R. Scurr: Fatal Purity (Jörg Monar)
Ruth
Scurr, Fatal Purity, London (Chatto & Windus) 2006, XII–388 S.,
ISBN 0701176008, GBP 20,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Jörg
Monar, Straßburg
Die Gestalt des »Unbestechlichen« scheint auf die britische Historiographie eine nachhaltige Faszination auszuüben, haben sich an ihr doch sehr viel mehr britische Historiker versucht – darunter führende wie James Matthew Thompson – als in anderen europäischen Ländern (dies mit der offenkundigen Ausnahme Frankreichs). Vielleicht hat diese Faszination ihren Ursprung in der Abwesenheit einer ähnlichen, die Umsetzung radikaler politischer Ideologie in führender politischer Position so sehr verkörpernden Persönlichkeit in der britischen Geschichte. Der Untertitel dieser neuen Biographie mit seinem Postulat der »fatalen Reinheit« Robespierres, in dem sich die Anziehungskraft persönlicher Integrität und ein Anklang zwangsläufigen Verderbens gewissermaßen vermählen, scheint eine solche Interpretation zu unterstützen.
Die Autorin, Ruth Scurr, Journalistin und Dozentin der Universität Cambridge, beabsichtigt ihrem eigenen Anspruch nach, den Menschen Robespierre in seinem Verhalten und seiner Motivation besser zu verstehen. Dies ist kein müßiger Anspruch, haben sich die meisten ihrer Vorgänger – mit der bedeutenden Ausnahme von Max Gallo – doch vornehmlich mit den Fakten und Konsequenzen seines Handelns und seiner ideologisch-politischen Position in der Revolution beschäftigt. Die Autorin übt in der Einleitung Kritik an denen, die den »Unbestechlichen« vor allem als »blutdürstigen Scharlatan« betrachten und betont, dass sie im Gegensatz dazu versucht habe, die Dinge – obzwar nicht unkritisch – »aus seiner Sicht« zu sehen. Dies ist ein für die Robespierre traditionell kritisch-distanziert behandelnde britische Historiographie eher ungewöhnlicher Ausgangspunkt.
Methodisch verfolgt die Autorin ihr Ziel in eher konventioneller Weise. Die Biographie basiert auf einem strikt chronologischen Ansatz in fünf Teilen, der mit dem Lebensweg Robespierre vor der Revolution beginnt und mit der Phase der terreur 1793–1794 endet. Der Versuch einer die Chronologie übergreifenden systematischen Interpretation der komplexen Persönlichkeit des »Unbestechlichen« in einem separaten Kapitel wird nicht unternommen, was allerdings auch den Vorteil hat, dass die evolutive Seite der Persönlichkeit – insbesondere die zunehmende Erstarrung und der zunehmende Realitätsverlust – deutlicher hervortritt. Ihre Quellen schöpft die Biographie vor allem aus einer insgesamt soliden Kenntnis der relevanten Sekundärliteratur, obwohl gelegentlich auch direkt aus Originalquellen wie Zeitungen der Revolutionsperiode und den Archives parlementaires zitiert wird. Neue Quellen und Fakten werden nicht erschlossen, wobei dies zum Thema Robespierre allerdings auch kaum noch erwartet werden kann. Wohl zu erwarten wäre hingegen eine gelegentlich etwas differenziertere Kenntnis des weiteren politischen Kontextes. So lässt sich etwa die Behauptung der Autorin, dass Robespierre selbst die »effektive Kontrolle« von zehn der zwölf Exekutivkommissionen (Ministerien) der Revolutionsregierung ausgeübt habe (S. 278), nicht mit der kollektiven Natur und Kontrolle der Regierungsgewalt unter der Wohlfahrtsdiktatur vereinbaren. Vermeiden lassen hätten sich auch eine Reihe kleinere Irrtümer, so beispielsweise die Gleichsetzung (S. 42) der damals recht beträchtlichen Summe von 400 Livres mit heutigen bloßen 130 britischen Pfund (190 Euro).
Wie alle Robespierre-Biographen steht auch Ruth Scurr vor dem Problem des Mangels ausführlicherer Informationen zur – aufgrund des frühen Todes der Mutter und eines verantwortungslosen Vaters – nicht einfachen Jugend Robespierres. Sie versucht dieses Defizit teilweise durch nähere Beschreibungen des Umfeldes – etwa der Schule und des mehr vermuteten als bewiesenen frühen Einflusses der Aufklärungsliteratur – auszugleichen, es gelingt ihr aber nicht immer eine direkte Verbindung zwischen diesen Umfeldfaktoren und dem jungen Robespierre herzustellen, so dass sich gelegentlich der Eindruck nicht gänzlich notwendiger Exkurse aufdrängt. Das sich anschließende Kapitel über seine Zeit als Anwalt in Arras lässt die für einen späteren radikalen Revolutionär bemerkenswert konservativ-konventionellen Verhaltensweisen und Einstellungen Robespierres gut hervortreten, wobei die von ihm aus dieser Zeit erhaltenen Texte (vor allem eine akademische Preisschrift und Gedichte) allerdings eine deutlich vertiefte Analyse verdient hätten.
Eine der zentralen Fragen der Entwicklung der Persönlichkeit Robespierres ist zweifellos die der zunehmenden Radikalisierung seines Denkens und Handelns, sowohl hinsichtlich der persönlichen Identifizierung mit einer rousseauistisch-antikisierenden Tugendwelt als dem Ziel der Revolution als auch der Akzeptanz massiver revolutionärer Gewaltanwendung zur Erreichung dieses Ziels, die sich nicht unbedingt folgerichtig aus dem eher konventionellen Denken eines Montesquieu verpflichteten und gelegentlich bescheidene Gedichte schreibenden Provinzanwalts ergibt. In den die Jahre 1788 bis 1791 behandelnden Teilen II und III hätte die Autorin versuchen können, die Ursprünge dieses Radikalisierungsprozesses zu ergründen, beschränkt sich stattdessen aber darauf, weitgehend deskriptiv diese erste Phase der politischen Karriere Robespierres in allen wesentlichen Elementen nachzuzeichnen. Nicht zuletzt dank eines lebendigen Stils und der geschickten Einflechtung aller bekannten Elemente seiner privaten Existenz – wie etwa des Verhältnisses zu seiner Schwester Charlotte und seiner Integration in die kleinbürgerliche Famile der Duplays – gelingt es Scurr, den »Unbestechlichen« weniger blass und unpersönlich erscheinen zu lassen als in den meisten vorangegangenen Biographien. Sie bleibt jedoch beispielsweise jede Erklärung schuldig, warum der sich anfänglich gegen die Todesstrafe aussprechende junge Politiker, den in Arras nichts auf derartige Szenen vorbereitet hatte, bereits die ersten Lynchmorde nach dem Fall der Bastille im Juli 1789 ausdrücklich als Ausdruck gerechter Volksjustiz begrüßte (S. 85). Eine systematischere Beschäftigung mit den möglichen persönlichen Hintergründen für die Radikalisierung seines Denkens, die dem »Unbestechlichen« im Verein mit seiner Geradlinigkeit und Prinzipientreue ab 1790 – vor allem auf dem Wege über den Jakobinerklub - eine zunehmende politische Gefolgschaft sicherte, hätte dem Ziel einer neuen Annäherung an den Menschen Robespierre gewiss mehr gedient als vage Spekulationen über sein Verhältnis zu Frauen (S. 101–103), die auf den höchst zweifelhaften Erinnerungen – wie selbst die Autorin zugibt – seines angeblichen Sekretärs Pierre Villiers beruhen. Langwierige Exkurse wie etwa zur Rolle von Mirabeau (S. 125–131) machen wohl die Dynamik und Faktoren des politischen Umfeldes deutlich, nicht aber, warum sich Robespierre in diesem Umfeld ab 1790 immer deutlicher von anderen führenden Revolutionären als Persönlichkeit abhob.
Die Teile IV und V, die die Zeit vom der Legislative bis zur Thermidorkrise behandeln, bilden die wohl überzeugendsten Partien der Biographie. In einer facettenreichen und insgesamt ausgewogenen Darstellung zeichnet die Autorin den Weg Robespierres zu seiner höchsten Machtstellung während der Wohlfahrtsdiktatur nach, wobei er ebenso oft als nur getrieben von den Ereignissen wie als deren Mitverursacher und Beschleuniger erscheint. Es wird deutlich, wie sehr die revolutionäre Dynamik – die Robespierre theoretisch-ideologisch zu erklären, zu rechtfertigen und zu steuern suchte – ihn gelegentlich überforderte, so etwa während des Sturzes der Monarchie im August 1792 und der folgenden September-Massaker, wo er im Unterschied zu Danton kaum mehr als eine ohnmächtige Statistenrolle spielte. Ebenfalls deutlich wird, wie sehr sich der »Unbestechliche« während der Wohlfahrtsdiktatur mehr und mehr unter Druck fühlte, die eskalierenden Maßnahmen auch vor sich selbst zu rechtfertigen. Dies resultierte in einer immer abstrakteren Ideologie revolutionärer Bedrohungen und Tugenden, die Robespierre in einer Mischung aus isolierender Selbstgerechtigkeit und Verfolgungswahn zunehmend den Kontakt zur politischen Realität verlieren ließ. Wirklich »fatal« wurde die von Robespierre vertretene »Reinheit« erst durch ihre Transformation in einen Rechtfertigungsgrund sowohl für seine eigene politische Existenz als auch für die Gewaltmaßnahmen unter der terreur, ein Aspekt, der allerdings mit größerer Klarheit hätte herausgearbeitet werden können.
Das kleinbürgerliche Familienidyll der Tischlerfamilie Duplay wird überzeugend als das letztlich einzige emotionale Refugium des in den letzten Monaten zunehmend zwischen einer hehren, aber eisigen Welt der Tugendideale und einer immer schwerer beherrschbaren blutigen und ihm entgleitenden politischen Realität zerrissenen »Unbestechlichen« dargestellt. Aufgrund der auf die Person Robespierres konzentrierten Betrachtungsweise Scurrs erscheint die Thermidor-Krise in erster Linie als die terminale Krise Robespierres, der aufgrund seiner undifferenzierten Anklagen, Inflexibilität und Isolierung entscheidend sowohl zur Formierung einer starken Opposition im Konvent als auch zur Erosion der Einheit des Wohlfahrtsausschusses beitrug. Damit machte er auch den letzten Vermittlungsversuch im Ausschuss, den sein Kollege Saint-Just angestrebt hatte (und dessen Verhältnis zu ihm ungewöhnlich differenziert dargestellt wird), letztendlich aussichtslos.
Die Autorin lässt sich am Ende in ihrer – trotz vieler kritischer Elemente – deutlich ›sympathisierenden‹ Betrachtung Robespierres etwas weit tragen, wenn sie den Aufschrei Robespierres vor der Guillotine – als man ihm den Verband um seinen zerschmetterten Kiefer abriss – akribisch und mit fast physischer Intensität als Ausdruck seiner Verzweiflung angesichts des endgültigen Scheiterns aller seiner Ideale interpretiert (S. 323f.). Ganz abgesehen davon, dass sich Robespierre dieses Scheiterns – das zeigt seine letzte Rede und spätestens sein versuchter Selbstmord in der Nacht vom 9. auf den 10. Thermidor – bereits vorher bewusst geworden war, zeugt dieser abschließende Exkurs von einem gewissen Mangel an Sensibilität angesichts des elementaren körperlichen Leidens eines Menschen in dieser Situation. Es gibt Zeugnisse persönlichen Leidens, die Historiker wohl erwähnen, aber aus Respekt vor ihrem Sujet nicht zur Stützung ihrer Thesen ausweiden sollten. Dies nimmt der Biographie von Ruth Scurr aber nicht ihren Wert als Versuch, hinter der politischen Maske des wohl umstrittensten Protagonisten der Französischen Revolution einen letztlich an sich selbst mindestens ebenso sehr wie an den Umständen gescheiterten Menschen erkennbar werden zu lassen, dessen »fatale Reinheit« außer ihm selbst auch vielen anderen zum Verhängnis wurde.
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