M. Wrede: Das Reich und seine Feinde (Friedrich Beiderbeck)
Martin Wrede, Das Reich und seine Feinde.
Politische Feindbilder in der reichspatriotischen Publizistik
zwischen Westfälischem Frieden und Siebenjährigem Krieg,
Mainz (Philipp von Zabern) 2005, VII–669 S. (Veröffentlichungen
des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, 196), ISBN
3-8053-3431-1, EUR 55,50.
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Die Frage nach der Entstehung einer deutschen Nation beschäftigt seit einigen Jahren verstärkt auch die Frühneuzeitforschung, wobei damit dann nahezu zwangsläufig ein Forschungsinteresse verbunden ist, das die hergebrachte enge Verbindung der Nationswerdung mit dem Staatsbildungsprozess des 19. Jhs. aufkündigt und die Betrachtung der Historie des römisch-deutschen Reiches gewissermaßen zu einer deutschen Nationalgeschichte aufwertet (W. Burgdorf u.a.). Die notwendige Untersuchung von Kontinuitäten nationalen Bewusstseins im frühneuzeitlichen Zeithorizont hat bislang bestätigt, dass die Nationswerdung der Staatsbildung Deutschlands bedeutend vorausgeht. Die vorliegende Studie, entstanden als Dissertation an der Universität Osnabrück, hat in diesem Forschungskontext mit der Untersuchung der Wechselwirkung zwischen Feindbildern und nationaler Identitätsbildung ein Desiderat erfüllt.
Auch für die staatliche Entwicklung des Alten Reiches gilt, dass äußeres Kriegführen ein probates Mittel zu innerer Integration, Mobilisierung und Identitätskonsolidierung darstellte. Instrumentalisiert wurden dabei ebenso nationale, dynastische und konfessionelle wie bisweilen sogar rassistische Argumentationsmuster; die propagandistische Mobilmachung nutzte in umfassender Weise politisch und kulturell aus dem Vollen schöpfende und emotional aufgeladene Feindbilder, die in ihrer Struktur und vielgestaltigen Verwendungsweise immer auch Rückschlüsse auf den Zustand und das Selbstbild ihres Urhebers gestatten. Es geht im Rahmen der Situation von Krieg und Verteidigung um die »Bestimmung des Verhältnisses des Reiches zu seinen ›Feinden‹ in der reichspatriotischen Publizistik« (S. 1). Dabei erscheint dem Verfasser der Begriff »Reichspatriotismus« in Abgrenzung etwa zu »Nationalismus« oder »Nationalbewusstsein« aufgrund seiner Ausrichtung an Reichsidee und Kaisertum als der bessere, wobei dann das komplexe Verhältnis von Reichsgedanke und Nationsbegriff besondere Aufmerksamkeit verdient.
Wrede analysiert die entsprechenden reichspatriotischen Bekundungen in sehr komplexer, klar strukturierter und stringenter Weise anhand dreier »Reichsfeinde«: der Türkei, Schweden und Frankreich. Der untersuchte, äußerst umfangreiche Quellenbestand setzt sich größtenteils zusammen aus reichspatriotischen Flugschriften, aber auch aus politischen Zeitschriften oder juristischen Abhandlungen. Deren Auswertung erlaubt dem Verfasser die Einschätzung, dass die politische Publizistik als Auftragsarbeit höfischer Eliten zwar zunächst einen höfisch-diplomatischen Rezipientenkreis mit reichsrechtlichen und anderen Spezialkenntnissen voraussetzte, als Propaganda aber darüber hinaus eine sehr viel breitere Öffentlichkeit erreichen konnte und wollte. Diese Flugschriften- und Zeitungsliteratur konstituierte durchaus einen nationalen Kommunikationsraum, der die Gesamtheit der Reichsuntertanen, also auch den sog. Gemeinen Mann, einschließen konnte. Es gehört zu den klar konturierten Ergebnissen, sichtbar zu machen, in welch hohem Maß das Reich trotz seiner vorstaatlichen Gestalt als politischer Fixpunkt und Identifikationsrahmen der deutschen Nation diente, der dem Rekurs auf Kaiser und Reichsverfassung grundlegende politische Legitimation verlieh.
Auch in der 2. Hälfte des 17. Jhs. besaß das Türkenbild noch heilsgeschichtlich-theologische Relevanz und diente konfessioneller Polemik. Das Bild von einer gesamtchristlichen Bedrohung überlagerte andere Wahrnehmungsmuster, allerdings wurde die Abwehrleistung von Reich und Kaisertum auch zu einem eindeutigen Faktor nationaler Selbsterhaltung und Integration. Wichtig ist hier die Beobachtung, dass der Niedergang des Osmanischen Reiches nach 1700 eine Rückwirkung ausübte auf die Enteschatologisierung religiöser Bedrohungsszenarien; die tiefgreifende Veränderung des biblisch-universalhistorischen Denkgebäudes zu einer neuen, zunehmend säkularen Vorstellungswelt spiegelt sich in der erfolgreichen militärisch-politischen Bewältigung der Türkengefahr des 16./17. Jhs. Als nächste Konsequenz zeigt der Verfasser sehr plastisch, dass die politische Entschärfung des »Erbfeindes« Türkei eine »ästhetische Domestizierung« nach sich zog. Die sich in der »Türkenmode«, in bildender Kunst, Theater und Literatur artikulierenden Vorstellungen vom »Türken« zeigten nun einen eher harmlosen, aber »farbenprächtigen Exoten«; eine nachhaltige Wandlung vom flagellum Dei zur Modefigur und zum Opernhelden.
Die plakative, protestantisch legitimierte Intervention Schwedens im Dreißigjährigen Krieg bedeutete zunächst die Entstehung eines ausgeprägten Feindbildkomplexes in katholischen und kaisertreuen Reihen im Reich. Unabhängig von der schrittweisen Verklärung der Gestalt Gustav Adolfs finden sich nach 1648 auch auf protestantischer, besonders brandenburgischer, Seite antischwedische Ressentiments. Nunmehr habe sich das Feinbild darauf konzentriert, angebliche materielle und territoriale Begierden Schwedens im Reich zu denunzieren, wobei dem Fremdbild eine weitere negative Eigenschaft zur Seite gestellt wurde: im Unterschied zur deutschen Nation manifestiere sich die zivilisatorische Unterlegenheit der Schweden darin, dass sie als ein wirtschaftlich rückständiges, räuberisches Volk die Ostsee überquerten, um das entwickelte und höherstehende Deutsche Reich zu berauben. Der Verfasser unterstreicht, wie stark sich trotz der neuen, kompetitiven und von der Westfälischen Friedensordnung her prinzipiell egalitär ausgerichteten Staatenordnung Europas das Reichsbewusstsein, ein besonderes deutsches System zu verkörpern, erhalten hat: Kaiser und Reichsverfassung standen nach wie vor für die »deutsche Libertät«. Schweden erwies sich als unfähig, diese Rechtsordnung zu beachten und wurde dafür von der reichspatriotischen Propaganda seiner Reichsstandschaft für unwürdig erklärt. Besonders Brandenburg versuchte in dieser Richtung zu argumentieren, um den Faktor der konfessionellen Verwandtschaft, der noch im Dreißigjährigen Krieg eine Rolle gespielt hatte, zu überdecken. Als besonders feindbildtauglich erwies sich die Tatsache, dass Schweden traditionell als Frankreichs Bündnispartner in Reichsangelegenheiten eingriff. Mit dieser Allianz schien sich die schwedische Seite spätestens seit Beginn der offensiven ludovizianischen Kriegspolitik in der 2. Hälfte des 17. Jhs. endgültig selbst zu desavouieren, wenn es um die Glaubwürdigkeit als Schutzmacht von Protestantismus und »deutscher Freiheit« ging. Ein ähnlich intensiv wahrgenommenes Bedrohungspotential, das Schweden in die Nähe des übermächtigen Frankreich rücken würde, scheint sich aus den Quellen indes nicht ableiten zu lassen. Endgültig die Fehrbelliner Niederlage 1675 und der Niedergang der militärischen Präsenz Schwedens in Norddeutschland ließen aus dem Feindbild eher ein Spottbild werden.
Der großen Bedeutung, die die Beziehungen zwischen dem Reich und Frankreich für die europäische Geschichte der Frühneuzeit besitzen, entspricht eine tiefe Widersprüchlichkeit und Spannungsgeladenheit, die das Frankreichbild in Deutschland auszeichnet. Ob Anziehung oder Abneigung dominierten, war stets eine Frage politischer, konfessioneller, kultureller oder auch regionaler Voraussetzungen und Konjunkturen, Gleichgültigkeit kannten die deutsch-französischen Beziehungen im Grunde zu keiner Zeit. Als machtpolitische Herausforderung ohnegleichen für den Rest des Kontinents und dominierende zivilisatorisch-kulturelle Referenz bekam besonders das römisch-deutsche Reich im Herbst seiner Geschichte die geballte Präsenz des innenpolitisch konsolidierten und außenpolitisch aggressiv-offensiven Frankreich zu spüren. Die Vielschichtigkeit und Gegensätzlichkeit des deutschen Frankreichbildes findet sich geradezu verkörpert in der historischen Gestalt Ludwigs XIV. Ein Leibniz konnte die bedeutenden französischen Leistungen in wichtigen Bereichen von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft vorbehaltlos würdigen, gegen die Eroberungs- und Hegemonialpolitik dieses absolutistischen Herrschers rief er seine Landsleute zum entschlossenen Widerstand auf. Das letzte Drittel des 17. Jhs. war in immer stärkerem Maß von einem Feindbild geprägt, das Frankreich als Gefährdung für die Existenz des Reiches als der staatlichen Grundlage der deutschen Nation wahrnahm. Die Verteidigung der angeblich von Habsburg bedrohten Reichsverfassung, vormals bedeutendster ideologischer Anknüpfungspunkt für die französische Interventionspolitik in Deutschland, wurde nun als Topos deutscher Selbstbehauptung gegen Frankreich gewendet, garantierte die deutsche Libertät doch nach wie vor die Friedens- und Rechtsgemeinschaft auch der kleinsten Reichsstände. Die Verfassung im Frankreich Ludwigs XIV. lieferte für die deutsche Seite das Gegenbild dazu: Adel und Stände seien rechtlos einer monarchischen Willkürpolitik unterworfen, die innen- wie außenpolitisch für die Reichspublizistik das gleiche Gesicht bot. Fremdenfeindliche Stereotypen fanden auch auf reichsinterne Gegner Anwendung, wie z.B. deutsche Adels- und Hofkreise, die sich aufgrund einer trotz des Krieges weitgehend unverminderten Rezeption französischer Sprache und Lebensart als Zielscheibe anboten. In Absetzung zum frankophilen höfischen Adel blieb in Landbevölkerung, Stadtbürgertum und Reichspublizistik ein Misstrauen gegenüber Frankreich, das auch im 18. Jh., z.B. in den Schlesischen Kriegen, wieder aktiviert werden konnte. Von einem kontinuierlichen Bewusstsein in Sachen »Erbfeindschaft« kann allerdings nicht die Rede sein.
Insgesamt kann die quellengesättigte und analytisch starke Studie überzeugend belegen, welch konstitutiven Charakter Feindbilder bei der Festigung deutschen Reichs- und Nationalbewusstseins besaßen. Die sich auf Reich und Reichsverfassung als politische Grundlage der Nation berufende reichspatriotische Publizistik übernahm dabei eine zentrale Rolle. Die historische Frühneuzeitforschung ist hier um ein wertvolles und spannendes Buch reicher.
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