Schreibweise auch dort beizubehalten, wo die lateinische Textgestalt üblicherweise ein »u« ausweist. Auch dieser Band überzeugt durch die sorgfältige Erarbeitung des Textes sowie die lückenlose Präsentation der geleisteten Arbeitsschritte und der herangezogenen Literatur.
Dem Leser präsentieren sich zunächst schwerpunktmäßig die Aussagen Stephans, die dem Sakrament der Buße gelten. Hier entkräftet der Autor den immer wieder erhobenen Vorwurf der Praxisferne scholastischer Traktate dadurch, daß er dieses Sakrament vom konkreten Glaubensleben der Kirche her entfaltet und dies entsprechend differenziert in den einzelnen Kapiteln ausführt. Es sind Einsichten, die gerade für den Empfänger des Bußsakramentes von grundlegender Bedeutung sind: Ausgehend vom allgemeinen Verständnis des Sakramentes wendet sich Stephan dem Sündenbekenntnis und seiner Bedeutung zu, benennt einzelne herausragende Gravamina und verschweigt die Erschwernisse nicht, die einem Bekenntnis entgegenstehen. Auch die Wiedergutmachung ist deshalb von ihm thematisiert, sofern er hier auf das Fasten abhebt und zwischen leiblichem und geistlichem Fasten unterscheidet. Diesen in Kapitel 1 bis 5 konzentriert vorgestellten Aussagen über das Bußsakrament schließt Stephan in Kapitel 6 Ausführungen zur Wallfahrt an, verdeutlicht ihre notwendige Intention ebenso wie die durch sie gewährte Gnade; zudem stellt er die Beweggründe dar, die den Gläubigen zu einer Wallfahrt bewegen. Kapitel 7 ist dem Gebet gewidmet. Stephan erläutert die Kraft des Gebetes auch gegenüber dem Teufel und seinen Versuchungen, die das Gebet auszuhöhlen trachten. Er erläutert die rechte Weise des Betens und verdeutlicht seine heilsamen Wirkungen. Der Bezug zu den Predigern seiner Ordensgemeinschaft wird dann deutlich, wenn er den Blick auf die Mönchsregeln einfügt. Er schließt Erläuterungen zum Fürbitt-, Dank- und Preisgebet an. Den Abschluß bildet – in Unterscheidung von dem Gebet des Herzens und des Mundes – das »Gebet des guten Werkes«, in dreifacher Weise thematisiert im Blick auf das Martyrium, die Großherzigkeit gegenüber den Armen und die Treue der Erfüllung übernommener (geistlicher) Pflichten. Hier zeigt sich eine selbstverständliche Verschränkung von spirituellem und karitativem Vollzug im Leben des Christen, die auch dem Theologen von heute etwas zu sagen hat.
Wichtige, gründlich erarbeitete Anhänge unterstreichen den Wert des hier textkritisch edierten dritten Teils des Tractatus. Der Herausgeber präsentiert (in französischer Sprache differenziert ausgeführt) zunächst die »Tabula materiae tertiae partis« (S. 405–425). Es schließt sich eine Quellenanalyse an (S. 427–564): »Fontes exemplorum similitudinumque«. Diese ist auch deshalb besonders ertragreich, weil hier das breite Allgemeinwissen und der hohe Kenntnisstand Stephans umfassend ans Licht gebracht werden. – Eine »Tabula concordantiae exemplorum« als Appendix schließt den Editionsteil ab (S. 565–578). In Verbindung mit den zugehörigen Angaben des Quellenapparates und der Indices wird sie sich auch für die Erschließung anderer Artes praedicandi und Exempelbücher der Zeit als nützlich erweisen. Eigens in ihrer Bedeutung unterstrichen seien die Indices (579-680), gegliedert nach dem Verzeichnis der Schriftzitate, dem »Index auctorum, relatorum et operum anonymorum« sowie dem »Index personarum, locorum rerumque exemplorum« und gefolgt von einem kurzen Glossarium und den Errata des Prologes und des ersten Teiles. Durch diese akribische, mühevolle Arbeit ermöglicht es Jacques Berlioz dem Leser, sich nicht nur gezielt thematisch einzelnen Aussagen Stephans zu nähern, sondern überdies seine Akzente auch den Inhalten anderer Predigtwerke seiner Ordensbrüder zuzuordnen3.
Der vorliegende Editionsband bereichert nicht nur die eindrucksvolle Reihe des »Corpus christianorum, Continuatio mediaeualis«. Er bestätigt neben der bewährten Editionspraxis des Verlages Brepols nachdrücklich die Bedeutung, welche die Predigtliteratur des Hochmittelalters besitzt. J. Berlioz bringt mit seiner Edition, die den gesamten Traktat im Blick hat, eine Perle dieses Schatzes ans Licht. Der hier vorzustellende Editionsband ist Mediävisten aller Fachrichtungen nachdrücklich für Lektüre und Studium zu empfehlen.
1 Siehe Lexikon des Mittelalters, Bd. 5, Sp. 441f.
2 Zum Ganzen siehe M. Menzel, Predigt und Geschichte. Historische Exempel in der geistlichen Rhetorik des Mittelalters, Köln, Weimar, Wien 1998, hier bes. S. 175.
3 Siehe z. B. Nikolaus von Hannapes OP (um 1225-1291). Dazu W. Knoch, Ein bisher unbekannter Textzeuge des Promptuarium Virtutum vitiorumque exempla des Nikolaus von Hannapes OP. Codex palat. 111, Biblioteca Nazionale di Firenze, in: Archivum Fratrum Praedicatorum 73 (2003) 143–156.
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